Halbfinale von

Fußball-WM 2014: Sieben Gründe für
Brasiliens Debakel gegen Deutschland

Die historische Niederlage ist nicht leicht zu erklären. Die NEWS.AT-Analyse.

Luiz Gustavo trauert nach dem Spiel Deutschland Brasilien © Bild: Laurence Griffiths/Getty Images

"Das ist die schlimmste Niederlage aller Zeiten." Brasiliens Teamchef Luiz Felipe Scolari fand klare Worte für das, was sich am Dienstag, dem 8. Juli, in Belo Horizonte zugetragen hatte. 1:7! Noch nie gab es in der WM-Geschichte ein Halbfinale mit einem derart klaren Ergebnis. Der Gastgeber wurde von Deutschland nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen. Warum, ist nicht leicht zu erklären. NEWS.AT listet 7 Gründe für das Debakel:

1. Die Abwesenden

Das erste Argument wurde gleich im Vorfeld im Sinne einer üblen Vorahnung ständig bemüht. Brasilien musste ohne Stürmer Neymar und Kapitän Thiago Silva antreten. Bei ersterem bewahrheitete sich im Halbfinale einmal mehr, dass er der einzige Superstar im Team ist und niemand dessen individuelle Klasse nur annähernd erreicht. Und das Fehlen des Abwehrchefs wurde schon von Jose Mourinho richtigerweise als weitaus schlimmer für den fünffachen Weltmeister erachtet. Ohne den PSG-Legionär ging der Abwehr der Zusammenhalt und der vor allem bei Standards benötigte Fels in der Brandung sichtbar ab.

Neymars WM-Aus
© imago/ZUMA Press

2. Die Anwesenden

Wer im ZDF die Vorberichterstattung verfolgt hat, konnte sich über den Besuch von Rivaldo freuen und wurde zugleich an eine Zeit erinnert, als Brasilien nicht einen, sondern vier, fünf absolute Weltstars in den Reihen hatte. Man muss nichts beschönigen, aber die aktuelle Auswahl kommt von der Offensiv-Qualität nicht an ihre Vorgänger heran. Hulk - das ganze Turnier über ein (breiter) Schatten seiner Selbst. Oscar - einer der überschätztesten Spieler im aktuellen Fußball. Fernandinho, Paulinho, Ramires, Willian - weitere Premier-League-Spieler, die sich dem Niveau des englischen Nationalteams angepasst haben. Marcelo, Dani Alves - seit Jahren (zurecht) in der FIFA-Weltauswahl und in Brasilien schlechtere Außenverteidiger als Benedikt Höwedes. Fred - ohne Worte.

Brasiliens Mannschaft posiert mit Neymars Trikot.
© APA/EPA/Robert Ghement

3. Fehlende taktische Variabilität

"Das Ergebnis fällt auf mich zurück, ich bin der Verantwortliche", erklärte Luiz Felipe Scolari und hat damit Recht. Der Teamchef der Selecao hielt seiner erfolgreichen Mannschaft vom Confederations Cup die Treue, selbst wenn dies aufgrund der ausbleibenden Leistungen (Paulinho, Hulk, Fred) eigentlich nicht mehr tragbar schien. Während selbst Jogi Löw nach wiederholter Aufforderung sämtlicher Experten auf einen richtigen Stürmer (Miroslav Klose) und einen echten Rechtsverteidiger (Philipp Lahm) umstellte, zeigte "Felipao" keinerlei Variabilität. Ein Beispiel: Wieso opferte er nicht seinen grottenschlechten Mittelstürmer zugunsten eines weiteren spielstarken Mittelfeldspielers, um so das Zentrum gegen die deutsche Pass-Maschinerie zu verstärken? Diese Forderung brasilianischer Experten blieb - im Unterschied zum deutschen Pendant - ungehört.

Jogi Löw umarmt Scolari
© imago/MIS

4. Keine Führungsspieler

Neymar ist 22 Jahre alt und trug schon die Last einer gesamten Nation. Zerbrochen ist er daran nicht, wohl aber an einem Foulspiel. Thiago Silva war als Kapitän der defensive Halt seines Teams doch fehlte dieser gegen Deutschland gesperrt. Somit agierte der Rekord-Weltmeister 90 Minuten lang ohne einen Leader. Jemanden, der sich nach dem 0:2 seine Mitspieler zur Brust nimmt und wachrüttelt. Jemanden, der im einen Moment aufbaut und im anderen kritisiert - immer zur richtigen Zeit. In den großen brasilianischen Auswahlen waren es eben auch diese Spieler, die abseits der Ballzauberer dafür gesorgt haben, dass das Werkl rennt und, wenn es nicht rennen sollte, zumindest der Stolz der größten Fußballnation gewahrt bleibt. Den elf Brasilianern, die gemeinsam auf dem Platz standen, Charakterschwäche zu attestieren, wäre übertrieben - niemand will sich abschlachten lassen. Mit praktizierter Leidenschaft (und damit sind nicht Tränen gemeint) und Courage hätte das Ergebnis aber ganz anders ausgesehen.

Thiago Silva klatscht mit Kappe
© GABRIEL BOUYS/AFP/Getty Images

5. Dort klappt alles, hier klappt nichts

Ein jeder Sporttreibende kennt die Situation. Sei es am Tennisplatz, am Basketball-Court oder eben auf dem grünen Rasen. Jede eigene Aktion wirkt schwerfällig und fern der eigenen Möglichkeiten, jede Aktion des Gegners scheint schlicht perfekt zu sein. Bei Deutschland war genau das der Fall. Eine ohnehin schon starke Mannschaft wurde mit jedem gewonnenen Zweikampf, jedem angekommenen Pass und jeder gelungenen Aktion noch stärker. Moderatoren bemühen sich oft der Phrase "Das Team spielte sich in einen Rausch". Und während die DFB-Elf also berauschend agierte, wirkte Brasilien verkatert. Hier kommt Fernandinho einen Tick zu spät, dort bekommt Klose den Abpraller genau auf den Fuß. Hier rutscht Marcelo kurz weg, dort treffen Kroos und Schürrle ihre Bälle punktgenau.

Marcelo liegt am Boden
© Francois Xavier Marit - Pool/Getty Images

6. Der Gegner

Die Brasilianer haben nicht nur verloren, weil sie so schwach waren, sondern auch, weil die Deutschen so stark aufspielten. Ein Team mit derart viel Ballsicherheit, Zweikampfstärke und Zielstrebigkeit nutzt es eben beinhart aus, wenn der Gegner derart viele Räume lässt. Defensiv pariert der beste Torhüter hinter einer Abwehr, in der mit dem spielstarken Mats Hummels und Philipp Lahm zwei der besten Verteidiger ihren Mann stehen. Das Mittelfeld verfügt über eine Breite, die selbst Spanien alt aussehen lässt und im Sturm gibt es das, was im Allgemeinen als Knipser bekannt ist: Der neue Rekord-WM-Torschütze Miroslav Klose und sein designierter Nachfolger Thomas Müller. Ohne Zweifel: Diese deutsche Elf ist stark und hätte aufgrund der Qualität den Titel verdient.

Müller, Özil, Lahm
© Robert Cianflone/Getty Images

7. So ist Fußball

Ganz ehrlich, das ist der Grund, warum wir Fußball so lieben. Man kann im Vorfeld zahlreiche Parameter miteinander vergleichen: Heimvorteil gegen Spielerform, Wille gegen Eingespieltheit, Jetzt-erst-Recht-Mentalität gegen Selbstbewusstsein. Im Endeffekt zählt, was auf dem Rasen passiert und das ist - dubiose Wettmanipulationen abgesehen - unberechenbar. So wie sich gestern zahlreiche Fans die Augen rieben - ob nun aus Freude oder Trauer - zeigt, dass ein Sport, der seit über 150 Jahren praktiziert wird, immer noch zu überraschen weiß. Danke dafür!

Kommentare

Oliver-Berg

Die Brasilianer haben in jedem Fall 2 Fehler. 1. Sie fokussieren immer extrem stark auf Ihren Superstar, 2. Die Abwehr ist viel zu offensiv aufgestellt und verteidigt nur halbherzig. Wenn der Superstar ausfällt und der Abwehrschef ebenfalls ist dass eine nur mehr durchschnittlich starke Mannschaft. Das ist schon seit der WM 1998 so.

Deutschland 2:2 gegen Ghana. Gegen Albanien fast draußen. Was ist an dieser deutschen Mannschaft so besonders. Ich kann nur unfähigkeit anderer finden. Sorry.

Wozu 7 Gründe - es gibt lediglich nur einen einzigen - und zwar sind die deutschen Kicker einfach BESSER!!!!

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