Gastkommentar von

Niemand erwartet ein Paradies

Psychiater Patrick Frottier über medizinische Missstände in unseren Gefängnissen

Patrick Frottier © Bild: NEWS

Wir haben vor einiger Zeit von höchster Justizstelle erfahren, Gefängnisse seien kein Paradies. Niemand hat es an diesem Ort gesucht. Aber die Abbildungen eines verwahrlosten Fußes haben jetzt den Beweis geliefert: Das Paradies ist zweifellos woanders. Ein alter, als geistig abnorm diagnostizierter Mann verwahrlost in einem Hochsicherheitsgefängnis und löst eine öffentliche Irritation aus. Was bedeutet das aus ärztlicher Sicht? Die Grenze zwischen Behandlung von Kranken, Therapie von Menschen mit abweichendem Verhalten oder ausschließliche Sanktion als Erziehungsmaßnahme für Kriminelle verschwimmt in der öffentlichen Diskussion.

Als forensischer Arzt sollten diese Grenzziehungen gesetzt werden können. Kranke Menschen bedürfen einer ärztlichen Behandlung. Menschen, die eingeschränkte soziale Fähigkeiten haben und nicht für sich sorgen können, benötigen zusätzlich pflegerische Hilfe. Menschen mit abweichendem Verhalten gehören der Psychologie. Nur, wenn diese Abweichungungen krankhaften Störungen entsprechen, werden sie Aufgabe der Psychiatrie.

Moderne Diagnosesysteme ziehen diesbezüglich keine scharfe Grenze, testpsychologische Abweichung und krankhafte Störung gehen fließend ineinander über. Viele Diagnosen entsprechen jedoch nicht einer Erkrankung, sondern nur einer Entfernung von der Norm. Die Sanktion des Straftäters wiederum (ob krank, gestört oder gesund) als pädagogische Maßnahme ist Sache der Gesellschaft. Wobei zu überdenken ist, ob bloß Rache geübt oder Rückfallgefahr reduziert werden soll. In letzterem Fall muss man mehr anbieten als Freiheitsentzug. Für den Arzt aber muss unbestritten sein: Der Verlust der Freiheit nach einer Straftat darf niemals Verlust ausreichender medizinischer und pflegerischer Behandlung bedeuten.

»Freiheitsverlust darf nicht auch den Verlust ärzlicher Versorgung bedeuten.«

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