Studie von

"Habsburger Unterlippe" laut
Forschern Folge von Inzucht

Studie - "Habsburger Unterlippe" laut
Forschern Folge von Inzucht © Bild: apa/ROLAND SCHLAGER

"Du, glückliches Österreich, heirate" - nach diesem Motto sicherten die Habsburger über Jahrhunderte ihre Macht über viele Teile Europas. Ebenfalls aus Gründen des Machterhalts wurde bekanntlich auch oft innerfamiliär geheiratet. Dass die berühmte "Habsburger Unterlippe" mit dieser Praxis zusammenhängt, zeigte nun ein Team um spanische Forscher im Fachblatt "Annals of Human Biology".

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© APA/Robert Jäger

Auffallend vorstehend waren Unterlippe und -kiefer bei vielen Vertretern der so einflussreichen Herrscherfamilie. Im Gegensatz dazu war der Oberkiefer schwächer ausgeprägt (Oberkiefermangel). Ebenso ein hervorstechendes Merkmal war die Nase mit Höcker und langgezogener Spitze. Dass diese Art der charakteristischen Gesichtsdeformation auch mit Inzucht in Zusammenhang steht, wurde vielfach angenommen, ein wissenschaftlich belastbarer Beweis lag jedoch bisher nicht vor, schreiben die Forscher um Roman Vilas von der Universität von Santiago de Compostela (Spanien) am Montag in einer Aussendung.

Wie es zur Vererbung kommt

Zustandekommen kann die Vererbung solcher Merkmale auf verschiedene Arten: Ist ein dominantes Gen dafür verantwortlich, reicht es, wenn der dafür verantwortliche Erbgutteil von einem Elternteil kommt. Handelt es sich um rezessive Vererbung kommt ein Merkmal nur zum Tragen, wenn beide Eltern das Gen weitergeben. Ist ein solches Gen in einer Familie verbreitet und es gibt viele Ehen zwischen Verwandten, fördert die Inzucht demnach die Verbreitung des Merkmales.

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Die Wissenschafter haben für ihre Studie zehn Experten für Gesichtschirurgie das Vorhandensein der typischen Merkmale in 66 zeitgenössischen Porträts von 15 Mitgliedern der Habsburger Familie vom 15. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts einschätzen lassen. Die Gemälde stammten großteils aus den Sammlungen des Prado in Madrid und des Kunsthistorischen Museums (KHM) in Wien und könnten als relativ authentisch angesehen werden, schreiben die Forscher in ihrer Arbeit.

Wer besonders betroffen war

Besonders stark ausgeprägt war der vorspringende Unterkiefer laut den Experten bei der spanischen Königin Margarete von Österreich (1584-1611), dem spanischen König Philipp IV. (1605-1665) und dem heuer aufgrund seines Todes vor exakt 500 Jahren sehr präsenten Kaisers Maximilian I. (1459-1519). Der Oberkiefermangel war demnach bei Philipp IV. von Spanien am ausgeprägtesten, gefolgt von Karl V. (1500-1558) und Karl II. von Spanien (1661-1700). Darüber hinaus erstellte das Forschungsteam eine Art Maßzahl für das Ausmaß an Inzucht für die 15 untersuchten Habsburger aufgrund eines Stammbaums, der rund 6.000 Habsburger über 20 Generationen hinweg umfasste.

© Shutterstock/ Everett - Art Porträt von Maximilian I.

Die Analyse ergab einen großen Zusammenhang zwischen großem Unter- und kleinem Oberkiefer, was darauf schließen lasse, dass die "Habsburger Unterlippe" oder das "Habsburger Kinn" durch beide Fehlbildungen charakterisiert ist und eine gemeinsame genetische Grundlage hat. Zwischen dem Ausmaß an Inzucht und der Unterkieferfehlbildung ergab sich ein statistisch signifikanter Zusammenhang. Auch zwischen dem Maß für Inzucht und dem Oberkiefermangel war die Verbindung stark, aber nicht signifikant. Auch wenn es aufgrund der geringen Anzahl an untersuchten Personen theoretisch möglich sei, dass die Merkmalsübereinstimmungen rein zufällig zustande kommen, würden die Ergebnisse für eine rezessive Vererbung sprechen, hieß es.

»Wir zeigen nun zum ersten Mal den klaren Zusammenhang zwischen Inzucht und dem Auftreten der 'Habsburger Unterlippe'«

"Wir zeigen nun zum ersten Mal den klaren Zusammenhang zwischen Inzucht und dem Auftreten der 'Habsburger Unterlippe'", so Vilas. Da es in manchen Weltgegenden, religiösen oder ethnischen Gruppen auch heute noch relativ viel Inzucht gebe, seien diese historischen Analysen auch von aktueller Bedeutung. "Die Habsburgerdynastie ist eine Art natürliches Labor, das uns die Erforschung ermöglicht, da das Ausmaß an Inzucht hier so unterschiedlich war", sagte Vilas.