Generation Kurz von

Jung, männlich, toller Job

 Sebastian Kurz © Bild: APA/ROBERT JAEGER

Es ist davon auszugehen, dass ein 31-Jähriger bald auf dem Kanzlersessel Platz nehmen wird. Für seine Generation gilt er damit als Vorbild für effiziente Karriereplanung. Tatsächlich dürfen sich aber hauptsächlich Männer Hoffnungen auf ähnliche Chancen machen.

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Er wird der jüngste Bundeskanzler sein, den Österreich jemals hatte. Doch trotz seines fulminanten Wahlsiegs -der 31-Jährige hat immerhin nicht weniger geschafft, als eine bereits totgesagte Partei wieder zur stimmenstärksten Kraft im Land zu machen -muss sich ÖVP-Chef Sebastian Kurz sofort wieder Zweifel anhören.

Der jüngste Regierungschef aller Zeiten ist er nämlich beileibe nicht, das zeigt ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher. William Pitt der Jüngere wurde im Jahre 1783 schon als 24-Jähriger zum jüngsten Premierminister Großbritanniens ausgerufen. "Und Alexander der Große war im Alter von Kurz schon beinahe tot", sagt der Industrielle Hannes Androsch, der selbst mit 32 Jahren SPÖ-Finanzminister geworden ist: "Jugend ist also weder ein Fehler noch ein Verdienst." Entscheidend seien vor allem "individuelle Fähigkeiten und Qualifikationen" des Kandidaten. Denn auch der französische Staatspräsident Emmanuel Macron zählt mit seinen 39 Jahren karrieretechnisch zur Generation Kurz.

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Ein Blick in die Freundschaftsbücher der Generation Kurz: news.at/freundefragen

Surfen auf dem Zeitgeist

Der Hype um den neuen Chef der Volkspartei wird aber nicht nur von seinem Alter bestimmt, sondern von seinen Fähigkeiten, zu organisieren, zu mobilisieren und zu motivieren, sagen viele ÖVP-Parteigranden unisono. "Kurz surft auf der Welle des Zeitgeistes. Das macht seinen Erfolg bei den Jungen salonfähig", bestätigt Jugendforscherin Beate Großegger: "Die Marke Sebastian Kurz steht dabei für professionelle Selbstinszenierung." Der Politiker setze auf "neosoziale Tugenden wie Eigenverantwortung oder Wettbewerbsorientierung und kultiviert geschickt den Trend zum ,Postpolitischen'".

Hier würden nicht mehr nur die besseren politischen Argumente zählen: "Politik passiert in einem weitgehend ideologiefreien Raum und versteht sich als Dienstleistung an die Bürgerinnen und Bürger."

In die gleiche Richtung gehen auch die 100.000 Mitglieder der Jugendorganisation der Partei. Kurz kommt selbst aus der Jungen ÖVP (JVP) und hat bereits als Außenminister den intensiven Kontakt zur Basis nie abreißen lassen, bestätigt JVP-Generalsekretär Stefan Schnöll: "Der Wahlsieg von Sebastian hat in unseren Reihen sicherlich einige noch stärker dazu motiviert, die Politikerlaufbahn einzuschlagen."

Acht von ihnen ist das bereits gelungen: "Vier Mädels und vier Burschen", so Schnöll, werden für die Volkspartei in das Parlament einziehen. "Sieben von uns sind noch unter 30", so der ÖVP-Funktionär und künftige Nationalratsabgeordnete. Das Durchschnittsalter von 52 Jahren im Parlament werde man damit allerdings nur "um ein paar Jährchen" senken können. Der Politiker ist dennoch davon überzeugt, dass man, mithilfe des Beispiel Kurz, künftig nicht mehr darauf schauen werde, "wie alt jemand ist".

Alles auf dem Silbertablett

Der deutsche Buchautor Jonathan Sierck, selbst 1993 geboren, setzt sich beruflich mit erfolgreichen Jungen auseinander und hat dafür auch den österreichischen Politiker Sebastian Kurz porträtiert. Er sieht Kurz ganz im Gegenteil genau nicht als den typischen Vertreter dieser Alterskohorte: "Die Generation Y (alle nach dem Jahr 1985 Geborenen, Anm.) wird so dargestellt, dass sie alles kriegt, bevor sie überhaupt geliefert hat. Denen alles auf dem Silbertablett serviert wird." Zugleich, sagt Sierck, gebe es heute mehr junge Menschen, die anpacken wollen. Kennzeichen dieser "jungen Überflieger" sei nämlich Beharrlichkeit: "Ich brauche eine sehr klare Vorstellung davon, wo ich hinwill. Wenn die Richtung nicht da ist, kann ich nicht entsprechend handeln." Kurz hätte das gewusst und hätte entsprechend handeln können. Damit, so meint Sierck, werde er auch "für viele junge Leute in Österreich Vorbildwirkung haben. Viele werden sich denken: Wenn der so weit kommt, kann ich auch nach Höherem streben."

Effizienteste Altersgruppe

Elias versucht genau nach diesem Motto zu leben. Der 31-jährige Vorarlberger arbeitet seit seinem Studienende als selbstständiger Werbetexter. Im Berufsleben hat er die Erfahrung gemacht, dass "Alter immer irrelevanter wird". Seit die Nationalratswahl geschlagen ist, hätten die Österreicherinnen und Österreicher außerdem verstanden, dass es "keine Korrelation zwischen Alter und Fähigkeit gibt", so Elias. Diese Erkenntnis habe auch Auswirkungen auf sein Unternehmertum gezeigt: "Wenn es einmal bei mir so weit ist, dass ich jemanden einstellen kann, wird das sicher kein Senior sein, der nur aufgrund seines Alters mehr verdient." Außerdem sei er überzeugt davon, dass die Altersgruppe 20 bis 30 "die kreativste und effi zienteste ist, die es gibt -und die zudem noch viel zu wenig verdient".

Max (Name von der Redaktion geändert) sieht die Welt hingegen mit ganz anderen Augen. Er glaubt fest daran, dass Sebastian Kurz ein gutes Beispiel dafür ist, "dass man jungen Leuten erst dann echte Verantwortung überträgt, wenn man de facto keine andere Möglichkeit hat und mit dem Rücken zur Wand steht". So wie es in der ÖVP aufgrund massiven Wählerschwunds und mangels Obmann-Alternativen eben geschehen sein. In seiner Welt, "dem recht konservativen Berufsstand der Rechtsanwälte", so der 31-jährige Burgenländer, "muss man sich den Respekt der älteren Generation durch achtbare Arbeit erst schwer verdienen".

Oder sich einfach auf eigene Beine stellen. Das hat Susanne gemacht. Die 32-jährige Oberösterreicherin hat im dritten Bildungsweg -nach Friseurlehre und Wirtschaftsstudium -im Vorjahr eine eigene Boutique eröffnet: "Ich wurde zum Glück nie belächelt, doch meine Branche ist in der Hinsicht sehr tolerant. Immerhin lebt die Modewelt von der jungen Generation." Es gebe aber sicher viele Bereiche, sagt Susanne, "in denen man es in meinem Alter und mit meinem Geschlecht schwerer hätte".

Auch Marlene sieht in der Wahl von Kurz' ÖVP für sich keinen Vorteil. Die gelernte Optikerin ist derzeit in Mutterkarenz und überlegt, danach etwas ganz anderes zu machen. Vorbildfunktion hat der Politiker für sie keine: "Für mich bleibt alles beim Alten. Wäre es eine junge Frau, die nun in einer derart mächtigen Position ist, wäre es etwas anderes, das wäre ein Gefühl von Aufwind." Bei der Wahl der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel habe sie so etwas schon einmal bemerkt, "und die ist ja nun gar nicht in meinem Alter", sagt die 32-jährige Salzburgerin: "Aber da habe ich schon ein ,Wir Frauen können es auch' gespürt."

Generation Praktikum

Dass sich der Erfolg eines männlichen Politikers kaum auf die Karrierebestrebungen aller und schon gar nicht auf die von Frauen umlegen lässt, bestätigt auch Jugendforscherin Beate Großegger: "Ein politischer Generationenwechsel wird nicht zuletzt auch auf Entscheiderebene männlich gedacht." Dies habe sich bei Sebastian Kurz gezeigt, aber auch beim Konflikt zwischen dem 63-jährigen Peter Pilz und dem 28-jährigen Julian Schmid um den vierten Listenplatz bei den Grünen. Schmid könnte - nach dem nunmehrigen Aus für die Grünen im Nationalrat -mit viel Pech bald selbst ein typischer Vertreter der Generation Y werden -nämlich jenes Teils, der sich außerdem auch noch Generation Praktikum nennen darf, weil fixe Anstellungen in der heutigen Wirtschaftswelt bereits Mangelware sind.

Auch bei Sebastian Kurz komme man jetzt erst von der Theorie in die Praxis, sagt Natalie Bairaktaridis, Managing Partner des Personalberaters Ward Howell: "Jugend kann hier hilfreich sein -als Vertrauensvorschuss genutzt werden -oder für Kurz bei seiner neuen Aufgabe ein Hindernis sein." Innerhalb dieser Schnittpunkte werde sich das Potenzial des ÖVP-Chefs "entweder entfalten oder verglühen".

Auch für Headhunter Florens Eblinger von Eblinger &Partner ist Alter sehr wohl ein Kriterium, das im Unternehmensleben als Pluspunkt zählt: "Das gute Ergebnis, seine politische Erfahrung, aber auch die jugendliche Dynamik wird Kurz sicherlich nützlich sein", trotzdem wird auch er an Ergebnissen gemessen: "Bei den Koalitionsgesprächen mit den anderen Parteien wird sich zeigen, ob er -intern und extern - tatsächlich einen neuen Weg durchsetzen kann."

Allerdings gibt es bereits haufenweise Beispiele aus Wirtschaft, Kunst und Kultur, wo sich bereits sehr junge Menschen erfolgreich nach oben arbeiten konnten. Cornelia Daniel, die 35-jährige Chefin des Solarberatungsunternehmens Dachgold, glaubt, "dass die Millennium-Generation gelernt hat, dass nichts bleibt, wie es ist". Vor diesem Hintergrund könne auch die Digitalisierung besser genutzt werden: "Die Jungen und Guten haben es heute leichter, sichtbar zu werden und damit früher entdeckt zu werden." Für die Selbstvermarktung seien keine Millionen mehr notwendig, auch der Zugang zu Wissen, selbst von anerkannten Fachleuten, sei heute sehr viel einfacher: "Es gibt eine neue Arbeitsmethode mit dezentralen und schlanken Strukturen. Uns sind nicht die Statussymbole wichtig, sondern die Ergebnisse."

Neue Zeitenwende

Für den 36-jährigen Ali Mahlodji, Gründer der Berufsorientierungsplattform Whatchado, hat Sebastian Kurz die Wahl "nicht nur wegen seines Alters gewonnen, sondern vor allem, weil er für etwas Neues stand". Der künftige Kanzler sei auch Ausdruck einer Zeitenwende in der Wirtschaft: "Man braucht sich mittlerweile nicht mehr Jahrzehnte hochzudienen", so Mahlodji, "viele Unternehmen wollen heute Junge, die Verantwortung übernehmen." Die Start-up-Welt habe einige Sichtweisen in der Wirtschaft verändert. Das Bild einer 35-jährigen Führungskraft sei dort längst der Normalfall: "Diese Veränderung sieht man." In vielen Unternehmen sei dadurch auch die Angst vor jungen Topmanagern deutlich geringer geworden.

Der Gründer von Runtastic, der 34-jährige Florian Gschwandtner, sieht insbesondere Änderungen beim Begehen des klassischen Karriereweges: "Es dauert nicht mehr Jahre, bis jemand die Möglichkeit erhält, eine Führungsposition zu übernehmen." Bei ihm gebe es auch 27-jährige Manager, "und niemand hat ein Problem damit". Entscheidend seien vielmehr Leadership-Qualitäten, soziale Kompetenz und die Fähigkeit, Menschen zu führen, "und natürlich die Ergebnisse". Dabei seien auch Fehler "durchaus erlaubt, wenn man daraus lernt". Diese Entwicklung sei auch noch lange nicht zu Ende, so Gschwandtner: "Die Digital Natives (die Generation, die mit digitalen Technologien aufwächst, Anm.) werden immer jünger."

Einzigartiger Mensch

Dennoch ist die Generation Y nicht von vornherein mit Geld und Karrierechancen gesegnet, ganz im Gegenteil. Für viele ist allein schon der Begriff zu schwammig, da er davon ausgeht, dass alle Menschen, die ab einem bestimmten Datum (in diesem Fall der 1. Jänner 1986) geboren wurden, auch ähnlich sozialisiert wurden. Empirisch treffe das aber nur eingeschränkt zu, sagt Karriereforscher Thomas Schneidhofer, auch wenn einige Charakteristika passen. Immerhin wollen die unter 32-Jährigen es besser haben als ihre Eltern.

Und sie halten sich für einzigartig und glauben, dass ihnen damit auch Außergewöhnliches zusteht. In psychologischer Hinsicht, sagt Schneidhofer, sei Kurz ein typischer Vertreter seiner Generation: "Der Anspruch an sich selbst ist sehr hoch, man geht davon aus, dass es früh losgeht. Die Frage, ob er überrascht ist über seinen großen Erfolg, würde Kurz aber sicher verneinen."

Tatsächlich sei es dann doch ein bisschen anders: "Vom Standpunkt der empirischen Karriereforschung aus kann ich sagen, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt nichts verändert hat. Man kommt nach fünf, sechs Jahren Berufserfahrung in die erste Führungsposition", so Schneidhofer. "Der Zeitgeist geht zwar in Richtung Macronisierung der Welt -jeder soll jung und hübsch sein -, aber es gibt auch viel Skepsis gegenüber dieser Generation Y: Sie ist unberechenbar." Viele Personalverantwortliche wüssten gar nicht, wie sie mit diesen gut ausgebildeten, hoch motivierten Jugendlichen umgehen sollen. "Die Ressourcen sind einfach nicht groß genug, als dass man jedem so ein großes Stück vom Kuchen geben könnte. Zugleich sieht man aber in den sozialen Medien rechts und links, dass es allen Leuten angeblich besser geht als einem selbst", sagt der Experte. Mittlerweile spreche man von der "Generation unhappy", so Schneidhofer: "Glücklichsein ist immer Realität minus Erwartungen. Je höher die Erwartungen, desto größer ist die Fallhöhe."

Schlechte Jobangebote

Tatsächlich wird -abseits der mehr von Innovationsgeist geprägten Start-up-Szene -im Wirtschaftsleben der Großkonzerne und mittleren Unternehmen nach wie vor auf einen kontinuierlichen Lebenslauf gesetzt, der automatisch eine gewisse Investition an Lebensjahren bedingt. Claus Raidl, Nationalbank-Präsident und früherer Böhler-Uddeholm-Chef, ist sogar davon überzeugt, dass es für Junge früher einfacher gewesen sei, nach oben zu kommen: "Die Jobangebote heute sind nicht so toll." Hier könnte Neo-Kanzler Kurz sehr wohl als Symbol fungieren, das anderen Mut mache: "Er wird aber auch dafür sorgen müssen, dass sich die Rahmenbedingungen für Unternehmen und am Arbeitsmarkt verbessern. Dann haben es Junge vielleicht leichter -das wird aber noch Jahre dauern."

Ottakringer-Chef Siegfried Menz hingegen glaubt jedoch, dass ein "guter Junger" auch ganz schnell in eine Managementposition aufsteigen kann: "Man traut ihnen vielleicht auch mehr zu als früher." Trotzdem sei es insgesamt nicht einfacher geworden: "Im Gegenteil: Es ist schwieriger, zu beurteilen, was jemand in zehn Jahren können wird müssen", so der Manager. "Die Digitalisierung stellt auch ein großes Fragezeichen für das Management dar, weil sich vieles ändern wird - nur ist noch nicht klar, was genau das sein wird."

In der Zwischenzeit, so der Manager, wäre es für jedes Unternehmen gut, auf "eine gute Mischung von Jung und Alt sowie Frauen und Männern" zu setzen. Eine solche Vorgehensweise würde dann auch der Generation Y nutzen -ganz ohne Hilfe der Politik.