Hälfte der 30 Mio. Kurden leben in Türkei: Häufig gespalten und ohne eigenen Staat

Sprichwort: "Die Berge sind unser einziger Freund" Seit 1984 wurden mehr als 37.000 Menschen getötet

"Die Berge sind unser einziger Freund", heißt ein kurdisches Sprichwort. Es sagt viel aus über die rund 30 Millionen Kurden, die vor allem in den Berggebieten im Dreiländereck von Türkei, Irak und Iran leben. Trotz einer langen Geschichte und einer reichen Tradition ist es den Kurden bis heute nicht gelungen, einen eigenen Staat zu gründen. Vielmehr präsentieren sie sich oftmals zerstritten. Sie werden von anderen in die Enge getrieben - und getötet, wie bei den Giftgasangriffen der irakischen Sicherheitskräfte unter Saddam Hussein auf kurdische Bergdörfer Ende der achtziger Jahre.

In der Türkei, wo die Kurden immer wieder als "Bergtürken" bezeichnet werden, leben schätzungsweise rund 14 Millionen - und damit rund die Hälfte aller Kurden weltweit. In dem langen Kampf zwischen der inzwischen verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und der türkischen Armee wurden seit 1984 mehr als 37.000 Menschen getötet. Viele Kurden flüchteten vor der Verfolgung durch die türkischen Sicherheitskräfte ins Ausland. Das gilt auch für einen erheblichen Teil der rund 500.000 Kurden, die sich in Deutschland niederließen.

1514 teilten sich Perser und Osmanen erstmals die Herrschaft über Kurdistan. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches wurde den Kurden 1920 im Vertrag von Sèvres ein eigener Staat zugesagt; im Lausanner Friedensvertrag von 1923 wurde diese Zusage jedoch wieder rückgängig gemacht. Stattdessen wurde der einst osmanische Teil des Kurdengebietes dem Irak, Syrien und der Türkei zugeschlagen. Ein zweiter Kurdenstaat entstand für kurze Zeit im Iran, als sowjetische Truppen 1945 die kurdische "Volksrepublik von Mahabad" stützten. Als die Rote Armee die Kurden 1947 fallen ließ, brach der Staat zusammen.

"Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die Kurden wie Werkzeuge in der Hand des Persischen und des Osmanischen Reiches", sagt der Nahost-Experte Olivier Roy. Erst als die Türken und Perser starke nationalstaatliche Entwicklungen durchmachten, seien auch bei den Kurden Forderungen nach einem Staat laut geworden. Doch so sehr sich die Staaten der Region oft spinnefeind waren - beim Niederhalten der Kurden fanden sie immer wieder zusammen. So verpflichteten sich Teheran, Ankara und Bagdad im Pakt von Saadabad 1947, gemeinsam gegen "bewaffnete Banden" vorzugehen - und der Iran und der Irak 1975, die kurdischen Autonomiebestrebungen im jeweiligen Nachbarland nicht zu unterstützen.

Völlig neu aufgestellt wurde die Kurden-Region, als die von den USA geführte Kriegskoalition 2003 den damaligen irakischen Präsidenten Saddam Hussein entmachtete. Seither konnten die Kurden im Nordirak faktisch eine Art Selbstverwaltung errichten - und zogen magnetisch jene Kurden aus der Türkei an, die Rückzugsbasen für den Kampf gegen die türkische Armee benötigten.

(apa/red)