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Gedanken als Medizin?
"Doppelt heilt besser"

Gesundheit - Gedanken als Medizin?
"Doppelt heilt besser" © Bild: iStockPhoto.com

Ist es mit bloßen Gedanken möglich, den eigenen Gesundheitszustand zu verbessern? Schenkt man neuesten Ergebnissen aus der Hirnforschung Glauben, dann können sie tatsächlich wie Medizin wirken. Neurobiologe Dr. Marcus Täuber erklärt im Interview, was man sich darunter vorstellen kann.

Bei Selbstheilung ist die Annahme verlockend, dass man das alleine hinbekommt. Wo muss man hier die Grenze ziehen?
Die Botschaft ist ganz klar: Doppelt heilt besser. Den Arzt zu konsultieren, eine Diagnose erstellen zu lassen und in Therapie zu gehen bleibt wichtig. Aber ergänzend dazu etwas zu tun, ist ratsam. Warum nur auf einem Bein laufen, wenn man auf zweien besser vorankommt?!

Eine ausschließliche Anwendung von Gedanken als Medizin würden Sie also nicht empfehlen?
Ich würde es tatsächlich als Ergänzung bzw. in Rücksprache zur ärztlichen Therapie empfehlen. Also nach der Diagnose und einem Therapievorschlag in Absprache mit dem Arzt oder Therapeuten selbst noch etwas tun.

Wie sieht es mit dem präventiven Einsatz aus, um Krankheiten gar nicht erst aufkommen zu lassen?
Das ist sinnvoll. Ich zeige in meinem aktuellen Buch beispielsweise, dass man mit Selbstwirksamkeitsüberzeugung eine deutlich längere Lebenserwartung erzielen kann. Der Unterschied ist nachweislich so gewaltig wie zwischen Nichtraucher und Kettenraucher.
Mit dem richtigen Mindset, mit den richtigen Gedanken und der richtigen Lebensführung kann man die Lebenserwartung enorm steigern.

»Bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen hat die Psyche besonders starken Einfluss«

Wo würden Sie die Wirkung von Gedanken als Medizin besonders stark einstufen, wo eher schwach?
Der Kopf ist sehr stark verdrahtet mit unserem Immunsystem, mit unseren Entzündungsreaktionen, mit unseren Hormonen und der glatten Muskulatur. Das ist jene Muskulatur, die die Eingeweide durchzieht, Magen, Darm, aber auch Blutgefäße umspannt.
Bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen hat die Psyche besonders starken Einfluss. Sehr umstritten hingegen sind die Daten bei Krebs, also ob jetzt Hypnose und Mentales Training in diesem Fall die Lebenserwartung steigern kann ist wissenschaftlich nicht geklärt, dazu gibt es noch zu wenige Daten. Die Lebensqualität lässt sich dadurch aber auf jeden Fall verbessern, was sich etwa mit geringeren Nebenwirkungen bei einer Chemotherapie bemerkbar machen kann.

Aber können Gedanken bei schweren Erkrankungen überhaupt heilend sein?
Der Begriff „heilen“ ist generell schwierig, weil er in der Medizin sehr unterschiedlich gebraucht wird. Bei Krebs wird von Heilung gesprochen, wenn er nach fünf Jahren nicht mehr auftaucht, bei Hepatitis-C, wenn das Virus nicht mehr nachgewiesen ist. Jeder Bereich hat eine andere Definition von Heilung.

Sie stellen in Ihrem Buch mehrere Methoden für Gedankenmedizin vor: Wenden Sie selbst aktiv welche an?
Absolut, ich meditiere jeden Tag. In der Regel praktiziere ich die Achtsamkeits-Meditation und ich setze Visualisierungen stark ein, auch im Businessbereich.

Welche Tipps oder Übungen würden Sie Interessierten empfehlen, um ins Thema einmal reinzuschnuppern?
Die einfachste Entspannungsübung der Welt ist langes Ausatmen, das aktiviert den Entspannungsnerv Parasympathikus. Aber auch Summen, Schnurren oder Singen aktiviert den nervus vagus und führt zur Erholung von Körper und Geist. Die Beobachtung von Schmerzen oder Problemen im Allgemeinen ohne diese zu bewerten kann dabei helfen, Spannungen aus dem Körper zu nehmen, um sich dann im nächsten Schritt eine Lösung vorzustellen.

Ein Satz, den ich immer gut angewandt habe, war „Du hast das Recht zu sein, wer du bist, wo du bist und wie du bist“. Wenn man sich mit diesem Satz einmal beschäftigt und sich den immer wieder vorsagt oder vorschreibt, dann merkt man, dass man das in manchen Dingen einfach nicht tut. Sobald man diesen Satz verinnerlicht hat, vermag er von innen zu stärken.

Welchen Stellenwert haben Gedanken bzw. die Psyche an der gesamtheitlichen Gesundheit?
Einen sehr hohen Stellenwert bei allem, was entzündlich ist und wo das Immunsystem und Hormone mitspielen. In meinem Buch zitiere ich eine Studie, wo bei Diabetikern versuchsweise die Uhrzeit so manipuliert worden ist, dass sie doppelt so schnell wie normal verstrichen ist: Interessanterweise sank dann auch der Blutzuckerspiegel dementsprechend rasch, obwohl man meinen könnte, dass das keinen Einfluss haben sollte. Eine subjektive Zeitwahrnehmung kann also sogar den Blutzuckerspiegel beeinflussen.

Kann man sich gesund denken, wenn man bereits krank ist?
Was Denken auf jeden Fall bewirken kann: Man fühlt sich entspannter, selbstwirksamer und hat einen positiveren Zugang, womit der Stresspegel deutlich sinkt. Und Stress ist schon etwas, das sehr vielfältig im Körper wirkt.

Unter Stress kommt das Immunsystem aus der Balance, das Cortisol ist dauerhaft erhöht, das nennt man auch TH1-TH2-Imbalance. Das heißt, die zelluläre Immunantwort wird runtergeschraubt, sie wird schlechter, die Antikörperproduktion wird stärker. Das bedeutet wiederum eine erhöhte Anfälligkeit von Infektionskrankheiten, Autoimmunerkrankungen, Allergien, Asthma und möglicherweise auch von Krebs. Tiefe Entspannung kann dieses Ungleichgewicht aber wieder austarieren. Dann kann sich beispielsweise auch eine Entzündung zurückbilden.

Andersrum gedacht: Kann man sich auch tatsächlich krank denken?
Das soll tatsächlich vorkommen und könnte womöglich auch erklären, wie Flüche und Voodoo-Zauber funktionieren. Dazu gibt es ein interessantes Fallbeispiel aus den USA, wo jemand versucht hat, sich mit Psychopharmaka das Leben zu nehmen. Die Person kam ins Krankenhaus auf die Intensivstation und befand sich in einem sehr schlechten Zustand, bis sich herausstellte, dass er sich in einer Versuchsgruppe in einem Experiment befunden hatte, die lediglich Placebos statt Psychopharmaka bekomme. Nachdem die Person aufgeklärt worden war, erholte sie sich binnen weniger Stunden.

Generell muss man aber mit Schlussfolgerungen vorsichtig sein, weil es keine wissenschaftlichen Studien dazu gibt. Die Frage ist eben auch, wenn man denkt, dass Rauchen ungesund ist, wieviel eine Zigarette beim tatsächlichen Rauchen schädigt und wieviel der Glaube daran, dass das Rauchen ungesund ist.

»Jeder soll etwas für sich finden, worin er einen Sinn sieht, was für ihn eine höhere Bedeutung hat«

In Ihrem Buch werden Zusammenhänge zwischen Religiosität und Gesundheit erwähnt. Leben Ungläubige kürzer?
Ja, so sieht es tatsächlich aus. Das beruht auf Daten von Personen in den USA, die regelmäßig in die Kirche gehen und eine höhere Lebenserwartung haben. Das soll aber nicht die Schlussfolgerung nahelegen, dass man sich wieder in der Kirche einschreiben und regelmäßig zum Gottesdienst gehen muss. Besonders dann nicht, wenn man ohnehin nicht daran glaubt.

Jeder soll etwas für sich finden, worin er einen Sinn sieht, was für ihn eine höhere Bedeutung hat. Vor allem der Gemeinschaftssinn ist nicht zu vernachlässigen: In die Kirche zu gehen ist schließlich auch ein Ereignis Gleichgesinnter.

Muss es der Glaube an etwas Spirituelles sein oder reicht der Glaube an etwas an sich schon aus?
Eine Langzeitstudie über Nonnen, die auch ihre Lebenserwartung beleuchtet hat, zeigt, dass nicht das positive Denken oder der Glaube alleine das Leben verlängern kann, sondern die Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Damit ist das freie Gestalten seines Lebens, der Gemeinschaftssinn und das Gefühl des Eingebettetseins in etwas Größeres gemeint.

Sie beschreiben Homöopathie als teure Placebos. Liegt das nicht in der Natur der Sache? Also die Schlussfolgerung, dass etwas „Teures“ auch mit hoher Wahrscheinlichkeit helfen könnte?
Ich sehe das prinzipiell sehr pragmatisch. Wissenschaftlich gesehen ist in homöopathischen Mitteln eigentlich nichts drinnen und dass es als Arzneimittel verkauft wird, finde ich schon sonderbar. Dennoch tut es etwas Gutes: Es ist eine Visualisierungshilfe, mit der man sich Heilung besser vorstellen kann. Im Prinzip kann man dafür aber auch Leitungswasser schlürfen.

»Wir sollten Verantwortung über unser Gehirn übernehmen und beginnen es aktiv zu trainieren«

Müssen wir uns grundsätzlich selbst „bescheißen“, wenn wir länger leben wollen?
Sigmund Freud hat ja schon gesagt, dass der Mensch nicht dafür gemacht ist, glücklich zu sein. Wir verfügen immer noch über ein Steinzeitgehirn, dem es in erster Linie darum geht zu überleben und sich fortzupflanzen. Der Fokus auf mögliche Gefahren ist deshalb sehr stark ausgeprägt.

Wir haben mit unserem Bewusstsein die Fähigkeit, Dinge aus der Vergangenheit hervorzukramen und daraus zu lernen, aber auch die Zukunft im Kopf durchzuspielen. Daraus entsteht gleichzeitig, dass wir uns über Dinge ärgern, die bereits Wochen zurückliegen und uns über Dinge sorgen, die vielleicht nie eintreten werden.

Wir sollten daher Verantwortung über unser Gehirn übernehmen und beginnen es aktiv zu trainieren und zu steuern. Damit wir mehr Lebensqualität haben und letztendlich auch zufriedener durchs Leben gehen.

Weiterführende Literatur zum Thema:

© Goldegg Verlag

Hier geht es zum Buch "Gedanke als Medizin"*

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© Foto Weinwurm GmbHWien

Zur Person: Dr. Marcus Täuber ist promovierter Neurobiologe, Buchautor und Lehrbeauftragter an der Universität Wien sowie der Donau Universität Krems. Der Leiter des Instituts für mentale Erfolgsstrategien zeigt, wie wir von Spitzenzuständen des Gehirns für Gesundheit, Leben und Wirtschaft profitieren. In „Gedanken als Medizin“ stellt er die GAM-Meditation zur mentalen Aktivierung der Selbstheilung vor und zeigt, wie jeder durch Entspannung, Imagination und Spiritualität einen Zugang zu mehr Gesundheit finden kann.