Smartphone-Geschäft von

Google verkauft Handy-Geschäft
von Motorola an Lenovo

Für 2,91 Milliarden Dollar

Google widmet Hermann Rorschach zum 129. Geburtstag einen Doodle. © Bild: APA/Pool

Der Internetriese Google verkauft seine angeschlagene Handy-Sparte Motorola Mobility nach weniger als zwei Jahren an den chinesischen Technikkonzern Lenovo. Der weltgrößte PC-Hersteller zahlt dafür 2,91 Milliarden Dollar (2,13 Milliarden Euro), zum Teil in eigenen Aktien, wie die Unternehmen mitteilten. Google hatte für Motorola Mobility 12,5 Milliarden Dollar bezahlt.

Vor zweieinhalb Jahren legte Google noch 12,5 Mrd. Dollar für den Handy-Pionier Motorola auf den Tisch - nun wird die Handy-Sparte für nur noch 2,9 Mrd. Dollar (2,13 Mrd. Euro) wieder abgestoßen. Auf den ersten Blick sieht dies wie eine Verzweiflungstat aus, um einem schrecklichen Geschäft ein schnelles Ende zu bereiten.

Google ordnet die Smartphone-Welt neu

Schaut man aber genauer hin, kann man erkennen, dass Google mit diesem Kraftakt die Macht-Verhältnisse im Smartphone-Markt zum eigenen Vorteil neu zugeschnitten hat. Mit dem Milliarden-Deal wird der chinesische Konzern Lenovo zur neuen weltweiten Nummer drei von Googles Gnaden. Mit der Marke Motorola können die Chinesen ihre internationale Expansion vorantreiben und zu einem echten Herausforderer von Samsung werden. Den Smartphone-Marktführer Samsung konnte Google gleichzeitig mit einer großen Patent-Partnerschaft enger an sich binden. Zudem verzichten die Südkoreaner laut einem Medienbericht zugunsten von Google-Diensten auf einige Eigenentwicklungen.

Nach dem plötzlichen Verkauf von Motorola an Lenovo muss sich Google-Chef Larry Page mehr denn je fragen lassen, warum der Internet-Konzern den schwächelnden Handy-Pionier damals überhaupt gekauft hat. Zwar konnte Google in der Folge rund 3 Mrd. Dollar für die Settopbox-Sparte von Motorola kassieren und beim Finanzamt Verluste aus dem laufenden Motorola-Geschäft mit den gigantischen Gewinnen aus der Internet-Werbung verrechnen. Aber ein guter Deal sieht auch im Silicon Valley komplett anders aus.

Höhepunkt des Patentkriegs

Bei der Ankündigung der Motorola-Übernahme 2011 erklärte Page, es gehe um den Patentschatz des Konzerns, der vor gut 30 Jahren das Mobiltelefon miterfunden hatte. Damals näherte sich der von Apple angestoßene Patentkrieg dem Höhepunkt und die 17.000 Motorola-Patente wirkten auf den ersten Blick wie eine gute Investition. Schließlich hatte Apple-Gründer Steve Jobs mit einem "Atomkrieg" gegen das Smartphone-System Android gedroht, weil er das iPhone dreist von Google kopiert sah.

Doch in den Rechtsstreitigkeiten nützten die vielen Motorola-Patente Google wenig. Gerade weil Motorola an den Anfängen der Mobilfunk-Branche stand, gehört ein großer Teil davon zum Grundstock technischer Standards wie GSM oder UMTS. Und damit kann man zwar unter Umständen Patentprozesse gewinnen - aber bei Verkaufsverboten auf ihrer Basis reagierten Wettbewerbshüter in Europa und den USA allergisch und wiesen Google in die Schranken. Standard-Patente müssen zu fairen Konditionen und ohne Diskriminierung gewährt werden. Das verträgt sich nach Ansicht der Regulierer nicht mit Verkaufsverboten. So wurden die Klagen mit Motorola-Patenten zurückgefahren - und brachten letztlich kaum etwas.

Danach sah es so aus, als würde Google mit Motorola eher die Strategie fahren, Software und Geräte aus einer Hand anzubieten. Das ist die Grundlage von Apples Erfolg. Und auch Microsoft schwenkte mit dem Kauf des Nokia-Handygeschäfts auf diesen Kurs ein. Doch Google befindet sich als Hüter des Android-Grals in einer heikleren Position. Der Internet-Konzern musste den anderen Anbietern von Android-Geräten wie Samsung und HTC versprechen, dass Motorola nicht bevorzugt wird - und setzte sich damit selbst enge Grenzen.

Immer mehr Android-Geräte ohne Google-Dienste

Zugleich gewann Samsung mit dem Aufstieg zur klaren Nummer eins im Smartphone-Geschäft mit fast einem Drittel Marktanteil ein eigenes Gewicht, dem Google Rechnung tragen musste. Erschwerend für den Internet-Konzern kommt hinzu, dass immer mehr Android-Geräte ohne Google-Dienste verkauft werden. "Android gewinnt in China, aber ohne Hilfe von Google und ohne Google-Dienste wie die Download-Plattform Play Store", betont Analyst Ian Fogg von der Marktforschungsfirma IHS. In diesen Fällen verdient Google keinen Cent, sondern muss zusehen, wie andere auf der Android-Plattform ihr eigenes Geschäft aufziehen.

Für die Verbraucher ist die Marke Samsung ohnehin präsenter als Android. Schon Anfang vergangenen Jahres warnte der damalige Android-Chef Andy Rubin die Südkoreaner öffentlich vor einem Alleingang zum Beispiel mit einem eigenen Betriebssystem. Samsung trieb danach unbeirrt den Aufbau eigener Dienste zum Beispiel für Videos oder die Übertragung von Dateien voran, die mit Google-Angeboten konkurrierten.

Nun sollen diese Solo-Projekte aber drastisch zurückgefahren werden, berichtete das Technologie-Blog "Recode" wenige Stunden vor Bekanntgabe des Motorola-Deals. Neue Geräte von Samsung sollen verstärkt auf Google-Dienste für Filme, Musik und andere Inhalte zugreifen und auch die eigene Benutzeroberfläche werde zum Teil wieder aufgegeben. "Die beiden Dinge müssen miteinander verbunden sein", witterte Gartner-Analystin Carolina Milanesi sofort einen Zusammenhang zum Motorola-Verkauf. Und Lenovo bekomme nun lauter Mitarbeiter, die Googles Android-Vision verinnerlicht hätten.

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