Fußball-Nationalteam von

Prödl fordert "ehrliche Selbstkritik"

Der ÖFB-Verteidiger über die verpatzte EM-Quali und die Zukunft mit neuem Teamchef

Fußball-Nationalteam - Prödl fordert "ehrliche Selbstkritik" © Bild: GEPA/Ort

Sebastian Prödl kennt schwierige Situationen aus dem Nationalteam und aus Bremen. In NEWS erklärt der Defensiv-Spezialist, warum die EM-Quali nicht geklappt hat, was jetzt nötig ist und was die Zukunft mit einem neuen Teamchef bringen soll.

NEWS: Was ist in der EM-Quali schiefgelaufen?
Sebastian Prödl: Wir haben leider nur phasenweise das gespielt, was wir uns eigentlich vorgenommen hatten. Im Heimspiel gegen Belgien sind wir zum Beispiel viel zu zaghaft aufgetreten. Gegen Deutschland in Wien bin ich
auf der Tribüne gesessen, und mir ist vorgekommen, dass die Deutschen immer daran geglaubt haben, dieses Spiel noch zu gewinnen, während ich bei unserer Mannschaft das Gefühl hatte, sie wollen nur nicht verlieren. Dabei hätten wir alles auf eine Karte setzen müssen.

NEWS: Ist das also auch eine mentale Geschichte?
Prödl: Fakt ist, dass viele Spieler ihre Leistungen, die sie Woche für Woche bei ihren Klubs in der deutschen, englischen oder holländischen Liga erbringen, im Team nicht zur Gänze abrufen können. Da muss sich jeder von uns an der eigenen Nase nehmen. Wir sollten daher aufhören mit wechselseitigen Schuldzuweisungen, egal ob gegenüber dem Teamchef oder gegenüber den Mitspielern. Jeder Einzelne, der in irgendeiner Form mit dem Team zu tun hat, sollte ehrliche Selbstkritik üben.

NEWS: Sind die Erwartungen an das Team zu hoch?
Prödl: In Wahrheit haben wir noch nichts vorzuweisen, das uns berechtigt, von einer EM-Endrunde zu träumen. Wir müssen schleunigst unseren eigenen Spielstil entwickeln, anstatt ständig auf die europäische Spitzenklasse zu schielen. Wir sollten im Rahmen unserer derzeitigen Möglichkeiten innovativ werden, um eine Basis für mehr Erfolge in
der Zukunft zu legen. Viele aktuelle Teamspieler haben nicht einmal 15 Länderspiele in den Beinen. Deshalb müssen wir einmal die grundsätzliche
Frage beantworten, ob wir eine Mannschaft suchen, die in der Zukunft Erfolg hat, oder ob jede Qualifikation das Ziel ist. Wenn wir für die Zukunft planen, müssen wir diesem Projekt allerdings auch die nötige Zeit geben.

NEWS: : Müssen wir nicht auch ergebnisorientiert spielen?
Prödl: Vielleicht sollten wir uns wirklich einmal hinsetzen und sagen, o. k., wir haben die und die Qualität, konzentrieren wir uns auf das, was wir können. Vielleicht können wir mit einem niedrigeren Erwartungspotenzial am Ende sogar bessere Ergebnisse erzielen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine bestimmte Struktur in der Mannschaft über einen längeren Zeitraum.

NEWS: Wie soll das gehen?
Prödl: Wir brauchen einen Stammkader, in dem die besten Legionäre genauso vertreten sind wie fünf, sechs Spieler aus der österreichischen Liga, die über einen längeren Zeitraum ihre Leistung erbracht haben. Die Zeit, die einem Teamchef zur Verfügung steht, reicht einfach nicht, um aus einem 40-Mann- Kader eine erfolgreiche Nationalmannschaft aufzubauen.
Außerdem braucht ein solches Team auch eine klare Hierarchie.

NEWS: Was halten Sie von Franco Foda?
Prödl: Ich beteilige mich nicht an Teamchefspekulationen, auch aus Respekt gegenüber Didi Constantini. Aber ich habe Franco Foda bei Sturm als akribischen Arbeiter schätzen gelernt, der ein klares System vertritt, in das sich jeder Spieler einfügen muss. Er hat auch ein gutes Gespür für verschiedene Spielertypen und erkennt deren Entwicklungspotenzial.

NEWS: Es geht die Angst um, dass Österreich nicht mit der besten Mannschaft zu den bedeutungslosen Spielen nach Kasachstan und Aserbaidschan fährt.
Prödl: Die zwei Spiele werden mit Sicherheit der ultimative Charaktertest, ob einer in dieser schwierigen Situation kneift oder ob er wirklich gewillt ist, alles für Österreich zu geben.

NEWS: Wie beurteilen Sie die Chancen in der Qualifikation für die WM 2014?
Prödl: Wir haben im Moment andere Probleme, als mit der WM in Brasilien zu spekulieren. Wir sollten lieber kleinere Brötchen backen, bevor wir von größeren Dingen träumen.