Gastkommentar von

"Sofort alle AKWs zusperren!"

Burgtheaterdirektor Matthias Hartmanns radikale Thesen zum Thema Umweltschutz

Gastkommentar - "Sofort alle AKWs zusperren!" © Bild: apa/Neubauer

Grün zu sein ist nicht schwer. Jeder ist für den Umweltschutz. Das ist das Einfachste auf der Welt. Und doch offenbart sich am Umweltthema, das mir als das wichtigste unserer Zeit erscheint, die Schizophrenie unserer Existenz: Wir alle wissen, dass wir extrem umweltschädlich leben – allein durch die Tatsache unseres Daseins, um es überspitzt auszudrücken.

Ein Bauer in Bangladesch ist da vielleicht außer Obligo. Seine Ökobilanz ist tadellos, aber wir würden unser Leben mit dem seinen nicht tauschen wollen. Wir Menschen der Demokratie und der Aufklärung leben in einer 180-Quadratmeter-Wohnung mit hohen Decken und Kaminbefeuerung. Wir begeben uns mit dem gläsernen Lift zu unserem Hybrid-Auto und meinen, mit diesem Alibi-Vehikel unserer Pflicht an der Umwelt Genüge getan zu haben.

An einem Punkt, an den wir nie gelangen wollten
Aber wir haben mit jedem dieser Vorgänge der Umwelt schon erhebliches Leid zugefügt und uns selbst an einen Punkt gebracht, an den wir nie gelangen wollten. Nämlich zur dringlichen Anfrage unserer Kinder an uns: "Das habt ihr doch gewusst! Weshalb habt ihr nichts dagegen unternommen?" Die Frage ist unausweichlich, weil die Tragweite unseres Handelns noch nie so offenkundig wurde. Und weil noch nie so offenbar war, dass die menschliche Natur außerstande ist, mit dieser Verantwortung umzugehen. Also akzeptieren wir sehenden Auges, dass in wenigen Jahren als Folge der globalen Erwärmung Holland im Meer versunken sein wird.

Bin bekennender Automobilist
Nun bin ich bekennender Automobilist, stecke also selbst mitten in dieser Schizophrenie. Ich erinnere mich noch, wie die deutschen Grünen die Anhebung des Spritpreises auf fünf Euro forderten, um die Menschen zum Umstieg auf den öffentlichen Verkehr zu zwingen. Jetzt ist der Benzinpreis hoch, und der Parteichef Özdemir verlangt die Senkung, offiziell, um die Kartelle zu brechen, in Wahrheit, weil diese Position dem Wählerfang besser dient. Dieser wichtigtuend-moralisierende, bekennerische Ton ersetzt keine politische Haltung.

Gegen Kartelle ist jeder
Gegen Kartelle ist jeder, das ist kein Verdienst. Andererseits muss man für den Zustand der Politik die Medien verantwortlich machen: Die Zeiten, da ein Politiker seinen Visionen oder auch nur seinem Pragmatismus folgen konnte, sind vorbei. Die Medien erzeugen einerseits totale Transparenz, andererseits den unablässigen Druck, sich populistisch der öffentlichen Meinung zu stellen. Weshalb soll das für die Grünen weniger gelten als für andere Parteien? Das für mich Entscheidende ist die Frage nach der Atomkraft. Ich thematisiere gerade die "Ilias" für das Burgtheater und bin beeindruckt, einen Stoff zu bearbeiten, der 2.800 Jahre alt und doch so heutig ist. Aber nach Gorleben, gleich ums Eck von meiner Heimatstadt, will man einen Müllcontainer stellen, von dem man weiß, dass seine Strahlkraft mindestens 150.000 Jahre vorhält.

Vernünfig und verantwortungslos?
Kann eine vernünftige Gesellschaft so verantwortungslos sein? Unsere gesamte Kultur benötigte nur einen Bruchteil des Zeitbudgets, das man der Aufbewahrung radioaktiven Mülls zugesteht. Das ist ein radikales, verantwortungsloses Massaker an der Zukunft. Wir brauchen gar nicht bis Fukushima und Tschernobyl zu denken: Ich bin für die sofortige Stilllegung aller Atomreaktoren. Und wenn es dann zu Energieengpässen kommt? Dann wird Energie eben nicht mehr so billig sein, und Probleme mit den Emissionen hätten wir auch. Die müssten wir lösen. Aber die Menschheit war schon immer ungeheuer erfinderisch, wenn sie gezwungen wurde, Probleme zu lösen.

Die Frage der Gentechnik
In nichts bin ich so unschlüssig wie in der Frage der Gentechnik. Die freie Selbstbestimmung des Menschen ist der zentrale Wert unserer Kultur. Wenn Menschen gleichgeschaltet in Richtung Perfektion marschieren, passiert etwas Unmenschliches. Andererseits ist es widersinnig, den Fortschritt beschneiden zu wollen. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich in dieser Frage meine Meinung geändert habe. Unausweichlich folgt an diesem Punkt der Debatte die Frage, was die Kunst – in meinem Fall das Theater – denn zur entsprechenden Bewusstseinsbildung beitragen könne.

Was die Kultur beitragen kann
Nun, ich inszeniere im kommenden Herbst am Burgtheater "Onkel Wanja" von Tschechow in der höchstmöglichen Besetzung mit Gert Voss als Professor, Nicholas Ofczarek als Wanja und Michael Maertens als Astrow, der in seinen großen, zentralen Monologen zur Rettung des russischen Waldes aufruft. Das ist zu wenig? Das Theater ist kein Ort, um über Gut und Schlecht zu berichten. Es kann nur ein Ort der Diskussion sein, und da ist mir Tschechow näher als irgendein fehlgeleitetes Theater, das uns belehrt, wer die Richtigen und wer die Falschen sind. Da unterstütze ich lieber Greenpeace und fordere hiemit zur Nachahmung auf.