"Die Buschtrommel" von

Ist die Generation Ü40
beziehungsunfähig?

"Die Buschtrommel" - Ist die Generation Ü40
beziehungsunfähig? © Bild: Shutterstock/Photographee.eu

Warum fühlen sich trotz des Booms von online Dating Portalen und Social Media Kanälen immer mehr Menschen einsam?

Meine Begegnungen mit den Dating-Kandidaten haben mich sehr nachdenklich gemacht. Fast alle Männer, die ich im Rahmen meiner online Dating Phase getroffen habe, waren Mitglieder der Generation Kriegsenkel, das heißt zwischen 40 und 60 Jahre alt.
Warum sind so viele Männer und selbstverständlich auch Frauen der Kriegsenkel Generation, obwohl sie eine gute Ausbildung abgeschlossen haben, ihr ganzes Leben lang von innerer Unsicherheit und Ängsten geplagt? Fühlen sich nicht herzlich angenommen und geliebt um ihrer selbst willen? Haben kein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt? Meinen nur durch Leistung den Anspruch zu entwickeln, anerkannt und geliebt zu werden? Leben mehr im äußeren Schein als im inneren Sein? Entwickeln Burnout Erkrankungen? Neigen zu Depressionen, entwickeln Sucht- und psychosomatischen Erkrankungen und haben häufig Schwierigkeiten in ihren Beziehungen?

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Prof. Dr. Franz Ruppert, Professor für Psychologie in München und Psychologischer Psychotherapeut über die Kriegsenkel-Generation und warum zum Beispiel Online Dating so erfolgreich geworden ist:

Wir leben in einer Konkurrenzgesellschaft, in der die Menschen versuchen, möglichst intelligent und rational zu erscheinen. Sie überspielen die Defekte ihrer Psyche und verheimlichen ihre psychischen Fehlleistungen. Solange fast alle dieses Versteckspiel mitmachen, funktioniert das auch nach dem Motto ‚Wenn du mich davor verschonst, meine psychischen Defekte zu benennen, sage ich auch nicht, was ich bei dir wahrnehme’. Je mehr Machtbefugnisse zudem jemand besitzt, desto weniger getrauen sich die von ihm/ihr Abhängigen, etwas zu sagen.
Viele traumatisierte Eltern, die als Kinder schon das Gleiche erleben mussten, sind nicht in der Lage, zum Wohl ihrer Kinder zu handeln. Sie stellen ihre eigenen Trauma-Überlebens-Interessen über die Bedürfnisse ihrer Kinder und missbrauchen ihre Kinder für ihre Überlebensstrategien. So werden unzählige Kinder zu Opfern ihrer traumatisierten Mutter und/oder ihres traumatisierten Vaters. Kinder werden insgesamt in einer traumatisierten Gesellschaft als Objekte von Belohnung und Bestrafung gesehen, an denen sich jeder ausprobieren kann, dem sie in die Finger geraten.

Prof. Ruppert, warum nun zieht das Internet generell und auch das Online Dating Menschen an?

Viele Menschen können aus den genannten Gründen heute leider wenig mit sich selbst anfangen und haben wenig Selbstbezug. Viele haben keine eigenen Perspektiven oder Ziele im Leben, weil sie sich abhängig fühlen und einfach nur mitmachen, was ihnen vorgesetzt wird. Das hängt eben mit der oben beschriebenen Art und Weise zusammen, wie viele Menschen aufgewachsen sind: Sie werden von ihren Eltern nicht gesehen, wie sie wirklich sind.

Der Fokus der Menschen geht also nicht nach innen nach dem Motto ‚Ich weiß, wer ich bin und ich weiß, was ich will’ sondern die Menschen befinden sich in Trauma-Überlebensprogrammen. Eines der Überlebensprogramme heißt ‚Ich möchte etwas erleben!’ und ‚Es muss im außen etwas passieren!‘ Denn, wenn ich mich nach innen wende, dann ist da nur Leere, weil ich mich durch die Gefühlsabstumpfung vor meinen traumatischen Erfahrungen schütze, sonst spüre ich meine Trauma Gefühle – Todesängste, ohnmächtige Wut, unerträgliche Schmerzen, abgrundtiefe Einsamkeit - , mit denen ich nicht umgehen kann.
Die Menschen ‚fühlen’ sich also über das Erleben von außen, es muss ‚Action‘ dabei sein. Sie möchten erkannt, geliebt und beachtet werden. Und dafür ist das Internet natürlich eine wunderbare Möglichkeit. Das erklärt unter anderem den Siegeszug der sogenannten ‚Selfies’ und Social Media generell. Der Wunsch der Menschen nach Anerkennung und Liebe ist auch vollkommen normal. Das Internet kann aber eben diese nährende und sättigende Form von tatsächlicher liebevoller Zuwendung, die man als Kind von seiner Mutter und seinem Vater nicht bekommen hat, nicht ersetzen.

Was denken Sie darüber, liebe Leserinnen und Leser? Was sind Ihre Erfahrungen mit Online Dating? Schreiben Sie mir. info@corinnabusch.com

© Corinna Busch Corinna Busch. Journalistin, Autorin, Coach und News.at-Kolumnistin

Die Buschtrommel

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In Afrika, Neuguinea und den amerikanischen Tropen verwendeten die Einheimischen jahrhundertelang eine Art Trommeltelegraphie, um sich miteinander über ferne Distanzen zu verständigen. Eine Buschtrommel. Genauso wie unsere Kolumnistin, die Deutsch-Österreicherin Corinna Busch. Mit ihren Kolumnen möchte sie sich mit ihren Leserinnen und Lesern über weite Distanzen verbinden, austauschen und zu Diskussionen anregen. Die Buschtrommel wird sich hauptsächlich mit den Themen Partnerschaft, Beziehungen und unserem gesellschaftlichen Wandel beschäftigen.

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