"Hab und Gier" von

Ingrid Noll im Interview

Das Böse hinter dem Gartenzaun: die Grande Dame des deutschsprachigen Thrillers

Ingrid Noll © Bild: imago/Sven Simon

Es ist ein dreifach teuflisches Offert, das der kinderlose Büchereimitarbeiter seiner Ex-Kollegin unterbreitet. Übernimmt sie Kosten und Pflege seiner letzten Ruhestätte, soll sie ein Viertel seines beträchtlichen Vermögens erben. Im Falle pflegerischer Hilfeleistungen wird es die Hälfte sein. Legt sie aber auch beim Übertritt über den Jordan Hand an ihn, so will er sie als Alleinerbin einsetzen. Ingrid Noll, Herrin über das lauschige Verbrechen, hat wieder zugelangt. „Hab und Gier“ (Diogenes, € 22,60,–) zählt zum Schwärzesten und Komischsten, das sie je verfasst hat. Noll war bereits Mitte fünfzig und die Kinder aus dem Haus, als der Zürcher Diogenes-Verlag auf sie aufmerksam wurde. Ihre mit Katja Riemann verfilmte „Apothekerin“ blockierte ein Jahr die „Spiegel“-Liste. Das Interview mit der Grande Dame des deutschsprachigen Thrillers.

NEWS: In ihren Romanen sind es ja meist Gut- oder Kleinbürgerliche, die zu morden beginnen. Was ist das Böse und steckt es in uns allen?
Ingrid Noll: Das Böse ist banal, es steckt in jedem Menschen, aber im Allgemeinen wird es durch Liebe, Erziehung, Sozialisation, Gesetze und positive Vorbilder gebändigt oder bleibt zumindest unter Verschluss. Ein Baby ist weder gut noch böse, aber wenn es sich selbst überlassen bliebe, würde es mit Sicherheit keine Empathie entwickeln. Fast jeder hat in Träumen oder rein theoretisch schon finstere Pläne ausgebrütet, würde sie aber niemals in die Tat umsetzen.

NEWS: Aus welchen Gründen werden die meisten Verbrechen begangen? Ist es die im Titel angesprochene Gier?
Ingrid Noll: Da kann ich natürlich nicht mit einer Statistik aufwarten, doch bei Mord soll es sich häufiger um Beziehungstaten als um professionelle Kriminalität handeln. Rache, enttäuschte Liebe und ihre Umkehrung in Hass sind starke Motive. In der heutigen Zeit steht wohl oft die Unersättlichkeit, die Gier nach Geld, Macht, Besitz, Sex, Prestige, Luxus, ewiger Jugend oder einem lukrativen Job im Vordergrund.

NEWS: Sind Frauen die besseren Mörder?
Ingrid Noll: Ich glaube schon, denn sie lassen sich nicht so leicht erwischen und sind seltener im Gefängnis anzutreffen. Da sie nicht mit körperlicher Überlegenheit auftrumpfen können, setzen sie traditionell auf List und Heimtücke. Kinder-, Kranken- und Altenpflege, die Zubereitung der Mahlzeiten und die Kenntnis der Giftpflanzen waren seit eh und je die Domäne der Frauen.

NEWS: Was sind Ihrer Meinung nach die fünf besten Krimis aller Zeiten?
Ingrid Noll: Diese Frage ist schwer zu beantworten, denn immer wieder lese ich neue, ausgezeichnete Kriminalromane. Um keinen meiner geschätzten und glücklicherweise noch lebenden Kollegen zu benachteiligen, begnüge ich mich hier mit Klassikern: "Der talentierte Mister Ripley" von Patricia Highsmith, "Im Namen der Rose" von Umberto Eco, "Wachtmeister Studer" von Friedrich Glauser, "Das Versprechen" von Friedrich Dürrenmatt (verfilmt als "Es geschah am helllichten Tage") und "Kaltblütig" von Truman Capote.

NEWS: Wie würden Sie, wenn Sie müssten, morden?
Ingrid Noll: ...von gaaanz weit weg, etwa mit einem Zielfernrohr oder vergifteten Pralinen...

NEWS: Ein Wort zu einem Thema Ihres Romans: In welchen Fällen hielten Sie Sterbehilfe für gerechtfertigt?
Ingrid Noll: Die Voraussetzung wäre, dass es eindeutig der Wille eines Schwerkranken oder zumindest eines alten Menschen ist und kein Missbrauch möglich ist. Depressiven und Menschen in einer akuten Krise (denen man helfen kann) sowie Jugendlichen würde ich Sterbehilfe verweigern, doch prinzipiell finde ich es in Ordnung, dass ein mündiger Mensch einen selbstbestimmten Zeitpunkt und einen schmerzfreien Tod wählen darf.

NEWS: Sie begannen erst mit Mitte fünfzig zu schreiben. Halten Sie es im Rückblick für gut, dass der Erfolg erst spät kam? Viele junge Menschen verkraften großen, schnellen Erfolg oft nicht und die mediale Belastung, die damit einhergeht. Donna Leon meinte einmal, dass sie froh sei, dass sie bereits gefestigt war, als der Erfolg kam. Stimmen Sie ihr zu?
Ingrid Noll: Donna Leon hat recht. Auch ich war bereits geerdet und konnte mich über den Erfolg zwar freuen, doch ohne mir viel darauf einzubilden. Ich habe jahrelang nicht unzufrieden gelebt und weiß, dass ich es auch ohne Rampenlicht wieder könnte. Im Übrigen verfügt man in etwas höherem Alter über Lebenserfahrung und Menschenkenntnis – wichtige Voraussetzungen für das Schreiben eines Krimis.

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