Sachbuch von

"Das hat mich auch wütend gemacht"

Grischka Voss © Bild: imago/Rudolf Gigler

Vor dreieinhalb Jahren starb Schauspielgigant Gert Voss. Seine Frau folgte ihm Monate später. Nun schrieb Tochter Grischka, selbst Theaterschaffende, ihre Erinnerungen.

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Ist das nun eine Hommage an Ihre Eltern oder eine Befreiung?
Es ist eine liebevolle Hommage, und es ist vor allem für mich ein Versuch, den Menschen etwas zu vermitteln: dass man sich den Katastrophen im Leben stellen soll.

Das Buch handelt also auch von Ihnen und einer Serie von Unglücksfällen, die Sie bewältigen mussten?
Ja, ich bin insgesamt vier Mal fast ums Leben gekommen -ich wurde von einem Auto angefahren und im Verlauf einer frühen Missbrauchserfahrung fast erwürgt, ich bin fast ertrunken und bei einer Routineoperation fast gestorben. Dann habe ich regelmäßig Verluste erlitten, der Großteil des Buches gilt ja dem Sterben meiner Eltern. Das schien mir deshalb wichtig, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der das Sterben tabuisiert wird. Wenn man stirbt, hat jemand versagt, man darf nicht sterben, und wenn man es trotzdem tut, wird unterstellt, man hätte sich aufgegeben. Ich versuche daher aufzuzeigen, dass Sterben ein ganz wichtiger und auch schöner Teil des Lebens ist. Wenn man das miterleben darf, ist es eine genauso beeindruckende Erfahrung wie die Geburt eines Menschen. Die Verbindung ist ähnlich stark.

Als Erster ist Ihr Vater an Leukämie gestorben. Hat er sich ans Leben geklammert? War er verzweifelt?
Nichts von beiden. Es war ihm nie bewusst, dass er stirbt. Er war von einer großen Ahnungslosigkeit, sein Grundgefühl war eine große Irritation, dass es ihm immer schlechter ging. Und hier kommen wir wieder zum Umgang der Medizin mit dem Sterben: dass man keine Verantwortung übernehmen will, vor lauter Angst, dass man verklagt werden könnte; dass mit allen Mitteln das Weiterleben erzwungen werden soll. Ich habe das ganz schrecklich an meinem Vater erlebt. Man muss auch die Verantwortung übernehmen können, dass nichts mehr zu machen ist; dass man einen Sterbenden zu seinen Angehörigen entlässt. Das wird heute nicht mehr gemacht. Bis zur letzten Sekunde wird hineingepumpt, was geht. Es ist nicht schön, im Krankenhaus zu sterben.

Wusste die Familie, dass es zu Ende geht?
Nein. Deshalb war der Schock so ungeheuer.

Sie schreiben, Ihre Eltern wären eine solch hermetische Einheit gewesen, dass Sie selbst dort schon als Kind kaum Zutritt gehabt hätten.
Hermetik ist nicht richtig. Meine Eltern haben mich sehr lieb gehabt und es mir auch gezeigt. Aber als Einzelkind ist man zwei Erwachsenen gegenüber immer irgendwie draußen, weil man sich mit keinen Geschwistern verbünden kann. Man ist immer mit einer Übermacht konfrontiert. Meine Mutter hatte eine chronische, aber eigentlich harmlose Nierenerkrankung. Aber ich musste sukzessive akzeptieren lernen, dass sie ohne ihn keinen Sinn mehr im Leben gefunden hat.

Aber da waren doch Sie und Ihr elfjähriger Sohn. War das nicht Sinn genug?
Offenbar nicht, und das war auch schmerzhaft und hat mich wütend gemacht. Ich habe versucht, dieses Aufgeben zu bekämpfen bis zum letzten Moment, aber zu meinem Vater zu gehen, war letztlich ihr Ziel. Ich war bei ihr, als sie gestorben ist. Ich hatte furchtbare Angst, dass ich zu spät kommen und ihr nicht beistehen könnte. Es war ein trauriger, aber auch ein schöner Moment: dass ich ihre Hand halten und sie hinüberbegleiten durfte.

Könnten Sie sich je vorstellen, mit einem Partner so eins zu werden, dass Sie ihm in den Tod folgen möchten?
Nein, da bin ich anders. Ich würde für mein Kind ewig durchhalten wollen.

Ihre Ehe ist gescheitert, wie geht es da weiter?
Ich bin wie bei Monopoly zurück an den Start gegangen und bin jetzt voller Neugier und Freude auf dem Weg, mich als Künstlerin und Frau neu zu positionieren. Und mir passieren lauter großartige Sachen. Privat geht es mir wieder sehr gut, ich kann nur hoffen, dass es ein bisschen hält.

Und beruflich? Sie haben mit Ihrem Mann ein kleines Theater geleitet. Geht das weiter?
Nein, die letzte Produktion ist abgespielt. Jetzt mache ich die verschiedensten Sachen, Vorträge, ein Literaturprojekt im Kunsthistorischen Museum, mein erstes Buch, das wiederum Anfragen von Zeitungen nach sich gezogen hat, ein Monolog, den ich vortrage. Und im Kindertheater Dschungel spiele ich ab 5. Dezember die kleine Hexe. Nur mit der Regie, für die ich eigentlich brenne, läuft derzeit nichts, was mich etwas verzweifelt macht. Da habe ich den Boden verloren, und ich bin auch nicht der Typ, der Förderungen bekommt. Entweder mache ich Soloabende, oder ich muss so viel Geld verdienen, dass ich meine Projekte selbst finanzieren kann.

Weshalb bekommen Sie als Nestroy-Preisträgerin denn keine Förderungen?
Die Erfahrung habe ich schon mit meinem früheren Ensemble gemacht. Wir haben nach dem Nestroy-Preis 16 Jahre keine Förderung bekommen. Erst im Vorjahr, da wurde meinem Mann und mir dafür gleich je ein Projekt gefördert. Jetzt habe ich wieder eingereicht und bekomme nichts. Ich stelle mich also auf die nächsten 16 Jahre ein.

Ist es nicht widersinnig, dass Ihnen Ihr Vater, der als Schauspieler eine Ausnahmeerscheinung war, fast nichts hinterlassen konnte?
Ja, aber das fand ich bei meinen Eltern auch schön: dass sie im Jetzt gelebt haben. Man sieht ja, wie schnell es vorbei sein kann. Ich habe das immer als Vorbild empfunden. Als Alleinerzieherin führt man immer einen Kampf um die Existenz, aber ich bin voll Zuversicht, dass ich es schaffen werde.

Haben Sie nie bereut, dass Sie sich von Ihrem Vater in kein Ensemble intervenieren ließen?
Nein nein. Mit der Art Kunst, die mir gefällt, könnte ich in einem solchen Betrieb nicht existieren. Ich bin kein Wettbewerbsmensch. Ich bin der Anti-Erfolgsmensch. Ich muss mir immer Umwege suchen, trotzdem das zu machen, woran ich glaube.