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Die Liga der Unsterblichen

Fußballvernarrte Dichter: Die Faszination der Ball- auf Wortkünstler ist umfassend

Liga © Bild: Corbis

Handke war Linksaußen, Albert Camus und Gerhard Roth glänzten als Torleute, Friedrich Torberg schrieb ein bewegendes Gedicht auf den Tod eines Stürmers. Sogar Elfriede Jelinek bekennt, sich gute Spiele anzusehen.

Ein Tormann, wer sonst? Auf keiner anderen Position sammeln sich die Sonderlinge in vergleichbarer Dichte. Klar, dass der ehemalige Jugendtorwart von Sturm Graz auf Anfrage umgehend einen Weltentwurf präsentieren kann. "Der Fußball hat große Ähnlichkeit mit dem Leben“, erläutert Gerhard Roth (71, WM-Siegertipp: Brasilien). "Die bessere Mannschaft kann verlieren; es kann zu Fehlentscheidungen des Schiedsrichters mit schweren Benachteiligungen, auch Bevorzugungen kommen; und wir haben keinen Einfluss darauf.“

Wahre Individualisten stehen im Tor

Es gäbe manches, worauf der bedeutende österreichische Erzähler stolz sein könnte. Aber das silberne Ehrenzeichen des Clubs Sturm Graz, statutarisch verbunden mit dem Privileg, bei jedem Heimspiel am Präsidententisch sitzen zu dürfen: Das ist etwas. In der Tat hat er, auch in Zeiten gesundheitlicher Beeinträchtigung, keines zu versäumen getrachtet. Im Tor, fügt er hinzu, stünden die wahren Individualisten, während die anderen bloß an den unsichtbaren Schnüren komplizierter Systeme liefen: Ungeahndet ergreift der Tormann den Ball mit der Hand und inszeniert artistische Stürze, die keiner Sanktion unterliegen.

»Nabokov: "Ich war weniger Hüter eines Fußballtores als Hüter eines Geheimnisses"«

Auch die Kollegen Albert Camus (Club: Racing Universitaire d’ Alger, Nobelpreis 1957) und Vladimir Nabokov (Russischer Fußballklub Berlin) waren Torleute. Der Schöpfer des epochalen Skandalromans "Lolita“ erblickte in der Aufgabe mehr das Kontemplative, eine Amtsauffassung, der sich mancher gut entlohnte österreichische Sport-Professionist anschließen könnte: "Ich war weniger Hüter eines Fußballtores als Hüter eines Geheimnisses. Während ich mich mit verschränkten Armen an den linken Torpfosten lehnte, genoss ich den Luxus, meine Augen zu schließen, und so lauschte ich dem Pochen meines Herzens, fühlte den blinden Nieselregen auf meinem Gesicht.“ Camus hingegen, als prägende Gestalt des Existentialismus ein Vordenker der Weltskepsis, blieb auch im Sportlichen radikal: "Alles, was ich über Moral und Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball.“

Die Faszination der Ball- auf die Wortkünstler ist umfassend. Günter Grass und der Spanier Javier Marías, Ödön von Horvath und Joachim Ringelnatz, Friedrich Dürrenmatt und der Brite Nick Hornby, dessen Roman "Fever Pitch“ die Snobs auf den Fußballplatz trieb, worüber sich die proletarische Klientel nicht amüsiert zeigte: Die Fußball-Literatur füllt Anthologien.

Kommentare

Martin Winter

Nicht schlecht. Gute Beispiele, ziemlich viele! Ich habe Gedichte eines chinesischen Autors und Fussballfans übersetzt. Siehe z.B. http://banianerguotoukeyihe.com/2014/06/16/soccer-writers-association-yi-sha/

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