Gefahr aus dem Netz von Eltern ignoriert: Aufklärungsunterricht fürs WWW in den USA

Neue Studie belegt fehlendes Problembewusstsein US-Bundesstaat startet einen eigenwilligen Versuch

Gefahr aus dem Netz von Eltern ignoriert: Aufklärungsunterricht fürs WWW in den USA © Bild: DPA/Stefan Hesse

Die Gefahr sexueller Übergriffe aus dem Internet wird oft falsch eingeschätzt. Viele Eltern üben kaum Kontrolle über den zügellosen Umgang ihrer Spösslinge mit dem Internet aus. Eine neue US-amerikanische Studie sieht im fehlenden Problembewusstsein die Hauptursache für die zunehmende Gefahr. Der US-Staat Virginia wandelt in diesen Dingen auf sonderbaren Pfaden. Nun wurden Schulstunden eingerichtet, um den Kindern Angst vor dem Schwarzen Mann im Internet zu lehren.

Eltern schätzen die für ihre Kinder bestehende Gefahr von sexuellen Übergriffen aus dem Internet falsch ein. Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung einer Forschergruppe der US-amerikanischen Universität New Hampshire in Durham. Demnach geben sich entgegen der weit verbreiteten Meinung nur etwa fünf Prozent der Pädophilen im Rahmen der geführten Online-Kommunikation als Teenager aus, um Kontakte zu Jugendlichen aufzubauen. Die große Mehrheit stellt sich hingegen als erwachsene Person vor und spricht zudem recht unverhohlen über sexuelle Themen.

Sorgloser Umgang
Hauptursache für die zunehmende Gefahr in Bezug auf sexuelle Übergriffe aus dem Internet ist nach Meinung der Forscher vielmehr das mangelnde Gefahrenbewusstsein der Eltern und der daraus resultierende sorglose und risikofreudige Umgang ihrer Kinder mit neuen Online-Bekanntschaften. Diese seien sich der im Internet lauernden Gefahren nicht bewusst und gingen viel zu unkritisch mit in Foren, Communitys und Chat-Rooms gemachten Bekanntschaften um. Die betroffenen Teenager, die Mehrzahl davon Mädchen, würden häufig einfach glauben, dass sich ihre neu gewonnenen Online-Freunde in sie verliebt hätten oder es sich um einen ganz normalen Flirt handle, stellen die Forscher fest.

Schulstunde Pädophilie
Im US-Bundesstaat Virginia wurden nun Schulstunden eingerichtet, um das Problembewusstsein bei den Kindern zu erhöhen. Ihnen soll damit die gebotene Vorsicht mit Internet-Bekanntschaften gelehrt werden. Den Kindern wird dabei das Internet-Profil eines Pädophilen präsentiert. Dabei warnt der Lehrer davor, dass diese Bekanntschaften ihr tatsächliches Alter oft verschleiern würden. Unberücksicht bleibt jedoch, dass die Kinder und Jugendlichen zu einem großen Teil das wahre Alter ihres Gegenüber kennen und sich in einem Flirt oder gar einer Beziehung wähnen. Das Problem mit erhobenem Zeigefinger über Nacht lösen zu wollen, ist sicherlich ein fragwürdiges Modell.

Minderjährige sich selbst überlassen
"Die Gefahr von sexuellen Übergriffen, die im Internet auf Kinder und Jugendliche lauert, ist sehr groß", erklärt Matthias Gillner vom Kinderschutzzentrum Berlin auf Anfrage von pressetext. Größtes Problem in diesem Zusammenhang sei das Fehlen der nötigen Sensibilität der Eltern gegenüber derartigen Themen. "Es findet zu wenig inhaltliche Auseinandersetzung mit dieser Problematik innerhalb der Familien statt. Auch wird oft das Fachwissen, das Erwachsene in punkto Internet aufweisen, nicht ausreichend an die Kinder weitergegeben", meint Gillner. Erschwerend hinzu komme weiters die Tatsache, dass ein Großteil der Minderjährigen in ihrem Online-Verhalten sich selbst überlassen bleiben. "Das Internet ist in der Regel ein Ort, wo Kinder und Jugendliche sich ohne die Aufsicht von Eltern bewegen", stellt Gillner fest. Auch von Seiten der Internetindustrie werde nicht genügend getan, um den Schutz jüngerer Nutzer zu gewährleisten. "Mir sind nur wenige entsprechende Seiten bekannt, wo Kinder sich vor einer Anmeldung ausweisen müssen", kritisiert Gillner.

Eltern sind gefragt
"Die Wahrnehmung in Bezug auf derartige Gefahren im Internet beginnt aber langsam auch in Deutschland stärker zu werden", schildert Gillner und verweist auf einen aktuell laufenden Werbespot im deutschen TV, der genau diese Problematik thematisiert. Nach Meinung des Kinderschutzexperten nütze es nichts, wenn allein offizielle Stellen versuchen, Kinder und Jugendliche vor sexuellen Übergriffen im Netz zu schützen. "Hier sind vor allem die Eltern gefragt. Sie müssen durch forcierte Informationsarbeit besser über die im Hintergrund liegenden Gefahren aufgeklärt werden", fordert Gillner. Die Ausrede, dass der älteren Generation noch der Bezug zum relativ neuen Medium Internet fehle, lässt Gillner aber nicht gelten. "Viele der Kinder, die mit dem Internet aufgewachsen sind, sind inzwischen bereits selbst Eltern", erläutert Gillner.

(pte/red)