Gastkommentar von

Der Kampf der Antidemokraten

Der Autor bereiste das Land selbst mehrfach: Für NEWS entwirft er ein dunkles Szenario

Gerhard Roth © Bild: NEWS/Vukovits Martin

Ich war in den vergangenen zwanzig Jahren fünf Mal in Kairo, zuletzt im November 2010. Das Stadtbild hatte sich in dieser Zeit laufend in Richtung Islamisierung verändert, immer mehr verschleierte Frauen waren auf den Straßen zu sehen und an Freitagen hörte man zusätzlich zu den Mahnrufen von den Minaretten Koransuren aus den Autoradios der Taxis.

Die Ägypter – freundliche und liebenswerte Menschen – haben ein schweres Los. 40 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten, es gibt zwar ein Sozialsystem, aber es ist viel zu schwach, um die Armut wirksam zu bekämpfen. Ein fruchtbarer Boden also für die Religion, auf der oft die letzte Hoffnung beruht. Die Attentate, wie zum Beispiel das vor dem Hatschepsut-Tempel, zeigten längst, dass es im Untergrund brodelte. Daher war der Volksaufstand im Jahr 2011 keine unerwartete Entwicklung, sondern auch eine Folge der Unterminierung der Gesellschaft durch die Muslimbruderschaft, die im Polizeistaat unter Mubarak verboten war.

Bei den ersten freien Wahlen erreichten die Islamisten folgerichtig die absolute Mehrheit. Mursi hat sich jedoch nicht an die Grundregeln der Demokratie gehalten, er hatte von Anfang an einen Gottesstaat im Sinn, was durch den Versuch, die Verfassung zu ändern, sichtbar geworden ist. Darf ein Politiker, der demokratisch gewählt wurde, selbst schrittweise die Demokratie abschaffen? Es gibt in der Geschichte Beispiele dafür, wohin sich dann ein Regierungssystem entwickelt. Ich zweifle daran, dass der Konflikt zwischen der Muslimbruderschaft und dem Militär, das jedenfalls wenig Demokratieverständnis aufweist, friedlich gelöst werden wird, obwohl eine friedliche Lösung der einzige Weg in eine Zukunft ohne Bürgerkrieg wäre.

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