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Das Geschäft mit der Todesangst

Der Handel mit teuren Allheilmitteln boomt

Arzt © Bild: Istockphotos.com/shapecharge

In ihrer Verzweiflung klammern sich immer mehr Kranke an alternative Arzneien, die von kriminellen Organisationen offeriert werden. Sogar österreichische Ärzte vertreiben diese sogenannten Allheilmittel. In einem besonders tragischen Fall hoben Kriminalisten nun ein Täternetzwerk aus.

Der zehnjährige Ali will ein letztes Mal seine Oma besuchen, einmal noch das Meer riechen. Also reisen seine Eltern im August 2015 mit dem schwerkranken Buben von Frankreich, wo sie seit den 80er-Jahren leben und sich ein kleines Reihenhaus gebaut haben, zu den Verwandten in die Türkei. Ali sitzt zu dem Zeitpunkt schon im Rollstuhl. Ein Gehirntumor hat sein Sehvermögen stark eingeschränkt, ein Auge ist entstellt und verbunden. Am Flughafen von Antalya kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung: Drei Männer aus Österreich versprechen den verzweifelten Eltern Hilfe. Hundertprozentige Heilung. Mit alternativen, unkonventionellen Methoden könne Ali wieder gesund werden, behaupten sie.

In den folgenden Monaten lassen Alis Eltern, ein Bauarbeiter und eine Hausfrau, den vermeintlichen Rettern ihres Kindes insgesamt 65.000 Euro zukommen. In der Hoffnung, dass es ihm bald besser geht. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Männer verabreichen dem Buben ein Mittel namens "GcMAF" und andere wild zusammengepanschte Mixturen, darunter Terpentin-Ersatz, Kohlenstoff und das Cannabinoid THC. Die Männer beschwichtigen: Dass die Wirkung nicht sofort eintrete, sei normal. Doch der Krankheitsprozess wird durch die teure Kur nicht gestoppt, sondern sogar beschleunigt. Im November 2015 stirbt Ali qualvoll.

Es sind Geschichten wie diese, die selbst hartgesottene Kriminalisten emotional berühren. Franz Schwarzenbacher ist seit 30 Jahren der organisierten Kriminalität auf der Spur. Doch das, was der Chefermittler in den letzten Monaten mit seinem Team ausgeforscht hat, lässt auch ihn wütend werden: Ein 52-jähriger Steinmetz, der sich als Krebsmediziner ausgab. Ein 53-jähriger Baumeister, der sich als Wunderheiler präsentierte. Ein pensionierter Zahnarzt, der auch als Apotheker auftrat. Und ein ehemaliger Wettlokalbesitzer, der den mafiösen Machenschaften eine Struktur verpasste. Und es gibt einen weiteren Fall: einen tatsächlichen Mediziner aus Westösterreich, der todkranken Menschen vollständige Heilung versprach, wenn sie sich nur seiner Ampullen bedienten. Produktionskosten pro Fläschchen: 30 Cent. Verkaufspreis: bis zu 1.600 Euro, je nach Schwere der Erkrankung.

Das Schneeballsystem

"Das Geschäft baut rein auf der Verzweiflung todkranker Menschen und ihrer Angehörigen auf: Wer im Endstadium Krebs hat, kauft alles", sagt Schwarzenbacher. Er berichtet von einem perfiden Businessmodell, das sich über Mundpropaganda zu einem regelrechten Schneeballsystem ausgewachsen hat. In Österreich. In Europa.

"Wir bewegen uns hier mitten in der organisierten Kriminalität", bestätigt auch Andreas Holzer, der Abteilungsleiter im Bundeskriminalamt. "In mehreren Ländern ging die kriminelle Organisation hochprofessionell vor und baute eine komplette Vertriebsstruktur auf." Immer wieder seien auch Ärzte an solchen Strukturen beteiligt. Ärzte, die ihre Profitgier über den hippokratischen Eid stellen, den sie einst leisteten.

Die Operation "Tocantins" ist ein Ermittlungserfolg, der in enger Zusammenarbeit mit den internationalen Polizeibehörden Europol und Eurojust erzielt wurde. Innerhalb nur weniger Monate forschten die Ermittler das GcMAF-Netzwerk in Österreich aus. Bei dem Proteinpräparat, das auch dem zehnjährigen Ali verabreicht wurde, handelt es sich um ein nicht für den Medizinmarkt zugelassenes Funktionsarzneimittel. Die einzelnen Ampullen wurden um 500 bis 600 Euro pro Stück angekauft und mit einem Gewinnaufschlag von 200 Prozent an Schwerstkranke weitergehandelt. Je schwerer die Erkrankung und je größer die Verzweiflung des Patienten, desto höher stieg der Preis. Neben dem Fall des verstorbenen Buben konnte das Bundeskriminalamt bis dato zwölf weitere Opfer des vermeintlichen Wunderdoktorteams ausfindig machen. Keinem einzigen der Geschädigten wurde durch die Injektionen geholfen -im Gegenteil: Sie litten zum Teil unter heftigsten Nebenwirkungen. Die Täter wurden im Dezember 2016 in Untersuchungshaft genommen.

Giftinjektion in Welser Villa

Zurück zum Sommer 2015. Zwei Mal wird der kleine Ali mit der Flugambulanz von Frankreich nach Österreich transportiert. Im Raum Wels mietet die Tätergruppe erst eine Wohnung an, in der sie ihn "behandelt", später eine Villa. Als GcMAF nicht wirkt und sich Alis Gehirntumor immer weiter vergrößert, beginnen die Täter, weitere Substanzen wie Benzin, THC und Kohlenstoff in einem Kellergeschoß zusammenzumixen. Auch dieses Fabrikat injizieren sie dem Buben. Die Nebenwirkungen äußern sich bei Ali immer extremer, sein Puls erreicht lebensgefährliche Höhen. Kurzzeitig wird er in ein Kinderspital verlegt. Als die Eltern misstrauisch werden, beginnt Alis Vater, die vermeintliche Wunderbehandlung per Video zu dokumentieren. News liegen Auszüge aus diesem Bildmaterial vor.

angebliches Krebsheilmittel
© BK angebliches Krebsheilmittel

Das Mittel, das die Österreicher an-und überteuert weiterverkauften, wird seit 2015 von Immuno Biotech Ltd. hergestellt. Die Firma, vom IT-Experten und rechtsextremen Ukip-Politiker David Noakes gegründet, vertrieb GcMAF unter dem Namen "First Immune". Das Präparat wird aus Blutplasma gewonnen. Trotz fehlender Zulassung und zurückgezogener Studien wurde es gegen Krebs, Aids, Autismus, Leukämie, Rheuma, Multiple Sklerose oder Infektionen angeboten. Tumoren, so das Heilsversprechen, reduzierten sich binnen einer Woche um ein Viertel ihrer Größe.

Doch wie sollte dieses Präparat wirken? Vereinfacht erklärt: durch Immunstimulation. Durch die Injizierung des Serums direkt unter die Haut sollen angeblich körpereigene "Killerzellen" so stimuliert werden, dass sie die kranken Krebszellen zielgerichtet bekämpfen. Damit das GcMAF wirken könne, müssen dem Körper zuvor hohe Mengen an Vitamin D zugeführt werden. Dem Patienten wird weisgemacht, dass das Mittel nur angeblich ohnehin im Organismus vorhandene "Killerzellen" ersetze und im Immunsystem wieder aufstocke.

Eine Ampulle GcMAF "First Immune" enthält 2,2 Milliliter und kostete 600 Euro. Diese reiche für bis zu acht Injektionen, sagt die Herstellerfirma. Die umstrittene bayerische Klinik St. Georg empfiehlt auf ihrer Seite bis zu 50 Injektionen wöchentlich. Dies entspräche 15.000 Euro pro Behandlungsmonat. Die Therapie müsse über drei bis zwölf Monaten aufrechterhalten werden. Überraschenderweise schlage sie bei Krebs, Aids oder Autismus gleichermaßen an. Allein: Es gibt keine klinischen Nachweise über eine etwaige Wirksamkeit.

Arzneibehörden warnten

Die Unternehmungen des schillernden David Noakes stehen in mehreren europäischen Ländern im Fokus der Ermittler. Die Zulassungs-und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel in Großbritannien warnte bereits im Februar 2015 vor der Anwendung von GcMAF beim Menschen -und veranlasste die Produktionseinstellung des nicht lizenzierten Medikaments. Die Herstellungsbedingungen seien untragbar gewesen, teilte die Behörde mit, teilweise nicht steril, die Laborgeräte waren verschmutzt, die Inhaltsstoffe hochgradig ungeeignet für den menschlichen Organismus. Das Bundeskriminalamt spricht von illegalen Untergrundküchen, erst auf Guernsey, dann in Frankreich, die dank österreichischer Ermittlungserfolge ausgehoben werden konnten. Über 10.000 GcMAF-Ampullen wurden allein in Großbritannien beschlagnahmt, es gab Dutzende Durchsuchungen in den illegalen Herstellungslaboren, ein Schweizer Behandlungszentrum musste sperren, Erfinder Noakes ohne Bankkonten auskommen. Erst im Februar dieses Jahres erfolgte ein Zugriff in Frankreich, die Drahtzieher sitzen in Untersuchungshaft.

Bis heute gibt es laut den Ermittlern zudem keinerlei zertifizierte Studien hinsichtlich Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit von GcMAF. Die eindringliche Empfehlung an Konsumenten lautet, einen Arzt zur Kontrolle möglicher Schäden aufzusuchen. Generell ist das Mittel problematisch, weil Patienten mit Beginn der Einnahme oft auch die klassische schulmedizinische Behandlung vernachlässigen oder gar ganz abbrechen.

Das schnelle Power-Geld

Das Geschäft mit der Todesangst folgt stets demselben Muster: Je verzweifelter die Menschen, desto teurer werden ihnen vermeintliche Wundermittel untergejubelt. Und damit den Leidenden das Geld noch lockerer sitzt, wird von hundertprozentiger Heilung ohne Nebenwirkungen schwadroniert. Das dokumentiert der Fall eines westösterreichischen Arztes, der im großen Stil ein sogenanntes Allheilmittel vertrieb, das von A wie Alzheimer bis Z wie Zika-Virus ebenfalls alles und jeden heilen sollte: "Powerlight Dubai" nennt sich das Produkt zur oralen Einnahme. Die Ampullen, in denen sich simple Kochsalzlösung befindet, werden angeblich ungeöffnet elektromagnetisch aufgeladen, um hernach Wunder mit "Wasserclustern" vollbringen zu können. Interessant ist auch hier die Preisgestaltung: Für die Behandlung von Krebs im Endstadium werden pro Ampulle 1.583 Euro verlangt, als Schmerzmittel ist es schon für 70 bis 80 Euro zu haben, bereits mit der zweiten Ampulle trete angeblich vollständige Heilung ein. Auf der Powerlight-Homepage versprechen die Händler das Blaue vom Himmel: Mit Powerlight gehe "die Sonne auf". Oder: "We bring light into the dark."

Das Ermittlungsteam rund um Franz Schwarzenbacher hat in den letzten Monaten mehr als 80 Geschädigte einvernommen, die Kenntnis über die Praktiken des zweifelhaften Medizinmannes haben. Die Dunkelziffer könnte auch in dieser Causa weit höher liegen. Erschwerend ist zudem: Zum Teil sind Opfer bereits verstorben. Der zugelassene Arzt, Ende 60, hatte eigens für den Vertrieb eine Powerlight-Pharma-Firma gegründet. Teilweise verschickte er die Ampullen an Schwerkranke, ohne die Patienten vorher zu visitieren. Seine Patientenkartei vergrößerte sich vor allem über Mundpropaganda. Bezogen hat der Arzt, in dessen Praxis unhygienische Zustände geherrscht haben sollen, die Ampullen offensichtlich über einen deutschen Mediziner und Kinderbuchautor, der in Österreich ebenfalls eine eigene Powerlight-Unternehmung besitzt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Arzneimittelbetrugs, die Ärztekammer will zu dem Disziplinarverfahren, das gegen den Westösterreicher läuft, keine Angaben machen, betont jedoch: "Seit jeher wird allen Ärzten abgeraten,'Wunderbzw. Allheilmittel' zu vertreiben."

Doch nach wie vor erteilt der Mediziner interessierten Kunden Auskunft über "Dubai Powerlight". Wenn auch zurückhaltender, wie News-Recherchen ergaben: Er sei von der Wirkung überzeugt gewesen, meint er, müsse aber bei seinem deutschen Partner, dem Arzt und Kinderbuchautor, noch einmal bezüglich der Wirkung nachforschen, weil er nun Probleme habe. Aber ja, besorgen könne er es jederzeit: "Wo kein Kläger, da kein Richter."

Undercover-Recherche


Nach wie vor bieten österreichische Ärzte offenbar Behandlungen mit GcMAF an. Unklar ist, woher sie das Mittel beziehen. Es gibt eine österreichische Firma, die GcMAF-Produkte unter dem Deckmantel "Nahrungsergänzungsmittel" legal vertreibt. Es handle sich um eine "bessere, weiterentwickelte GcMAF-Version", erklärt eine Firmensprecherin. Das Supplement sei "sehr hochpreisig" und für die orale Einnahme deklariert, könnte von Ärzten jedoch auch gespritzt werden. Selbst die Handelsfirma geht davon aus, dass einige Ärzte GcMAF weiterhin aus dem Ausland beziehen.

News wandte sich undercover mit dem Fall eines Gehirntumors und dem Wunsch nach einer GcMAF-Therapie an diverse Ordinationen. Zum Beispiel an einen 57-jährigen Arzt in Wien-Hietzing. Der Mediziner ist in der Szene alternativer Krebstherapien einschlägig bekannt, gilt als heilerische Koryphäe - übrigens lange auch für Behandlungen mit "Ukrain"(siehe Kasten). In inoffiziellen Internetforen berichten ehemalige Patienten, dass sie für die Injizierung des Präparats aus aller Welt anreisten, sogar aus Amerika, und fünfstellige Beträge bezahlten. Nebenbei: Der Arzt hielt Lehrveranstaltungen an der Medizinischen Universität Wien, seine Ordination war zudem "akademische Lehrpraxis" - und er ist zertifizierter Gerichtssachverständiger.

"Alles weitere persönlich"

Auf die explizite Frage nach GcMAF als Wahlbehandlungsmittel des geschilderten Gehirntumors antwortet der Wiener Mediziner nach nur fünf Stunden: "Ich muss Sie bitten, einen persönlichen Termin wahrzunehmen, da ich mich schriftlich nicht äußern kann und will, da eine offizielle Zulassung zu diesem Präparat fehlt. Alles weitere sehr gerne persönlich. ( ) Herzliche Grüße!" Am darauffolgenden Vormittag schickt eine Praxismitarbeiterin ein weiteres Mail mit der nachdrücklichen Einladung zu einem Gespräch. Für dieses würden, so der Hinweis, 170 Euro verrechnet: "Melden Sie sich ruhig, um den entsprechenden Termin zu vereinbaren."

Auch eine 63-jährige Wiener Wahlärztin, Psychotherapeutin und Homöopathin soll in den letzten Jahren mit GcMAF Krebs behandelt haben. In diversen Gesundheitsforen wird ihre Therapie empfohlen. Auf der Homepage ihrer innerstädtischen Privatordination preist sie ein Nachfolgepräparat von GcMAF an. Dazu führt die Medizinerin angebliche Erfolge von Marco Ruggiero an, einem umstrittenen Florentiner Arzt, der als "wissenschaftlicher Leiter" in Noakes' britischer GcMAF-Firma Immuno Biotech Ltd. firmierte und als Aids-Leugner gilt. Mit ihm gemeinsam trat die Wiener Medizinerin beispielsweise 2010 bei einem Aids-Leugner-Kongress auf - von ihr im Wiener Museumsquartier organisiert. Genannter Arzt, Marco Ruggiero, dem zeitweise seine Approbation entzogen wurde, vermarktet übrigens auch ein probiotisches GcMAF-Joghurt, das die Wiener Ärztin gerne eingesetzt haben soll. Sie könne, schreibt sie auf ihrer Website, in "nur zwei Halbtagen" alle Voraussetzungen bieten, die Krebserkrankte "zu ihrem persönlichen Quantensprung mit nach Hause nehmen können". Auf Nachfrage zu einer GcMAF-Behandlung eines Gehirntumors lädt auch sie sofort zu einem persönlichen Termin. Sie nennt das GcMAF-Nachfolgemedikament, das derzeit bei der einen österreichischen Firma legal bezogen werden kann. Zehn Fläschchen für 2.300 Euro, schreibt sie.

"Lebensbedrohlicher Betrug"

Die Österreichische Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) warnt ausdrücklich davor, Mittel zu probieren, die hundertprozentige Heilung versprechen: "Es gibt nie Wirkungen ohne Nebenwirkungen, das ist ein Naturgesetz. Wenn Ihnen jemand so etwas verkauft, lügt er", sagt AGES-Arzneimittelexperte Christoph Baumgärtel, der eine Häufung an Fällen in Österreich registriert. "Es ist ein lebensbedrohlicher Betrug. Sämtliche Präparate haben keine Zulassung und sind illegal auf dem Markt." Deshalb gehe die AGES auch regelmäßig gemeinsam mit den Ermittlungsbehörden rechtlich dagegen vor.

Der Powerlight-Arzt wird sich für sein Tun demnächst verantworten müssen. Er ist übrigens leidenschaftlicher Leserbriefschreiber an eine österreichische Tageszeitung. So hat er beispielsweise eine klare Haltung zu Substanzen wie Cannabis: Er fände es "fatal", schreibt er, "wenn dereinst diese Drogen legalisiert am freien Markt und morgen am Kaugummiautomaten" erwerblich würden. Was seine eigene Qualifikation als Heiler angeht, sieht er in einem anderen Brief "frappante Gemeinsamkeiten mit unserem Pontifex Franziskus". Sowie mit Christus, dem "Erlöser".