Gastkommentar von

Menschenleben oder Mandate?

Der Bürgermeister erklärt, warum in Klosterneuburg Flünchtlinge unterkommen

Der Bürgermeister von Klosterneuburg © Bild: ÖVP Klosterneuburg/NEWS

In meiner Heimatstadt wird eine alte Kaserne für die kommenden sechs Monate als Betreuungsstelle für Flüchtlinge genutzt, und ich sprach mich deutlich dafür aus. Die ersten Reaktionen waren eine Art Schockstarre: „Wie kann man nur!“, „Selbstmord vor Wahlen!“ und „Das wird uns Mandate kosten!“ bekam ich zu hören. Könnte sein. Doch wo kämen wir denn hin, wenn es in unserem Land nicht gelingt, unschuldigen Flüchtenden zu helfen?

Was ist in der Politik wichtiger: Menschenleben oder Mandate? Es ist weit gekommen, wenn selbst der Papst zur Wiederentdeckung unserer Seele aufruft. Die Themen Asyl und Zuzug von Fremden sind mit Ängsten verbunden. Diese sind ernst zu nehmen. Es ist Schönfärberei, zu meinen, Zuwanderung sei kein Problem. Die Träumerei linker Kreise ist in der Praxis wenig hilfreich. Viele Menschen empfinden Migranten als Konkurrenz, wenn es um Wohnungen, den Arbeitsplatz oder Staatshilfen geht. Diejenigen dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, sich selbst oder rechten Kräften überlassen.

Allerdings hilft niemand den Armen, indem er den Ärmsten nicht hilft. Trotzdem formieren sich in Europa rechtsnationale Bewegungen, die weit in die bürgerliche Mitte reichen. In dieser Stimmung entstehen Defizite in der politischen Kommunikation. Aus Sorge vor Stimmenverlust wird Menschlichkeit eine lästige Übung. Das richtet einen riesigen Schaden in unserer Gesellschaft an. Ohne einen vernünftigen Dialog der etablierten Parteien wird das Flüchtlingsthema den Radikalen überlassen. Das Ergebnis wäre ebenso klar wie untragbar. In meiner Stadt entwickelte sich durch den Dialog über dieses Tabuthema eine gewaltige Welle der Hilfsbereitschaft. Unsere Stadt hat eine Seele, unser Land bestimmt auch.

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