Fund bereitet Forschern Kopfzerbrechen: Weiterhin Rätsel um "Venus von Willendorf"

Keine Hinweise auf genauen Herstellungsort gefunden Interpretation der Funktion der Statuette ist schwierig

Erotika, Fruchtbarkeitssymbol oder Götterstatue - Deutungen, was die "Venus von Willendorf" dargestellt bzw. welche Funktion sie erfüllt haben könnte, gab es seit ihrer Entdeckung eine Reihe. Auch wenn sich die Wissenschaft von den vorherrschenden Interpretationen eher distanziert: "Es gibt viele Möglichkeiten", so Walpurga Antl-Weiser vom Naturhistorischen Museum (NHM) Wien. Nur eines sei sicher: "Man wollte ganz bewusst eine Frau darstellen."

Fund bereitet Forschern Kopfzerbrechen: Weiterhin Rätsel um "Venus von Willendorf"

Auch hinter der Herstellung von Österreichs berühmtestem Altsteinzeitfund stehen noch einige Fragezeichen. "So haben wir bisher keinen Hinweis dafür gefunden, wo die Venus von Willendorf angefertigt worden ist", so die Prähistorikerin. Denn noch wurden von dem Kalkstein, dem Rohmaterial der Frauendarstellung, keine Bearbeitungs-Rückstände in den über die Jahrtausende abgelagerten Sedimentschichten gefunden. Allerdings habe man auch nicht auf dem gesamten Gebiet des ursprünglichen Lagerplatzes gegraben - an anderen Stellen könnte sich doch noch entsprechendes Material verstecken.

Als eines der vielen Rätsel, die die Statuette den Forschern aufgibt, stellt sich bis heute auch noch die Frage nach dem Ursprung des Rohstoffs. Der Venus-Stein besteht aus dicht gepackten "Einzelooiden", also runden kalkigen Partikeln, in festem Gesteinsverband. Aus Anlass des Fund-Jubiläums beauftragte das NHM den deutschen Geoarchäologen Alexander Binsteiner, nach der Quelle für den verwendeten Kalkstein zu fahnden. Sein Ursprung liegt laut Geologen vermutlich in Mähren, wie Antl-Weiser in ihrem im April erschienen Buch "Die Frau von W." schreibt.

Starke Betonung der Geschlechtsmerkmale
"Die Venus ist wissenschaftlich ein wertvoller Fund, weil wir das Gefühl haben, über sie in die Gedankenwelt der eiszeitlichen Menschen eindringen zu können - was uns natürlich nur in sehr bescheidenem Maße gelingt", so Antl-Weiser. Zwar deuteten einige Wissenschafter bei der Figur die starke Betonung der Geschlechtsmerkmale wie etwa der Brüste als Fruchtbarkeitssymbol, doch das wird heute sehr relativiert, "weil die Venusfiguren doch oft reifere Frauen jenseits der fruchtbaren Jahre darstellen".

Eine weitere Überlegung, die für die Prähistorikerin dagegen spricht: "Für Jäger ist sicher eine übermäßige Fruchtbarkeit auch nicht das wünschenswerteste". Zu viele Gruppenmitglieder konnten nur schwer über die Runden gebracht werden, zu viele Kinder hätten auch die Mobilität der als Jäger und Sammler lebenden Menschen behindert.

Die Funde von Venusfiguren in Europa - mit zwar individuellen Unterschieden, aber gewissen Gestaltungsähnlichkeiten - würden zeigen, dass die Frauendarstellungen eine Idee verkörperten, die über den ganzen Kontinent verbreitet war. Es fehlten in der Regel die Füße und das Gesicht, die Arme waren verkleinert oder nicht vorhanden, die Geschlechtsmerkmale deutlich ausgeprägt.

Doch kein Eins-zu-Eins-Abbild?
"Es muss Personen gegeben haben, die als Anschauungsobjekt dienten", so Antl-Weiser. Darauf deutet das naturalistische Aussehen, etwa von Fettpolstern um die Knie und im Hüftbereich. Die Prähistorikerin ist sich aber sicher, dass es sich nicht um ein Eins-zu-Eins-Abbild einer damals lebenden Frau handelte, da die Proportionen nicht stimmen.

Teilweise sind die Figuren sehr kunstvoll angefertigt. "Man glaubt aber nicht, dass die Figuren Kunst zum Selbstzweck waren. Für die Altsteinzeit ist man eher geneigt, sie in einem rituellen Zusammenhang zu sehen", so die Expertin. Ob ein sakraler Zweck dahinter steht, wissen die Forscher nicht. "Letzte Weisheit werden wir wahrscheinlich nie erlangen, weil wir nicht in die Gedanken der Menschen schauen können." Die Hoffnung der Forscher ruht auf den Fundzusammenhängen, die weitere Puzzlestückchen zur Geschichte der Venus liefern könnten.

(apa/red)