Fakten von

Giftschlangen-Alarm
im Inselparadies

In Guinea-Bissau ist das Gegengift bei tödlichen Bissen oft unbezahlbar

Gina lebt auf der Insel Soga im westafrikanischen Guinea-Bissau und wurde vor drei Monaten von einer Giftschlange gebissen. "Sie mussten mich nach Hause tragen, weil ich nicht mehr laufen konnte", erinnert sich die Frau. Seither klafft eine offene, schmerzende Wunde an ihrem Knöchel, die einfach nicht heilen will. Und Medikamente sind Mangelware.

Soga ist eine von 88 Inseln des westafrikanischen Bissagos-Archipels, ein Tropenparadies im Atlantik mit Delfinen, Schildkröten und seltenen Nilpferden. Rund 30.000 Menschen wohnen auf den Inseln, die wegen ihrer Ökosysteme als UNESCO-Biosphärenreservat anerkannt sind. Vor allem eine Tierart gedeiht prächtig in den Mangrovenwäldern: "Die Bissagos-Inseln sind bekannt für ihre Schlangen", sagt Aissata Regolla vom Institute for Bioversity and Protected Marine Areas (IBAP) in der Hauptstadt Bissau. "Dort leben die tödlichsten aller Arten, inklusive Mambas und Kobras."

Nach Angaben des medizinischen Fachblattes "The Lancet" sterben jedes Jahr rund 125.000 Menschen nach einem Schlangenbiss, 30.000 davon hier im südlichen Afrika. Manche überleben nur mit lebenslangen Verletzungen oder Amputationen. Doch ein bezahlbares Gegengift zu finden wird zunehmend schwieriger: "Der Preis einiger Gegengifte erhöhte sich in den vergangenen 20 Jahren dramatisch, was die Behandlung für die Mehrheit derer, die sie brauchen, unerschwinglich macht", warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vergangenes Jahr.

Am stärksten gefährdet sind Kinder und Bauern. Cacutu Avis rodet einen Wald in der Nähe des Dorfes Eticoba und kennt die Gefahren. "Die Mambas sind am giftigsten. Einen Mamba-Biss überlebt man normalerweise nicht. Sie sind oft in den Bäumen und Palmblättern", erzählt der Landarbeiter. Im Notfall brauchen die Bewohner von Soga mit dem Boot eine halbe Stunde bis zur Insel Bubaque, die über ein einfaches Krankenhaus verfügt. Nach Bissau sind es mehr als fünf Stunden.

Doch eine Dosis des lebensrettenden Gegengifts kostet umgerechnet bis zu 140 Euro - für viele hier mehr als ein Monatslohn. Zudem müssen die Antiseren gekühlt werden, doch nur zehn Prozent des Landes hat Zugang zu Strom.

Viele Betroffene gehen zu traditionellen Heilern mit zweifelhaftem Behandlungserfolg. "Ich habe Menschen bei traditionellen Heilern sterben sehen, andere haben überlebt", sagt der Krankenhausdirektor von Bubaque, Jose Nacutum. Doch auch sein Krankenhaus kann nicht immer helfen. "Wir haben keine Seren speziell für die verschiedenen Arten und wir haben große Schwierigkeiten, die Schlangenart überhaupt zu identifizieren."

Für die meisten großen Pharmaunternehmen sind die Gegengifte nicht mehr rentabel. 2010 stellte der französische Konzern Sanofi die Produktion des verbreiteten Antiserums Fav-Afrique ein, das gegen das Gift zehn verschiedener Schlangenarten wirkt. Begründung: Zu wenig Nachfrage bei zu hohen Herstellungskosten. Die letzte Charge lief im Juni ab.

"Gegengifte bringen den großen Pharmakonzernen im Vergleich zu anderen Produkten nicht genug ein", sagt auch Juan Silanes vom mexikanischen Unternehmen Inosan Biopharma, inzwischen größter Lieferant von Gegengiften. "Es ist ein Teufelskreis: Die Labore produzieren nicht, also gehen die Leute zu Wunderheilern. Aber wenn es ein ordentliches Produkt zu einem guten Preis gibt, dann könnte sich das ändern."

Der Schlangenexperte Jean-Philippe Chippaux vom französischen Institut für Entwicklungsforschung (IRD) fordert mehr staatliches Engagement: "Das Antiserum ist äußerst komplexes und teures Produkt", sagt er. "Alle sollten hier einen Beitrag leisten - Staaten, örtliche Behörden und Unternehmen."
Es müsse Schluss mit der Hilflosigkeit gegenüber den Schlangenbissen, sagt Chippaux. "Heute ist kein Ministerium imstande zu sagen, wo das Problem liegt, wieviele Bisse es gibt oder wo sie erfolgten."

Kommentare