Masern & Co. von

Die Angst vor der
Spritzen-Medizin

Ein Kleinkind wird geimpft © Bild: Shutterstock.com

Eine Reihe an Masern-Erkrankungen sorgt für Aufregung. In Graz kam es zur Ansteckung von insgesamt 28, teilweise erst wenige Monate alten Babys. Einmal mehr wirft dieser Fall die Frage auf: Sollte jeder sein Kind impfen lassen? Bereits vor zwei Jahren ist News diesem Thema auf den Grund gegangen. Warum die Emotionen gerade hier so hochgehen und wovor sich Eltern fürchten.

Impfen oder nicht? Über kaum ein Thema streiten Eltern so verbittert wie über diesen Nadelstich. Befürworter und Gegner - beide wollen das Beste für ihr Kind und werfen einander gegenseitig vor, Schaden anzurichten. Die persönliche Lebensgeschichte prägt die Einstellung.

Jasmin F. hat Angst. Wie jedes Jahr, wenn es heißt: Die Masern gehen um. 57 Menschen sind im Jänner und Februar in Österreich bereits erkrankt. Mehr als doppelt so viele wie im ganzen Jahr 2016. Bei 29 von ihnen verlief die Krankheit so schwer, dass sie im Krankenhaus aufgenommen werden mussten. Jasmin hat Angst um ihre Töchter. Auch wenn die junge Frau aus einem Wiener Gemeindebau ihren neun und sieben Jahre alten Kindern jede im Mutter-Kind-Pass vorgesehene Impfung verabreichen hat lassen, hat ihre ältere Tochter, Tiffany, gegen Mumps, Masern und Röteln nur unzureichend Antikörper entwickelt. Ein Phänomen, das vorkommt, aber äußerst selten ist, sagt Ursula Wiedermann-Schmidt, die die Spezialambulanz für Impfungen an der Medizinischen Universität Wien leitet.

Zum Thema: Wie groß ist die Gefahr eines Impfschadens wirklich?

Kinder wie Tiffany sind der Grund, warum Wiedermann-Schmidt, genau wie Politiker und Ärzte, an die Bevölkerung appelliert, sich unbedingt impfen zu lassen. Wer sich dem verweigere, gefährde alle, die sich nicht impfen lassen können. Säuglinge, Schwangere oder chronisch Kranke.

»Wer sein Kind einmal in so einem Zustand gesehen hat, der kann Krankheiten nicht mehr verharmlosen«

Menschen wie Tiffany. Oder wie Moritz Deutschmann. Als er und seine Zwillingsschwester Amelie vor fünf Jahren als Frühchen zur Welt kamen, hatte Moritz bereits mit seinen noch nicht ausgereiften Lungen zu kämpfen. Drei Wochen nach seiner Geburt steckte er sich mit einem Bronchienvirus an, das ihn beinahe umgebracht hätte. Vier Monate hofften und bangten Sonja und Wolfgang Deutschmann auf der Kinderintensivstation des Wiener AKH um das Leben ihres Sohnes. Oft war der kleine Mann dem Tod näher als dem Leben. "Wer sein Kind einmal in so einem Zustand gesehen hat, der kann Krankheiten nicht mehr verharmlosen", sagt Sonja Deutschmann. Für Menschen, die sich oder ihre Kinder nicht impfen lassen oder meinen, Krankheiten stärken das Immunsystem, hat die Bankangestellte kein Verständnis. Als Moritz damals nach Monaten aus dem Spital entlassen wurde, begann für die Familie ein Leben in Quarantäne. Jeder gröbere Infekt, jede Grippe - ganz zu schweigen von Masern - hätten für den schwer angeschlagenen Moritz den Tod bedeutet. "Wir haben ausschließlich Menschen zu uns in die Wohnung gelassen, die gegen alles geimpft waren. Auch gegen Grippe."

Im Video: Was Sie über Masern wissen sollten

© Video: News.at

Alle für einen?

Heute hat sich Moritz von seinem schweren Start ins Leben vollkommen erholt und die Familie lebt ein normales Leben. Beim Thema Impfen sieht die Familie aber nach wie vor keinen Kompromiss. "Nie wieder will ich eins meiner Kinder so leiden sehen. Zum Glück leben wir in einer so modernen Welt, dass ich meinen Kindern das Leid vieler Krankheiten ersparen kann." Dass Impfgegner oder "verantwortungslose Eltern", die es verabsäumen, Kinder rechtzeitig zu impfen, ein Revival von Krankheiten wie Masern provozieren, die für immunschwache Kinder tödlich sein können, macht die 41-Jährige wütend.

»Nie wieder will ich eins meiner Kinder so leiden sehen«

Kinder wie Moritz oder Tiffany sollten sich in unserer Gesellschaft darauf verlassen können, dass für sie ein sogenannter Herdenschutz besteht, sagt die Immunologin Wiedermann-Schmidt. Von Herdenschutz spricht man dann, wenn ausreichend Menschen gegen gewisse übertragbare Krankheiten geimpft sind. Dann sind auch Nichtgeimpfte geschützt, weil sich der Erreger nicht mehr ausbreiten kann. Um die Masern auszurotten, bräuchte es laut Weltgesundheitsorganisation eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent. In Österreich sind rund 92 Prozent der Zwei- bis Fünfjährigen gegen Masern geimpft. Zehn Prozent davon allerdings nur ein- statt zweimal, was wiederum bedeutet, dass sie nicht richtig geschützt sind. Das ist zu wenig für einen Herdenschutz. Pro Jahr kommen 4500 Kinder dazu, die gar nicht geimpft werden.

Wie Ida, Leo und Lotte, vier, sechs und acht Jahre alt. Ihre echten Namen will Mutter Katharina nicht in der Zeitung lesen. Sie kennt die Vorurteile und Anfeindungen, mit denen Impfskeptiker reflexartig konfrontiert werden. Meist werden sie als alternative Spinner oder Verschwörungstheoretiker abgestempelt und in eine Schublade mit der Chemtrail-Fraktion gesteckt. Darüber kann Katharina nur lachen. Von Alternativmedizin wie Homöopathie hält die Lehrerin ebenso wenig wie von kruden Verschwörungstheorien. Aber sie hat im Lauf der Jahre ihren Blick auf das Gesundheitssystem relativiert. Früher, sagt sie, seien Ärzte für sie so etwas wie Götter in Weiß gewesen, deren Empfehlungen man tunlichst nicht zu hinterfragen habe. Als sie während ihrer ersten Schwangerschaft einige negative Erfahrungen mit Medizinern gemacht hatte, begann sie zu differenzieren. Trotzdem war sie völlig perplex, als ihre Hebamme nach der Geburt fragte, ob Katharina überhaupt impfen lassen wolle.

»Es gab einfach nie den richtigen Zeitpunkt, in das Immunsystem meiner Kinder einzugreifen«

Der Gedanke begann in der jungen Mutter zu reifen. Sie beschloss, erst einmal abzuwarten, sich zu informieren und das Immunsystem ihrer Tochter zu beobachten. Und sie begann, die Impfempfehlungen zu hinterfragen. "Es war für mich zum Beispiel unlogisch, warum ich einen voll gestillten Säugling mit wenigen Monaten gegen schwere Krankheiten impfen muss. Unter anderem gegen Hepatitis B, eine Krankheit, die nur über Geschlechtsverkehr oder Bluttransfusionen übertragbar ist." Oft beobachtete sie die Kinder von Freundinnen, die auf Impfungen mit Fieber reagierten, während ihre eigene Tochter immer pumperlgesund war. Heute hat Katharina drei Kinder. Und keines von ihnen hat je eine Nadel in die Haut bekommen. "Es gab einfach nie den richtigen Zeitpunkt, in das Immunsystem meiner Kinder einzugreifen."

Von Krankheiten blieben sie weitgehend verschont. Lediglich drei Mal waren die Kinder wirklich krank, als sie Scharlach, Feuchtblattern und die echte Grippe mit nach Hause brachten. "Aber jede Krankheit durften sie auch wirklich auskurieren. Ich kann es mir zum Glück erlauben, meine Kinder auch mehrere Wochen am Stück zu Hause zu betreuen. Oft kommt es mir so vor, dass wir schnell zu Impfungen, Antibiotika oder Sonstigem greifen, damit die Kinder so schnell wie möglich wieder funktionieren. Sodass ja nichts von der Produktivität verloren geht. Ich hatte das Gefühl, dass keine der durchgemachten Krankheiten meinen Kindern geschadet hat. Ich weiß nicht, ob ich das von einer Impfung auch sagen könnte."

Der Preis fürs Nicht-Impfen

Für ihre Einstellung bezahlt Katharina ihren Preis. Viele Kassenärzte wollen nicht geimpfte Kinder auf Grund der Ansteckungsgefahr nicht in ihren Wartezimmern haben. Und öffentliche Kindergärten oder Schulen wollen oft einen Impfpass sehen. Daher greift Katharina auf Privatärzte und Privatschulen zurück - das Geld, das sie dafür ausgeben muss, ist es ihr aber wert, sagt sie.

Dass Katharinas nicht geimpfte Kinder keine öffentlichen Einrichtungen besuchen, wie es derzeit auch im Rahmen der Impfpflichtdebatte diskutiert wird, findet Immunologin Wiedermann-Schmidt nur konsequent. Wer die Leistungen des Sozialstaats in Anspruch nehme, habe auch gewisse Verpflichtungen, argumentiert sie. Dazu gehöre, dass Eltern dafür Sorge tragen müssen, dass ihre Kinder in einem öffentlichen Kindergarten nicht zum Beispiel Krippenkinder anstecken können, die aufgrund ihres jungen Alters noch nicht oder nur einmal geimpft sind. "Als Eremit kann man vielleicht ohne Verantwortung gegenüber anderen leben, aber unsere Gesellschaft ist darauf aufgebaut, dass man Verantwortung für sich und andere hat und trägt", sagt Wiedermann-Schmidt. Auch ein Steuerzahler müsse seinen Beitrag für die Allgemeinheit leisten - Gleiches gelte beim Thema Impfen. Alles andere sei egoistisch und verantwortungslos.

»Dass ausgerechnet beim Thema Impfen immer die Moralkeule geschwungen wird, halte ich für scheinheilig«

Das Argument, Impfen sei eine soziale Pflicht und sie handle verantwortungslos, will Katharina nicht auf sich sitzen lassen. "Dass ausgerechnet beim Thema Impfen immer die Moralkeule geschwungen wird, halte ich für scheinheilig." Schließlich würden ja Impfbefürworter auch sonst nicht rücksichtsvoller leben, sagt sie. Sie steigen auch in ein Auto, im Bewusstsein, dass sie damit andere verletzen könnten. Oder kaufen billige Kleider oder Lebensmittel aus Entwicklungsländern und nehmen damit Kinderarbeit oder Lohnsklaverei in Kauf. "Viele unserer Entscheidungen können auf Kosten von anderen gehen. Ich will das Beste für meine Kinder und als Mutter ist genau das auch meine Pflicht. Meine Kinder sind kein Schutzschild für andere."

Kontraproduktive Drohungen

Laut einer Umfrage der Karl Landsteiner Gesellschaft, Verein zur Förderung medizinisch-wissenschaftlicher Forschung, stehen 57 Prozent der österreichischen Eltern dem Impfen skeptisch gegenüber. Um sie von der Notwendigkeit der Spritze zu überzeugen, schwingen Impfbefürworter nicht nur die Moralkeule, sondern spielen - genau wie Impfgegner - mit der Angst der Eltern. "Sie müssen nicht alle Ihre Kinder impfen lassen - nur die, die Sie behalten wollen", schrieb ein Berliner Kinderarzt unlängst auf eine Tafel im Wartezimmer.

»Sobald wir etwas 'müssen‘, regt sich bei den meisten Menschen Widerstand«

Gesundheitspsychologin Theresia Kosicek hält das für problematisch. "Sobald wir etwas 'müssen‘, regt sich bei den meisten Menschen Widerstand", sagt Kosicek. "Wir wollen selbst entscheiden, was für uns und unsere Kinder gut und richtig ist. Schließlich sind wir als Mütter und Väter ja tatsächlich verantwortlich." Negative Verstärkung, also Drohung und Bestrafung, funktioniere lernpsychologisch viel weniger gut als positive Verstärkung, also Belohnung und Lob. Und tatsächlich findet es Kosicek erfreulich und quasi "lobenswert", dass sich so viele Eltern den Kopf zerbrechen, was sie am besten für ihre Kinder tun können, und nicht nur einfach das zu machen, was der jeweilige "Gott in Weiß" anschafft. Mediziner und Politiker dürften die Menschen nicht bevormunden, sondern sollten eher versuchen, ihre Ängste aufzugreifen, Fragen zu beantworten und bei der Entscheidung bestmögliche Sicherheit zu geben.

Kassenärzte ohne Zeit

Aufklärung statt Emotionalisierung lautet das Gebot der Stunde. Gerade das könnten aber viele Kassenärzte heute kaum noch leisten, sagt die Kinderärztin Maria Dobner. "Tatsächlich braucht es bei Impfungen eine Aufklärungsarbeit von einer halben Stunde bis Stunde. Die Ärzte müssen sich auf Kind und Eltern einlassen können. In den meisten Kassenpraxen fehlt dafür aber die Zeit."

Das kann auch Tiffanys Mutter Jasmin bestätigen. Auch wenn sie ihre Kinderärztin menschlich sehr schätze, ist sie mit der Betreuung unzufrieden. Das Wartezimmer bei der Kassenärztin sei immer gesteckt voll, die Untersuchung dauere gefühlte fünf Minuten, dann werde bereits das Fenster zum Lüften aufgerissen. Für Eltern und Kinder das Zeichen, dass die Sprechstunde um ist. "Oft habe ich noch 1.000 Fragen, wenn wir aus dem Sprechzimmer raus sind. Aber dann will man ja auch nicht noch mal anklopfen." Und so kam es, dass Jasmin, als ihre Kinder noch Säuglinge waren, so gut wie gar nichts über mögliche Impfreaktionen (sie bezeichnet sie als Impfschäden) wusste. Noch heute bekommt sie Gänsehaut, wenn sie an Tiffanys erste MMR-Impfung (Masern, Mumps, Röteln) vor neun Jahren denkt.

Als das kleine Mädchen am Abend nach der Impfung plötzlich hohes Fieber bekam, das Bewusstsein verlor und ihr kleiner Körper von heftigen spastischen Krämpfen geschüttelt wurde: ein sogenannter Fieberkrampf, der auch bei normalen Infektionen auftreten kann, für unvorbereitete Eltern aber ein schrecklicher Anblick ist. Die junge Mutter rief sofort die Rettung und wurde mit der Tochter ins Wilhelminenspital eingeliefert, wo sie eine Woche zur Beobachtung bleiben mussten. Seither hat Jasmin vor jeder weiteren Spritze panische Angst. Schon Tage vor einer anstehenden Impfung kann sie nachts kein Auge zumachen. Trotzdem impft sie weiter, in der Hoffnung, dass ein möglicher Fieberkrampf das geringere Übel ist.

Realitätsverschiebung

Das ist es, sagt Wiedermann-Schmidt. Ein Fieberkrampf sei noch kein Impfschaden, aber eine sogenannte "überschießende Impfreaktion". Häufig werde mit dem Wort Impfschaden in Diskussionen wild um sich geworfen, sagt die Immunologin. In der Realität seien sie aber selten. Ärzte und Patienten seien verpflichtet, Impfschäden, also dauerhafte, schwere körperliche Schäden - bis hin zum Tod - zu melden. Seit 1990 wurde beim Sozialministerium 760-mal der Verdacht auf einen Impfschaden gemeldet. 404 der Fälle wurden tatsächlich als Impfschaden anerkannt -in 20 Fällen läuft das Verfahren noch.

Ein Grund, warum viele Menschen heute glauben, Impfen sei verzichtbar, ist, dass der Respekt vor den Krankheiten sehr gering ist und die Angst, sich durch eine Impfung krank zu machen, sehr hoch. Hier habe eine Realitätsverschiebung stattgefunden, weil wir schlimme Krankheiten, die auch dank Impfungen zurückgedrängt wurden, nicht mehr kennen, sagt Wiedermann-Schmidt.

Das kann Birgit Schaller nur bestätigen. Als ihre heute 19 und 17 Jahre alten Kinder klein waren, hatte sich Birgit viel mit dem Thema Impfen auseinandergesetzt, Bücher gelesen, Informationsveranstaltungen besucht. Und sie fasste den Entschluss, selektiv zu impfen. Gegen Kinderlähmung, Diphtherie oder Tetanus ließ sie die Kinder impfen. Auch gegen Hepatitis A und B, bevor die Familie mit dem Nachwuchs im Kleinkindalter nach Thailand flog. "Da war ich schon ängstlich." Aber bei Masern oder Keuchhusten - Krankheiten, die so gut wie nicht mehr vorkamen und die ihrer Meinung nach "harmlos" verlaufen, verweigerte sie die Spritze.

»Wenn ich mich heute noch einmal entscheiden könnte, würde ich es anders machen«

19 Jahre ging das gut, bis Birgit und ihre Tochter Alina im Vorjahr Keuchhusten bekamen und auch noch die einjährige Nichte ansteckten. "Ich habe mir unter dieser Krankheit nichts vorstellen können und wusste nicht, wie schlimm sie verlaufen kann", sagt sie heute. Drei Mal sei sie mit ihrer erwachsenen Tochter ins Spital gefahren, "weil ich dachte, sie wird jeden Moment ersticken". Auch im Krankenhaus erkannte man die Krankheit nicht gleich, sondern diagnostizierte zunächst schweres Asthma. Erst ein Besuch beim Hausarzt brachte die Diagnose: Keuchhusten.

Bei Birgit und Alina dauerte es mehrere Monate, bis die Symptome schwächer wurden und die Krankheit einigermaßen in den Griff gebracht werden konnte. Der Krankheitsverlauf bei ihrer einjährigen Nichte sei zum Glück weitaus weniger dramatisch gewesen, aber Tochter Alina sei bis heute noch nicht hundertprozentig gesund, die Lunge nach wie vor angegriffen. Durch ihre Erfahrungen hat sich Birgits Blick auf das Thema Impfen verschoben: "Wenn ich mich heute noch einmal entscheiden könnte, würde ich es anders machen." Wiedermann-Schmidt fürchtet, dass viele Skeptiker erst zu impfen beginnen, wenn ausgerottet geglaubte Krankheiten zurückkommen. Das passiert gerade. Mit den Masern.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der Print-Ausgabe von News (Nr. 8/2017).

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