Glanzstoff schließt Produktion in St. Pölten:
Viskoseproduzent setzt 327 auf die Straße

"Damit endet Stück Industriegeschichte in St. Pölten" Brand am 10. Jänner war "dramatischer Einschnitt"

Glanzstoff schließt Produktion in St. Pölten:
Viskoseproduzent setzt 327 auf die Straße © Bild: APA/Weiss

Der Viskosegarnhersteller Glanzstoff Austria GmbH schließt mit Jahresende 2008 die Produktion in St. Pölten. Diese Entscheidung haben die Geschäftsführer Helmut Stalf und Dieter Kirchknopf bekanntgegeben. Die behördlichen Auflagen nach einem Brand in der Abluftanlage vom 10. Jänner seien technisch-wirtschaftlich nicht umsetzbar.

Laut den Managern sind 327 Beschäftigte (268 Arbeiter, 59 Angestellte) beim Arbeitsmarktservice (AMS) angemeldet worden. Vom Auslaufen der Produktion sind etwa 290 Arbeitsplätze betroffen. Weil die Glanzstoff nach der Wiederaufnahme des Betriebes Ende April aus Emissionsgründen nur mit 40 Prozent der Kapazität produzieren dürfe, erwirtschafte das Unternehmen einen "ruinösen Verlust von einer Million Euro pro Monat".

Der Brand am 10. Jänner sei ein "dramatischer Einschnitt" gewesen, sagte Stalf. Das Unternehmen habe in der Folge ein "klares Konzept für eine biologische Abluftreinigung" vorgelegt, das von den Behörden abgelehnt worden sei. Eine Berufung der Glanzstoff sei vom Unabhängigen Verwaltungssenat (UVS) abgewiesen worden. Obwohl die Abluftsituation in den vergangenen Jahren durch umfangreiche Investitionen und technische Maßnahmen entscheidend verbessert worden sei, wäre das Unternehmen gezwungen, bis 23. Dezember 2009 die Emissionen von Schwefelkohlenstoff von 100kg/h auf 22 kg/h und von Schwefelwasserstoff von derzeit 10 kg/h auf 3,5 kg/h zu senken. Der UVS-Bescheid habe diese Werte am 2. Juli bestätigt.

Langwieriges Genehmigungsverfahren
Dazu komme, so die Glanzstoff-Geschäftsführer, dass für die vorgelegten Pläne zur Neuerrichtung der durch den Brand zerstörten Abluftanlage ein aufwendiges, möglicherweise mehrere Jahre dauerndes Genehmigungsverfahren (IPPC) "mit ungewissem Ausgang" vorgeschrieben sei. Die aus wirtschaftlicher Sicht rasche Vollauslastung am Standort St. Pölten wäre damit auf absehbare Zeit nicht möglich.

"Wir geben niemandem die Schuld, aber wir müssen die Fakten zur Kenntnis nehmen", betonten Stalf und Kirchknopf. Man habe sich jedoch "ziemlich allein gelassen gefühlt". Letztlich habe es "keine Alternative" gegeben - "keine andere Möglichkeit, als die Produktion auslaufen zu lassen". Die Glanzstoff habe sich "zu diesem Schritt genötigt" gefühlt.

Schlechte Karten für Chemieindustrie inmitten einer Stadt
Das Unternehmen müsse auch zur Kenntnis nehmen, "dass ein Chemieindustriestandort inmitten einer Stadt schlechte Karten hat", so Kirchknopf. "Damit endet ein Stück Industriegeschichte in St. Pölten." Der Tag sei "sehr bitter", die Situation eine "große Enttäuschung".

Eingestellt wird die Produktion voraussichtlich Mitte Dezember, sagte Stalf. Bestehende Kundenverträge würden erfüllt.

Der Standort St. Pölten werde Holding-Sitz der Glanzstoff-Gruppe bleiben, betonten die Manager. Das bedeute den Erhalt von zehn bis 15 Arbeitsplätzen. Eine Standortverlegung bezeichneten die Manager als "kurzfristig nicht durchführbar".

Um "sozialverträgliche Lösungen" bemüht
"Wir wissen um unsere Verantwortung als großer Arbeitgeber", so Kirchknopf. Das Unternehmen wisse auch um die "dramatischen negativen sozialen Auswirkungen" der getroffenen Entscheidung. Glanzstoff werde sich um "sozialverträgliche Lösungen" bemühen.

Von dem Schritt, die Produktion mit Jahresende 2008 zu beenden, seien Betriebsrat, Belegschaft und Arbeitsmarktservice (AMS) ebenso wie die Stadt St. Pölten und das Land Niederösterreich am Freitagvormittag informiert worden. Davor sei "um den Standort gekämpft" worden, versicherte Kirchknopf und fügte hinzu: "Weil wir daran geglaubt haben". Für die Nachnutzung freiwerdender Flächen durch die Einstellung der Produktion gebe es noch keine Entscheidung.

Stalf erinnerte auch daran, dass in die Abluftanlage in den vergangenen Jahren 20 Mio. Euro investiert worden seien. Die kumulierten Investitionen im Unternehmen seit 1994 bezifferte er mit 100 Mio. Euro, davon 70 Mio. Euro seit 2000. In den Standort St. Pölten seien 50 Mio. Euro geflossen. 1994 - damals hatte es einen Schließungsbeschluss des früheren Eigentümers Lenzing gegeben - war die Glanzstoff vom deutschen Industriellen Cornelius Grupp übernommen worden.

(apa/red)