Haberzettl im zweiten Anlauf nun FSG-Chef: Eisenbahner war im April noch gescheitert

Porträt: Positionierte sich in letzte Zeit als Reformer

Im zweiten Anlauf klettert Wilhelm Haberzettl (51) nun doch an die Spitze der Fraktion sozialdemokratischer Gewerkschafter (FSG). War er im April noch im Ringen der großen Blöcke untergegangen, blieb nun auch den ÖGB-Granden nach dem Rücktritt von Wilhelm Beck nichts anderes mehr übrig, als den karriere-ambitionierten Eisenbahner-Chef an der Spitze zu akzeptieren. Haberzettl hat sich in den letzten Wochen als Reformer positioniert, gesprochen hat er dabei freilich lieber in Medien als in Gremien, was seine Popularität im ÖGB deutlich sinken ließ.

Der Eisenbahner-Chef hatte schon als logischer Nachfolger für ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch gegolten. Der 51-Jährige hat das richtige Alter, spätestens mit den ÖBB-Streiks Handlungskraft bewiesen und als Eisenbahner-Chef eine gut organisierte Gewerkschaft hinter sich. Außerdem besitzt er einen gewissen herben Charme, entkommt zumindest manchmal dem technokratischen Gewerkschaftssprech und ist ein Liebling vieler Medien. Freilich gilt er manchen Spitzen im ÖGB auch als zu machthungrig und in Sachen Reformfreude als unberechenbar.

Hinzu kam, dass Haberzettl es in den letzten Wochen verstand, sich in der Gewerkschaft gezielt Feinde zu machen. Zuletzt zweifelte er öffentlich an, ob das ÖGB-Präsidium wirklich nichts von der Übernahme der BAWAG-Schulden durch den Gewerkschaftsbund gewusst habe und verdächtigte damit praktisch die gesamte Gewerkschafts-Führungsriege der Lüge. Auch mit seiner Skepsis bezüglich der geplanten Kandidatur von Interimschef Rudolf Hundstorfer als ordentlicher ÖGB-Präsident sorgte er zumindest in der Gewerkschaft für einiges Aufsehen.

Haberzettl freut sich auf Kritik an Gusenbauer
Ganz auf Linie zeigte sich Haberzettl freilich, als es darum ging, die Interessen der FSG gegenüber der SPÖ zu verteidigen. Er fühle sich "sehr, sehr schlecht" dabei, wenn die Partei, der er nahe steht, ihn "einfach von einer politischen Funktion ausschließt", sagte er jüngst in einer Fernseh-Diskussion. Gleichzeitig plädierte er für mehr Konfliktfreude: "Als nicht Zugelassener zum Parlament" werde es ihm in Zukunft "Freude machen", SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer auch öffentlich zu kritisieren.

Davon, dass solche kämpferischen Sätze bei ihm keine hohlen Phrasen sind, können die ÖBB ein Lied singen. Im Rahmen der Proteste gegen geplante Eingriffe in das ÖBB-Dienstrecht schwang sich Haberzettl zum "Rekord-Streikführer" auf. Exakt 66 Stunden standen die Züge der ÖBB im November 2003 still. Auch bei den Abwehrstreiks des ÖGB gegen die Pensionsreform fuhr die Bahn nicht.

Seit 17. Lebensjahr bei den ÖBB
Eisenbahner ist Haberzettl durch und durch. Sein Vater war bei der Bahn, er selbst ist seit seinem 17. Lebensjahr bei den ÖBB und sein Sohn ist auch Eisenbahner geworden. Geboren in St. Pölten am 2. Juli 1955 startete er seine ÖBB-Karriere vor mehr als 30 Jahren am Bahnhof Zell am See. Nach Abschluss der dort absolvierten Ausbildung avancierte er zum Fahrdienstleiter, ein Posten, der ihn durch 14 Salzburger Bahnhöfe von Krimml bis zum Hauptbahnhof der Landeshauptstadt führte. In der Eisenbahner-Gewerkschaft ging es ebenfalls schnell nach oben. Seit 1999 ist er der Chef.

Haberzettls Wirken hört aber nicht an Österreichs Grenzen auf. Der Eisenbahner-Chef ist in Brüssel oft gesehener Gast. Immerhin fungiert er auch als Präsident der europäischen Transportarbeiter-Föderation - für ihn sehr praktisch, konnte er sich doch mit dieser guten Ausrede bei den diversen wichtigen Sitzungen der vergangenen Monate immer wieder ins Ausland verziehen.

Ein neues Betätigungsfeld hat der Hobbytaucher Haberzettl seit Kürzerem. Er fungiert als Vize-Vorstandschef im Hauptverband der Sozialversicherungsträger. Pikant ist dies insofern, als seine Klage gegen die erste Hauptverbandsreform der damals schwarz-blauen Regierung wegen seines Ausschlusses aus den Gremien der Regierung eine der bittersten Niederlagen vor dem Verfassungsgerichtshof beschert hatte.

Nun ist Haberzettl FSG-Chef auch noch. Auf Dauer bleiben will er das nicht, sagt sein Umfeld mit Verweis darauf, dass ja die Eisenbahner gerade ihre Fusion mit Tourismus- und Handel-Transport-Verkehr-Gewerkschaft zur neuen Gewerkschaft "Vida" vollziehen. So recht glauben will das freilich niemand. Denn bei all seinen Ecken und Kanten, viel geeigneteres Personal als Haberzettl findet man derzeit im ÖGB nicht so leicht.
(apa)