Menschen von

Der Traumtänzer

Keszler will "Dancing Stars" nützen, um seine Botschaft noch mehr zu verbreiten

Gery Keszler am Life Ball © Bild: APA/Neubauer

Das Speisezimmer des Gästehauses Mokhotlong ist düster, und auch draußen, im kargen Bergland Lesothos, durchbrechen weder Straßenlaternen noch Autoscheinwerfer das Dunkel. Die Nacht scheint absolut, und so beginnt Gery Keszler zögerlich, aber hochkonzentriert, die eigene Innenwelt zu durchleuchten. "Je mehr ich für mich erreiche, desto mehr kann ich an andere weitergeben."

Menschenliebe dank Egoismus: Keszler sagt, es sei Charlie Chaplin gewesen, der ihn auf diesen Gedanken gebracht habe, und beginnt, aus dessen Gedicht "Als ich mich selbst zu lieben begann" zu zitieren: "Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben, und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen", heißt es da. Und weiter: "Heute mache ich nur das, was mir Freude und Glück bringt, was ich liebe und was mein Herz zum Lachen bringt, auf meine eigene Art und Weise und in meinem eigenen Rhythmus." Das war am 15. April 2015, und Gery Keszler besuchte im bitterarmen Süden Afrikas eines seiner wichtigsten Hilfsprojekte, in dessen Rahmen er mit keinem Geringeren als Prinz Harry und dessen NGO Sentebale kooperiert.

Keszler bei den "Dancing Stars"

Am 16. Mai, genau einen Monat später, verkündete Gery Keszler im Rahmen des Life Balls, seines Aids-Charity-Events, unter Tränen, dass er selbst HIV-positiv sei. Am 2. November gab er dann in einer Videobotschaft bekannt, dass im Jahr 2016 kein Life Ball stattfinden werde. Am 20. November schließlich informierte der ORF über jene zehn Prominente, die zur neuen Staffel von "Dancing Stars" antanzen. Prominentester Kandidat: Gery Keszler.

2016 kein Life Ball, dafür Mister Life Ball als öffentlicher Tänzer - das Substitutionsprogramm eines Selbstsüchtigen? Oder nur das angewandte Chaplin-Prinzip "Ich mach nur das, was mir Freude und Glück bringt"? Wohl beides. "Keszler wünscht sich schon lange, da mitzumachen", sagt Thomas Schäfer-Elmayer, einer der Juroren der Fernsehtanzshow. "Das wird ihm eine sehr große Medienpräsenz bescheren, so wird man ihn während des kommenden Jahres nicht vergessen", sagt Szenegastronom Bernd Schlacher, der zu Keszlers Freundeskreis zählt. "Das wird die schönste und wichtigste Auszeit seines Lebens, das wird ihn körperlich und emotional so richtig hernehmen", meint Moderator Alfons Haider, der sich vor fünf Jahren selbst in der Show als Tänzer versuchte. Klar tanzt Keszler auch für sich selbst. Laut Schäfer-Elmayer haben ihm viele ehemalige Kandidaten von dem "einzigartigen Erlebnis" vorgeschwärmt.

»Das wird die schönste und wichtigste Auszeit seines Lebens«

"Ich habe Angst vor Verlogenheit und Missgunst", erzählte Österreichs profiliertester Fundraiser im News-Interview nach seinem Outing. "Ich schlage einen Selbstversuch vor: Bewerben Sie sich für einen Job und geben Sie an, HIV-positiv zu sein." Genau das hat der 52-jährige Ex-Visagist nun gemacht. Er will tanzen, um dem breiten TV-Publikum zu zeigen: "Seht her, ich bin infiziert, aber solange sich mein Immunstatus im Normbereich bewegt, bin ich so gesund und belastbar wie ihr!"

Dass Keszler - wie von "Krone"-Postler Michael Jeannée insinuiert - den Ball gecancelt hätte, um sich solo und ganz ohne Ball-Entourage in den Vordergrund zu drängen, ist reine Unterstellung. Schon seit Jahren stand dem Gründervater der Spaß-Faktor seines Festes zu sehr im Vordergrund. Nun will er es neu justieren, auf dass dessen tragischer Hintergrund zwischen all dem Glam und Glitzer nicht völlig untergehe.

Der Druck setzt ihm zu

Doch auch die Last der stetig wachsenden öffentlichen Erwartungen hat dem findigen Charity-Netzwerker immer stärker zugesetzt. Im Freundeskreis bestätigt er das, öffentlich würde er das nie zugeben. "Viele Leute können sich den Druck nicht vorstellen, dem Gery ausgesetzt ist - immer muss er etwas Neues bieten, immer noch mehr Geld auf die Beine stellen", sagt Bernd Schlacher. "Wir leben ja nicht in Hollywood, wo eine einzelne Person schon auch einmal eine Million spendet."

»Ich habe Angst vor Verlogenheit und Missgunst«

Das eigene Fest war Keszler nicht mehr tiefgründig genug. Dass er sich nun eine Unterhaltungsplattform wie "Dancing Stars" aussucht, um seine Message zu verbreiten, hat einige Mitbewerber aus dem Ballroom irritiert. Allein der Umstand, dass er bei der Kandidatenpräsentation nicht persönlich anwesend war, sondern sich in beruflicher Mission in Lesotho aufhielt, unterstrich noch vor der ersten Wertungsrunde seinen Sonderstatus. "Ich komme mit seiner Abgehobenheit nicht klar und werde versuchen, ihm so weit als möglich aus dem Weg zu gehen", sagt eine der Kandidatinnen. Ihren Namen möchte sie in diesem Zusammenhang lieber nicht in der Zeitung lesen.

Polarisierende Persönlichkeit

"Der Gery ist eben eine sehr polarisierende Persönlichkeit, weil er absolut keinen Wert auf Diplomatie legt", sagt Alfons Haider. In Wirklichkeit steckt hinter seiner harten Schale aber ein weicher Kern." Ob aber die wichtigsten Gruppen der "Dancing Stars"-Voter -Kids, die Keszler kaum kennen, und Pensionisten, die seine schrille Erscheinung womöglich irritiert -die Komplexität der Keszler'schen Persönlichkeit einhellig goutieren? "Bei diesem Sendeformat kommt es nicht so sehr darauf an, wer oder wie die einzelnen Kandidaten ursprünglich sind, sondern wie sie sich im Laufe der Sendungen entwickeln", sagt Medienpsychologe Peter Vitouch.

Entwickelt sich Keszler, der notorische Einzelkämpfer, zum Teamplayer, der sich lammfromm in die Arme eines Tanzprofis fallen lässt? "Er hat Visionen, die er zu hundert Prozent umsetzen will, andere Meinungen akzeptiert er nicht", befindet Bernd Schlacher. "Sonst hätte er den Life Ball nicht so weit gebracht."

In der allumfassenden Dunkelheit der Nacht, im Hochland von Lesotho, wirkt Gery Keszler so, als wäre er der geborene Teamspieler. "Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, immer recht haben zu wollen, so habe ich weniger geirrt", zitiert er Charlie Chaplin aus dem Gedächtnis. Aber hat das auch noch im gleißenden Licht des Ballrooms Gültigkeit?

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