Grund für Panik haben nur die anderen

Der nächste Winter wird teuer. Und je länger man wartet, desto teurer wird er. Bleibt die Frage: Wer sagt es wem?

von Kathrin Gulnerits © Bild: News/Matt Observe

Was haben wir für ein Glück. Während die Deutschen in diesen Tagen ein Horrorszenario - der Finanzminister etwa sieht die Gefahr einer ernst zu nehmenden Wirtschaftskrise - nach dem anderen an die Wand malen, lassen wir uns die Sommertage nicht durch schlechte Nachrichten von der Gasfront vermiesen. Uns reicht ein Gipfel mit dem kleinen Krisenkabinett an einem Sonntagabend, um Handlungsfähigkeit zu zeigen: Im Notfall wird das Kraftwerk Mellach wieder hochgefahren. Die technische Umrüstung dafür dauert Monate. Das geht sich aus. Oder auch nicht. Wir haben ja noch die Absichtserklärung aus den Emiraten in der Lade liegen - also unseren "Meilenstein für Österreich in Richtung Unabhängigkeit von russischem Gas". Grund für Panik besteht also nicht. Zuletzt hat diese Devise übrigens der Wirtschaftsminister ausgegeben. Ja, Gazprom liefere zwar seit einigen Tagen etwa um die Hälfte weniger Gas nach Österreich, aber das sind halt "strategische Spielchen". Und ja, man werde versuchen, in den nächsten Monaten die Energielieferländer besser zu diversifizieren. Aktuell sind in den rot-weiß-roten Gasspeichern rund 41 Prozent des Jahresverbrauchs eingelagert. Ziel ist es, bis November die Speicher zu 80 Prozent gefüllt zu haben. Die, die derzeit mit Blick auf ihren Gasvorrat nicht so tiefenentspannt sind, vermelden einen aktuellen Speicherstand von 57 Prozent. Das Ziel: 90 Prozent. Hier wie dort hofft man, damit durch den Winter zu kommen. Hier wie dort weiß man freilich auch: Je größer die Lücke ab Herbst sein wird, desto bitterer wird es. Für die Wirtschaft. Und für jeden Einzelnen. Das kann man, das muss man aussprechen. Tut man aber nicht. Nicht in Österreich. Unangenehme Wahrheiten und Einschnitte gibt es scheinbar nur bei den anderen. Wir haben Klimabonus, Energiebonus, Inflationsabgeltung und den Teuerungsabsetzbetrag. Die Deutschen plagen sich derweil mit Sorgen um eine Wirtschaftskrise, BIP-Einbruch, Rezession und um die Existenzen von Firmen. Und sie reden längst von einer Verdoppelung, manche von einer Vervierfachung der Gaspreise.

»Wir haben den Klimabonus, andere die Sorgen um eine Rezession«

Die ökonomische Situation könne durch fehlende Energielieferungen noch schlimmer werden als in der Coronapandemie, sagt der Wirtschaftsminister Robert Habeck. Er hält eine monatelange Belastung für die Wirtschaft für möglich und thematisiert zugleich, dass sich die soziale Frage in diesem Jahr noch einmal "mit großer Vehemenz" aufdrängen werde, etwa wenn Abschlagszahlungen fällig werden und die Heizsaison beginnt. Ein "Weiter wie bisher" ist für Deutschland jedenfalls keine Option. Das Energiesparen wurde gerade zur nationalen Aufgabe erklärt. Die Kampagne, die etwa die Haushalte ansprechen soll, läuft bereits. Während also die einen warnen und handeln, setzt man hierzulande tapfer weiter auf "Wohlfühlfeeling" und die "Der Staat wird's schon richten"-Mentalität. Erfolgsaussichten eher ungewiss.

Wäre am nächsten Sonntag Bundestagswahl, würden die Grünen in Deutschland auf 25 Prozent kommen. Und in jenem Ranking, das die Politiker nach Sympathie und Leistung sortiert, liegt der Grüne Robert Habeck seit Wochen an der Spitze. Er, der Klartextredner. Mahner. Zweifler. Erklärer. Er weiß: Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar. Nicht nur in Deutschland. Auch hier.

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