Ein Jahr später

Greenpeace-Experte: "Millionen Tonnen an Altlasten sind eine tickende Zeitbombe"

von
  • Bild 1 von 9

    Früher (links) und heute (rechts): Das Dorf Kolontár war von der Giftschlammkatastrophe am schlimmsten betroffen. Der Ort liegt rund 150 Kilometer westlich von Budapest.

  • Bild 2 von 9

    Janos Fuchs aus Kolontár stand 2010 vor den Trümmern des Hauses seiner Mutter. Heute gibt es hier keine Häuser mehr.

"Mehrere Millionen Tonnen an Altlasten lagern noch im Aluminiumwerk bei Kolontár. Das ist eine tickende Zeitbombe", schildert der Experte gegenüber NEWS.AT. Es bestehe zwar nicht die Gefahr, dass die Becken bersten, aber aus undichten Stellen sickere der Schlamm langsam ins Grundwasser und vergifte es.

Verbesserte Technologie
Die Unglücksfirma MAL hat unterdessen ihre Produktionstechnologie verbessert, wie der Experte mitteilt. Der Aluminiumhersteller entwässert den Rotschlamm nun bereits im Werk, sodass weniger und festerer Schlamm anfällt. Einen neuen Dammbruch hält der Experte daher für unwahrscheinlich.

Zurück ins normale Leben?
In den Dörfern Kolontár und Devecser sind die Auswirkungen der Katastrophe bis heute zu spüren. "Das soziale Leben muss erst wieder hergestellt werden, alles ist aus dem Gleichgewicht geraten", sagt Schuster. Proben aus dem Boden der Gegend zeigen immer noch erhöhte Werte. "Der Chromgehalt einer Bodenprobe, die direkt von einem überfluteten Acker gezogen wurde, ergibt 150 Milligramm pro Kilogramm. Zum Vergleich: Der österreichische Grenzwert liegt bei 100 Milligramm pro Kilogramm", erklärt der Experte. Die Felder könnten nur eingeschränkt wieder bestellt werden. Allein Mais, der später zu Biosprit verarbeitet wird, dürfe in dem noch immer verseuchten Gebiet angebaut werden. Das Trinkwasser sei zum Glück nicht verschmutzt, so der Chemiker. Die Bewohner werden mit Wasser aus einem nicht betroffenen Gebiet versorgt.

Streit um Entschädigungen tobt noch immer
Derzeit laufen nach zahlreiche Verfahren bei Gericht: Die Opfer der Katastrophe fordern eine angemessene Entschädigung. "Manche Menschen sind relativ gut entschädigt worden, andere wiederum nicht", schildert der Experte die Situation. Die Zahlungen reichten teilweise dafür aus, dass sich die Betroffenen ihr Haus wieder aufbauen konnten. "Um die 100.000 Euro dürften die Opfer in so einem Fall bekommen haben. Das entspricht in Ungarn in etwa dem Preis für ein Häuschen", schätzt Schuster. Doch nicht alle wurden so gut entlohnt. Zahlreiche
Gebäude wurden daher auch nicht wieder aufgebaut.

Noch mehr Giftschlamm-Zeitbomben
Ulrike Lunacek, Europasprecherin der Grünen, sieht die Gefahr für Ungarn und auch für Österreich noch nicht gebannt. Besonders die Lagerbecken in der Region um Almasfüzito, die praktisch am Ufer der Donau liegen, könnten jederzeit brechen, teilt Lunacek in einer Aussendung mit. Experten zufolge sei die Wahrscheinlichkeit eines Unglücks zwar geringer als damals, doch Garantie gebe es keine. "Auch die Deiche des Aluminium-Werks bei Kolontár wurden wenige Wochen vor dem Unglück kontrolliert und als sicher eingestuft", kritisiert die Europasprecherin, "nicht auszudenken, wenn ein Hochwasser die Dämme bei Almasfüzito aufweicht und der Rotschlamm in die Donau gelangt."

Sie fordert daher eine "Inspektion der Inspektion" und appelliert an Ungarns Premier Viktor Orban, er solle endlich Klartext mit den betroffenen Firmen in seinem Land reden. "Er trägt letztlich die Verantwortung, sollten die Donau oder andere Flüsse aufgrund eines neuerlichen Giftschlamm-Desasters in eine Rotschlamm-Brühe verwandelt werden", sagt Lunacek.

Hier liegen Kolontar und Almasfüzito:


Ungarn auf einer größeren Karte anzeigen