Staatsoper von

Hänsel und Gretel im
Dickicht des Mittelmaßes

Heinz Sichrovsky über eine nur orchestral Staatsopern-adäquate Produktion

Hänsel und Gretel in der Staatsoper © Bild: APA/HERBERT NEUBAUER

Klarerweise kann man eine Direktion nicht dafür verantwortlich machen, dass einer Opernpremiere über einen Zeitraum von mehreren Monaten die Hälfte der Protagonisten abhanden kommt. Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ an der Wiener Staatsoper aber ist ein komplizierter gelagertes Malheur: Die Einspringer sind mehrheitlich gar nicht das Problem.

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Elisabeth Kulman, die den Hänsel hätte singen sollen, entschloss sich im vergangenen April zur Einstellung ihrer Opernaktivitäten. Chen Reiss, die Gretel, erkrankte eine Woche vor der Premiere. An deren Vormittag schließlich erklärte sich Adrian Eröd außerstande, den Vater zu singen. Die Leistung des ihn ersetzenden Clemens Unterreiner entzieht sich somit der Kritik (wofür auch der Kritiker nicht undankbar ist). Die beiden anderen Einspringerinnen aber, Daniela Sindram und Ileana Tonca, entledigen sich ihrer Aufgaben ohne Probleme. An der Volksoper, wo eine glückhafte Produktion des Werks seit vier Jahrzehnten auf dem Spielplan steht, würde sich dieses Titelpaar gut ins Repertoire fügen. Das lässt sich von Michaela Schusters in Mikl-Leitner-Maske agierender Hexe nicht behaupten. Die einst gestandene Wagner-Heroine präsentiert sich in alarmierender stimmlicher Verfassung, selbst wenn man einrechnet, dass ihr die Partie exemplarisch schlecht liegen dürfte. Da auch Annika Gerhards in den prinzipiell bezwinglichen Rollen des Sand- und des Taumanns keine Glanzleistungen erbringt, konzentriert sich einiges Interesse auf Janina Baechle, die Mutter, die man zweckmäßigererweise als Hexe eingesetzt hätte.

Hänsel und Gretel in der Staatsoper
© APA/HERBERT NEUBAUER Daniela Sindram (rechts) als "Hänsel" und Ileana Tonca als "Gretel"

Nicht genug der Mediokritäten: Was Adrian Noble (Regie) und Anthony Ward (Bühnenbild) erstellen, beruht in aller Unmaßgeblichkeit auf dem Nichtverstehen eines deutschen Märchens, das an die archetypischen Ängste rührt. Auch Humperdinck, der sich mit liebenswertem, aber hoch inspiriertem Einsatz am riesigen Wagner’schen Orchesterapparat bedient, hat das Werk in diesem Kulturkreis verortet. Noble und Ward hingegen mobilisieren die routinierte Unmissverständlichkeit eines von aller Poesie, allem Geheimnis und allen psychologischen Zwischentönen gereinigten Kindermusicals.

So stehen – respektive: sitzen – die Wiener Philharmoniker unter dem rechtens unermesslich gefeierten Christian Thielemann auf einsamer Höhe der Ereignisse. Thielemann, der nicht viele Proben absolviert hat und nur vier Vorstellungen dirigiert, führt die ihn mehrheitlich anbetenden Musiker zu atemberaubendem Farbenreichtum und modelliert quasi mit dem kleinen Finger alles zur Vollkommenheit, was sich auf der Bühne nicht einmal in Ansätzen erschließt.

Hänsel und Gretel in der Staatsoper
© APA/HERBERT NEUBAUER Michaela Schuster (Mitte) als "Knusperhexe"

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