Gastkommentar von

Gewalt an Schulen:
Gedanken eines Lehrers

Gastkommentar - Gewalt an Schulen:
Gedanken eines Lehrers © Bild: Franz Rauch

In letzter Zeit mehren sich Berichte über Gewaltvorfälle an Schulen -auch solche gegen Lehrkräfte. Diese Berichterstattung halte ich, so paradox es aus meinem Mund klingen mag, für erfreulich.

Die Probleme selbst gibt es seit Jahren, leider in steigendem Ausmaß, bloß wurden sie bisher weitgehend unter den Teppich gekehrt. Für Politik und Schulbehörden war es so wohl bequemer. Schulleitungen versuchen zu verhindern, dass Vorfälle dieser Art publik werden -aus Angst um den Ruf ihrer Schule, auf den sie im Wettbewerb mit anderen achten. Es wurde lang genug weggesehen, verdrängt und vertuscht.

Die Quellen der anschwellenden Gewalt sind vielfältig. Ich möchte nicht der Versuchung eindimensionaler Schuldzuweisungen erliegen. Fakt ist aber, dass die Zahl der SchülerInnen wächst, die sich damit schwertun oder gar nicht willens sind, sich in eine Gemeinschaft einzuordnen, sich an Normen des sozialen Miteinanders zu halten und Grenzen als Grenzen zu verstehen und diese zu akzeptieren.

Dass in diesem Umfeld die Rolle des Lehrers bzw. der Lehrerin extrem schwierig und belastend wird, ist längst nicht nur subjektive Meinung der Betroffenen, sondern wird auch von wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigt. Immer mehr Eltern fordern ein energisches Eingreifen, um die Sicherheit ihrer Kinder zu gewährleisten. Immer weniger junge Menschen können sich vorstellen, sich auf unseren Beruf einzulassen. Immer weniger wollen in die Manege und sich dafür auch noch von den Rängen zurufen lassen, sie seien Minderleister.

Es gibt keine Patentrezepte, die das Problem von heute auf morgen in den Griff bekommen lassen, aber Maßnahmen, die wertvolle Beiträge leisten können:

1. Ein angemessener Umgang miteinander muss oberste Priorität bekommen. Adäquates Verhalten ist unverzichtbare Basis für erfolgreiche Bildungsarbeit. Gewalt darf (auch) in Bildungsinstitutionen keinen Platz haben und auch nicht großzügig übersehen werden.

2.Wer Opfer von Gewalt wird, muss um Hilfe rufen dürfen, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Auf Hilferufe muss adäquat reagiert werden - von jedem und jeder, insbesondere aber von Vorgesetzten.

3. Schule braucht die Unterstützung der Eltern -und sei es "nur" dadurch, dass Eltern ihren Kindern Respekt vor der Autorität der LehrerInnen vermitteln.

4. Der Gesetzgeber hat Lehrkräften Möglichkeiten einzuräumen, auf Fehlverhalten angemessen und wirkungsvoll zu reagieren. LehrerInnen verdienen und benötigen das Vertrauen, sie im Sinne der SchülerInnen einzusetzen. Kein Mensch unterstellt dem Chirurgen, dass er seine Möglichkeiten missbraucht, und will ihn deshalb an seinem Wirken hindern.

5. LehrerInnen brauchen Unterstützung, um mit Situationen fertigwerden zu können, die im Klassenverband nicht mehr zu bewältigen sind. Dass es in Österreichs Schulen im internationalen Vergleich am wenigsten Supportpersonal gibt, bekam die Politik schon vor einem Jahrzehnt schwarz auf weiß dokumentiert. Doch was ist seither passiert? Nichts!

6. Schulen können nicht alle Probleme lösen, die in sie hineingetragen werden. Statt Schulen heillos mit ihnen zu überfordern und Unterricht zu verunmöglichen, müssen Schulen außerschulische Institutionen zu Hilfe rufen können, die sich dieser Probleme annehmen und sie der Schule abnehmen. Diese Institutionen müssen ebenso unverzüglich zur Stelle sein wie ein Notarzt, wenn nach ihm gerufen wird.

Es ist höchste Zeit, diese Schritte zu setzen, statt sich in Beschwichtigungen zu ergehen. Hätte man auf die mahnenden Worte der Lehrervertretung früher gehört, wären sie schon längst gesetzt worden.

Ich freue mich, wenn das Vertuschen ein Ende findet, und danke Medien, die durch ihre Berichterstattung dazu beitragen, dass die Politik hoffentlich zum Handeln gezwungen wird.