"Gesamtschule" in weite Ferne gerückt: Modellversuche als Gerüst der Schulreform

10 Modellregionen im kommenden Jahr realistisch Oppositionsparteien orten weiteren SPÖ-Umfaller

"Gesamtschule" in weite Ferne gerückt: Modellversuche als Gerüst der Schulreform

Ab dem kommenden Schuljahr wird es "Modellversuche zur Weiterentwicklung der Sekundarstufe I" geben - eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen vulgo Gesamtschule ist dagegen vorerst in weite Ferne gerückt. Zwar haben sich ÖVP und SPÖ bei der Schulreform bei Streitthemen wie Mitbestimmung, Wahlfreiheit und Evaluierung geeinigt, das ursprüngliche SPÖ-Ziel zumindest einer Erprobung der gemeinsamen Schule in einem begrenzten Gebiet ist dabei aber verloren gegangen.

Modellversuche könnte es im kommenden Jahr in rund zehn Regionen geben. Nach Angaben der Landesschulräte könnten - vorbehaltlich der Zustimmung an den einzelnen Standorten - im kommenden Schuljahr Modellversuche in der Stadt Salzburg, Hallein, Mittersill (Salzburg), Graz, Voitsberg (Steiermark), Güssing und Jennersdorf (Burgenland) sowie in Klagenfurt und Villach (Kärnten) starten. Möglich, aber eher unwahrscheinlich ist die Teilnahme von Oberpullendorf (Burgenland). In Wien und Niederösterreich ist der Start von Modellversuchen für 2009 geplant, wobei die Bundeshauptstadt eventuell doch früher starten könnte.

"Gesamtschule" praktisch ausgeschlossen
Praktisch schon durch die Neuregelung im Schulorganisationsgesetz ausgeschlossen ist eine gemeinsame Schule aller Zehn- bis 14-Jährigen. In jedem politischen Bezirk müssen nämlich bestehende AHS-Unterstufen auch weiter angeboten werden. Außerdem haben sich in den bisher bekannten Modellregionen vor allem Hauptschulen gemeldet. Erprobt werden vielmehr vor allem Unterrichtsmethoden, die später in einer gemeinsamen Schule auf der Tagesordnung stehen könnten, bzw. Maßnahmen wie die Auflösung der starren 50-Minuten-Einheit oder eine Einschränkung des Sitzenbleibens.

AHS-Lehrergewerkschaft frohlockt
Dementsprechend zufrieden zeigte sich die Vorsitzende der AHS-Lehrergewerkschaft, Eva Scholik: "Die von radikalen Reformern als Kahlschlag der AHS konzipierte und von BM Schmied intendierte Versuchsdiktatur durch das Unterrichtsministerium wird es nun nicht geben." Enttäuscht gab sich dagegen ihr Pendant von der Pflichtschullehrergewerkschaft, Walter Riegler. Einerseits würde durch die Regelung, wonach die Dienstrechte der an den Modellversuchen unterrichtenden Lehrer unverändert bleiben, Hauptschullehrer benachteiligt, weil diese bei geringerer Bezahlung länger unterrichten müssen als AHS-Kollegen. Andererseits tut es dem Christgewerkschafter "persönlich weh", dass mit den Modellversuchen keine gemeinsame Schule erprobt wird. Stattdessen würden sich nun alle zurücklehnen: "Die Frau Ministerin sagt, sie hat jetzt ihre Schulversuche, die ÖVP kann sagen, sie hat jetzt acht Jahre Ruhe."

"Äußerst unglücklich" waren auch die SP-nahen Lehrer. Der Bundesverband der Elternvereinigungen an mittleren und höheren Schulen sah dagegen wesentliche Forderungen wie "Modellversuche ohne Zwang, Mitbestimmung und Wahlfreiheit der Unterrichtsform am Schulstandort erfüllt".

Opposition sieht weiteren SPÖ-Umfaller
Kein gutes Haar an dem SP-VP-Kompromiss lässt die Opposition: Die Grünen sehen in der Schulreform kaum mehr Reste von der Grundidee einer gemeinsamen Schule, die SPÖ sei "an der Beton-Fraktion der ÖVP politisch zerschellt", so der Bundesparteisekretär der Grünen, Lothar Lockl. FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache ortet ein "jämmerliches Schauspiel" beider Regierungsparteien, die Einigung sei "gar nicht sichtbar". Als "Flop des Jahres" bezeichnete BZÖ-Chef Peter Westenthaler die Einigung, die ÖVP und ihre Gewerkschafter würden mit Sicherheit nicht zulassen, dass zwei Drittel der Lehrer einer Schule einem Modellversuch zustimmen würden. Wissenschaftsminister Johannes Hahn wies die Einwände zurück und forderte die Kritiker auf, die Ergebnisse der Versuche abzuwarten. Für den Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Markus Beyrer, eröffnen die Schulversuche "die notwendige Weiterentwicklung des guten österreichischen Bildungswesens", die wirkliche Umsetzungsarbeit beginne erst jetzt mit der Erarbeitung der notwendigen pädagogischen wie organisatorischen Maßnahmen.
(apa/red)