Gefüllte Kriegskassen: Russisches Kapital im Westen auf ausführlicher Einkaufstour

Oligarch Oleg Deripaska kauft sich bei Strabag ein Milliadär Abramowitsch als potenter Kaufinteressent

Große Konzerne aus dem rohstoffreichen Russland mit ihren prall gefüllten Kriegskassen und schwerreiche Oligarchen sind seit einiger Zeit auf Einkaufstour quer durch Europa. Die staatliche russische VTB Bank hat sich 2006 mit 5 Prozent beim europäischen Rüstungs- und Raumfahrtkonzern EADS eingekauft, was bei den anderen Beteiligten in Deutschland und Frankreich für reichlich Aufregung gesorgt hat. Spektakulär für Österreich: Der Bauriese Strababag bekommt mit dem russischen Oligarchen Oleg Deripaska einen neuen Großaktionär - und sagte deshalb kurzerhand seinen für Mai vorbereiteten Börsegang ab.

Erst vor kurzem ist der russische Milliardär Victor Vekselberg - der eine der größten Investmentgesellschaften Russlands besitzt - zusammen mit der Victory Gruppe des Österreichers Ronny Pecik bei Oerlikon sowie beim Schweizer Sulzer-Konzern eingestiegen.

Zu größerer Bekanntheit, auch in Österreich, gelangte zuvor der Multimilliardär Romand Abramowitsch (unter anderem Eigentümer des britischen Fußballklubs Chelsea), der sich hierzulande im Immobilensektor umtut und auch privat seit längerem ein Domizil im Land sucht. Und wann immer ein prominenter Konzern oder Konzernteile in Österreich zum Verkauf stehen, tippen Beobachter derzeit sehr bald auf Russen als potente Kaufinteressenten - das war bei Böhler so und auch bei RHI. "Hypothetisch" wird auch für die OMV immer wieder der russische Riese Gazprom als späterer Partner genannt.

Wenngleich etliche russische Investitionsvorhaben im Westen im Jahr 2006 nicht von Erfolg gekrönt wurden, die Interessenten also meist nicht wirklich mit offenen Armen empfangen wurden, sehen Experten kein Ende des Kaufrausches. Nach Schätzungen vom Dezember 2006 waren damals russische Konzerne mit etwa 100 Mrd. Euro im Ausland engagiert. Allein im ersten Quartal 2006 investierte Russland 7,9 Mrd. Euro in andere Länder, knapp 60 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. In Finanzkreisen heißt es unter Hinweis auf Eintragungen von Adressen und Briefkastenfirmen in karibischen und anderen Steueroasen freilich, dass dass so manche Investition in Wirklichkeit eine mehr oder weniger gut versteckte Kapitalabwanderung wäre. Das machte Abgrenzungen schwierig.

Viele Unternehmer suchen weiter "sichere" Häfen für ihr Vermögen im Westen. Doch auch auf Geheiß des Kreml sollen Land und Wirtschaft auf den globalen Märkten Flagge zeigen: Industriekonzerne im Westen locken ebenso wie Airlines (Aeroflot hat zusammen mit UniCredit ein begehrliches Auge auf die Alitalia geworfen), stark sind die Russen schon im Immobiliengeschäft. Im Visier haben russische Investoren vor allem auch die Energieindustrie: Ende 2006 etwa gaben der Energieriese Gazprom und der größte Ölkonzern des Landes, Lukoil, bekannt, ein gemeinsames Unternehmen für Auslandsbeteiligungen zu gründen. Im europäischen Fußball haben reiche Oligarchen aus Russland schon längst ihr persönliches Spielfeld gefunden.

Der weltgrößte Gasförderer Gazprom soll globaler Player werden. In Deutschland hält er knapp 50 Prozent am Gashändler Wingas (BASF/Wintershall) und plant sich bei deutschen Stadtwerken einzukaufen. Geplatzt ist der Plan, den größten britischen Energieversorger Centrica zu übernehmen. Auf Granit bissen Russen bisher auch bei der deutschen Telekombranche.

Der russische Stahlkonzern Severstal - seit November 2006 an der Londoner Börse notiert - war voriges Jahr mit seinen Bemühungen um eine Fusion mit dem Konkurrenten Arcelor gescheitert. Erfolgreich war er hingegen mit dem Vorhaben, die italienische Lucchini-Gruppe zu schlucken.

In der Maschinenindustrie übernahmen Russen (Transmash) die deutsche Fahrzeugtechnik Dessau. Am Reifenmarkt verleibte sich Amtel den niederländischen Mitbewerber Vredestein ein, seither agiert man als russisch-niederländischer Konzern.

Russland will nach einem Bericht der "Financial Times Deutschland" (FTD) von heute vor allem seine Milliarden aus seinen gewaltigen Öleinnahmen in internationale Konzerne investieren. Man werde Anteile in diversen Branchen zeichnen, unter anderem im Öl- und Gasgeschäft, bestätigte der russische Finanzminister Alexej Kudrin der britischen Financial Times. Auch Investitionen im Immobiliensektor seien möglich.

Das investierte Geld - voraussichtlich 24 Mrd. Dollar - solle aus dem russischen Stabilitätsfonds kommen. In diesen Topf fließen die Steuereinnahmen aus dem Ölgeschäft. Seit seiner Einrichtung 2004 ist der Fonds inzwischen auf 108 Mrd. Dollar angewachsen. Der Schritt stärke die russische Präsenz auf den internationalen Finanzmärkten erheblich. Die Pläne illustrieren die klare Kehrtwende der russischen Finanzpolitik seit der Wirtschaftskrise von 1998, als massive Kapitalabflüsse das Land in Bedrängnis brachten. Angetrieben wird der neue Kurs Moskaus durch die hohen Energiepreise. Neben seinem Ölfonds hat Russland aktuell 356 Mrd. Dollar in Gold- und Devisenreserven angesammelt.

Russland hat in den vergangenen Jahren etliche Konzerne von Weltbedeutung hervorgebracht, deren Kapazitäten allerdings noch stark im Land selbst konzentriert sind. Um international mitzuhalten, müssen sie sich globalisieren, schrieb auch die "Neue Zürcher Zeitung" im März.

Zukäufe und Investitionen westlicher Konzerne und Investoren in Russland nehmen stetig zu. Andererseits tätigen russische Firmen und Anleger immer häufiger Zukäufe im Ausland. Das Beratungsunternehmen M&A Intelligence schätzt, dass russische Unternehmen allein im letzten Jahr 288 internationale Transaktionen im Wert von insgesamt rund 35 Mrd. Dollar abgeschlossen haben. Allerdings komme die Studie auch zum Schluss, dass im gleichen Zeitraum russische Akquisitionsvorhaben im Wert von mindestens 50 Mrd. Dollar am Widerstand der Betroffenen und an oft diffusen Ängsten vor einem Einstieg der "Russen" gescheitert sind, schreibt die Schweizer Zeitung. Viele gescheiterte Vorhaben werden dabei erst gar nicht öffentlich bekannt. (apa/red)