Ganz Frankenburg kämpft jetzt für Arigona:
Ein Lokalaugenschein vom Abschiebedrama

Via Chat hielt die 15-Jährige Kontakt zur Außenwelt NEWS: Wie Freunde von "Gona" auf die Straße gehen

Ganz Frankenburg kämpft jetzt für Arigona:
Ein Lokalaugenschein vom Abschiebedrama

Innerhalb von 30 Minuten wurde das zweistöckige Gebäude im oberösterreichischen Frankenburg, das der Familie Zogaj in den letzten Jahren zur Heimat wurde, zum Geisterhaus. Gerade 30 Minuten - so viel Zeit gewährten Polizei und Behörde den gebürtigen Kosovo-Albanern um sieben Uhr abends, um ein paar Habseligkeiten zu packen. Nur das Notwendigste, wie die Beamten betonten.

Familienvater Xhevat landete mit seinen Kindern Alban, Alfred, Albin und Albana in Pristina. In dem Land, wo Serben vor sechs Jahren das Haus der Zogajs in die Luft sprengten. Arigona, die 15-jährige Tochter, erfuhr von der Abschiebung und konnte untertauchen. Aus diesem Grund - und weil das Mädchen einen Brief schrieb, in dem sie drohte, "sich nicht lebend der Polizei zu stellen" - entschlossen sich die Behörden, ihre Mutter Nurije im Land zu lassen. Vorerst …

Im Geisterhaus
Fünf Tage später. Die vollgepackten Schultaschen der achtjährigen Albana und ihres um ein Jahr älteren Bruders Albin stehen an den Ofen gelehnt. In der Schüssel am Küchentisch liegen Äpfel und Bananen, die langsam braun werden. Jede Sekunde erwartet man Kinderlachen, dampfendes Essen auf dem Ofen und tiefe Beats aus der Hi-Fi-Anlage des 16-jährigen Alfred im Erdgeschoß.

Stattdessen ist es totenstill in den Kinderzimmern. In der Küche des zweistöckigen Hauses treffen sich jetzt Freunde der Familie Zogaj und beraten die weiteren Schritte.

Am Tag fünf nach der Abschiebung liegt Mutter Nurije nach einem Nervenzusammenbruch nach wie vor im Krankenhaus. Vergangene Nacht, erzählt eine Freundin, ist sie trotz starker Beruhigungs-mittel aus dem Bett gesprungen, hat sich unter den Tisch gesetzt, ihre Arme ausgebreitet, als ob sie ihre Kinder hinter sich schützen wollte, und geschrien: "Polizei, Polizei! Nehmt mir meine Kinder nicht weg!"

In Arigonas Zimmer hängen Poster von Christina Aguilera und LaFee, am Bett ihr Lieblingsstofftier: ein orange-schwarz gestreifter Tiger mit Glupschaugen. Am Nachtkästchen liegt ein Schokoriegel, auf dem Klei-derkasten klebt ein Foto von Sabine.

Tränen in der Schule
Einige der Schüler in der Klasse des Polytechnikums in Vöcklamarkt schauen auf den Boden, bei anderen sieht man die Wut in ihren Augen stehen. Alle kennen Arigona, viele waren mit ihrer Familie befreundet. Und die meisten von ihnen haben in den letzten Tagen erfahren müssen, dass mancher Abschied vielleicht kein Wiedersehen mehr bringt.

Sabine steht in der Mitte und wird von Weinkrämpfen geschüttelt. Sie kennt Arigona, die sie wie alle anderen nur "Gona" nennt, seit der Hauptschule und ist eine ihrer besten Freundinnen. Reden kann sie nicht, jedes Wort wird in einem Schluchzen erstickt. "Das hat sich so angefühlt", bringt sie dann doch heraus, als sie über das Verschwinden ihrer Freundin und den Abtransport ihrer Familie in das Kosovo spricht, "als ob sie stirbt".

Revolution der Kinder
Jeder in Frankenburg kennt die Tragödie um Familie Zogaj. Vor allem die Kinder. Spontan kommen ein paar, um sich fotografieren zu lassen. Die Fäuste Richtung Kamera gestreckt, auf den Fingern ist mit Filz-stift "Gona" geschrieben. Ausländerquoten, Amtsbescheide, Politikerstatements sind ihnen egal: Die Familie ihrer Freundin ist Hunderte Kilometer weit weg transportiert worden.

Über ein Chatforum war Arigona bis vor wenigen Tagen mit ihren Freunden in Kontakt. Schrieb, wie sehr sie ihr ans Herz gewachsen sind, dass es ihr schlecht geht. Zuletzt war dieser Kontakt auch nicht mehr möglich: Zu groß war die Angst, dass Behörden und Polizei auf die Spur der 15-Jährigen kommen.

Den kompletten Beitrag können Sie im NEWS 40/07 nachlesen!