Fuballsport nicht mit Olympia vergleichbar:
Rundes Leder verbindet mehr als es trennt

Kalter Krieg - Im Fußball war es keine so heiße Sache Ball dennoch als Barometer des "Klimas" in Europa

Fuballsport nicht mit Olympia vergleichbar:
Rundes Leder verbindet mehr als es trennt © Bild: APA/Oczeret

Der Kalte Krieg und Olympia, das ist eine nicht enden wollende Geschichte von Boykott und Gegenboykott. Im Fußball war die Sache weniger heiß. Zwar finden sich auch hier Beispiele, wo die Politik schneller am Ball war, dennoch wurde im Großen und Ganzen völkerverbindend gekickt. Gerade deshalb war der Fußball oft auch eine Art Barometer des politischen, sozialen und wirtschaftlichen Klimas in Europa.

Olympia wurden die politischen Scharmützel praktisch in die Wiege gelegt. Schon bei den ersten Spielen 1896 in Athen gab es Streit. Ungarn emanzipierte sich von der k.u.k.-Donaumonarchie und trat mit einem eigenen Team an. Der Franzose Pierre de Coubertin, der Olympia aus der Antike in die Neuzeit versetzt hatte, sprach von einer "olympischen Geo-Politik, mit der die staatliche Souveränität außer Kraft" gesetzt werde.

Ähnliche Tendenzen zeigten sich freilich auch in der Welt des Fußballs, wo Böhmen von 1906 bis 1908 eigenständiges FIFA-Mitglied war. Dennoch wurde bei Olympia mehr politisiert. Die negativen Höhepunkte erreichte man mit den Spielen 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles.

Boykott von den USA ausgehend
Unter dem Druck der USA boykottierten die meisten westlichen Staaten die Spiele in der Sowjetunion. Aus Protest gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan Ende 1979. Die Retourkutsche kam vier Jahre später. Die UdSSR und der Großteil der Ostblock-Staaten blieben den Spielen in Los Angeles fern. Offizieller Grund: Mangelnde Sicherheit für die Athleten.

Im Fußball waren derartige Ereignisse eher Randerscheinungen. Vielleicht lag es auch daran, dass Welt- oder Europameisterschaft im Grunde nie an besonders polarisierenden Orten ausgetragen wurden. Eine Ausnahme war die Endrunde in Argentinien 1978, wo die Militärs die Macht hatten und sich wenig um Menschenrechte scherten. Aber das hatte wiederum mit dem Kalten Krieg wenig zu tun.

Nur selten machte sich die politische Zerrissenheit der Welt negativ bemerkbar. Etwa 1960, als die UdSSR kampflos in die EM-Endrunde einzog, nachdem Spaniens Diktator Francisco Franco seinen Ballesterern die Reise nach Moskau, in die "Hauptstadt des Weltkommunismus", untersagt hatte.

1973 wiederum waren die Vorzeichen umgekehrt: Am 21. November sollte Chile im "Estadio Nacional" von Santiago in der WM-Qualifikation für die Endrunde in der BRD 1974 zum entscheidenden Match gegen die UdSSR antreten. Das erste Spiel in Moskau hatte Remis geendet.

Chile 1973 im Vorteil
Wegen des Militärputsches von General Augusto Pinochet, nachdem das Stadion auch als Gefängnis und Folterkammer für politische Häftlinge gedient hatte, erschienen die Sowjets jedoch nicht. Chile durfte ohne weitere Anstrengung nach Deutschland fahren.

Im Übrigen nahmen die Teams aus Ost und West in der Regel sowohl auf der Ebene der Nationalmannschaften als auch auf Klubniveau die europäische Einigung in gewisser Weise voraus. In Qualifikationsspielen wurde um EM- und WM-Teilnahmen gerungen, im Europacup in verschiedenen Bewerben (Meister-, Cupsieger- und UEFA-Cup) um imageträchtige Pokale.

BRD gegen die DDR 1974
Mitunter ging man einander - so gut es ging - aus dem Weg. So traf die Bundesrepublik Deutschland - weil es bei der WM 1974 nicht anders ging - ein einziges Mal auf die DDR. Und verlor prompt 0:1. Sportliche Begegnungen zwischen Mannschaften aus dem Westen und dem Osten waren neben einem Kräftemessen der Systeme aber auch Gradmesser für die jeweiligen Befindlichkeiten bzw. für das Image, das über den Sport transportiert werden sollte.

Ostblock-Teams standen in der Regel im Ruf einer eher zweckbetonten, Ergebnis orientierten Fußballkultur zuzuneigen, wo der Einzelne sich dem Kollektiv unterzuordnen hatte. Allerdings wurden gerade jene Ostblock-Mannschaften im Westen besonders populär, die als Ausnahmen dieser Regel auftraten.

Die Ungarn brillierten in den 1950ern mit spielerischen Feuerwerken, wobei dies ja noch als Mentalitätssache durchgehen mochte. Immerhin entwickelte man in Budapest später auch ein politisches System, das unter dem Namen "Gulasch-Kommunismus" geradezu sympathisch klang.

Polen als Imageträger aus dem Osten
Dass aber ausgerechnet Polen bei der WM-Endrunde 1974 mit Jan Tomaszewski, Grzegorz Lato oder Andrzej Szarmach zu Publikumslieblingen wurden, war durchaus kein Zufall. Das meint zumindest der Historiker Pierre Lanfranchi von der Universität Leicester. "1974 hatte Polen eine Idee, sie wollten ein Zeichen setzen: Wir sind aus dem Osten, wir sind von drüben, aber wir wollen ein modernes Image, ein neues Image von Osteuropa geben."

Soll heißen: Bis auf Lato, dessen Kopf eine Glatze zierte, trugen alle Spieler zeitgeistig üppige Frisuren und gaben sich auch sonst eher betont lässig und zugänglich. Lafranchi: "Auch ihre Spielweise war so. Und der Trainer hat den Spielern und Funktionären gesagt: Ihr sollt westlich aussehen, ihr sollt lange Haare haben. Da sieht man, dass man im Osten auch der Meinung war, dass man durch Sportler ein gutes Image vermitteln kann."

Auch das Nationalteam der CSSR konnte bei der EM 1976 in Sachen Sympathie punkten, weil ausgerechnet Weltmeister Deutschland mit spielerischer Eleganz ausgehebelt wurde. Der geniale "Schupfer" von Antonin Panenka, der im Elfmeterschießen des Finales in Belgrad die Entscheidung brachte, ist bis heute legendär.

Panenka spielte bei Rapid Wien
Dass Panenka in den 1980er-Jahren von Rapid verpflichtet werden konnte, war vom Zeitpunkt her auch kein Zufall, so der Historiker. Lange Zeit waren "Legionäre" aus dem Osten undenkbar gewesen. Aber: "Ab einer bestimmten Zeit konnten die Ostländer ihre besten Spieler nicht mehr halten. Da haben sie angefangen, sie im Westen spielen zu lassen."

Zeitlich fiel das mit der Perestroika zusammen, mittels derer Michail Gorbatschow die UdSSR reformieren wollte. Das Scheitern war auch aus dem Fußball herauszulesen. Dem Sport ging es genauso wie dem System, in das er eingebettet war. Lanfranchi: "Das hat gezeigt, dass man nicht weiter mit diesem unklaren ideologischen Hintergrund leben konnte. Im Sport gab es in den sozialistischen Ländern diesen unklaren Vollprofi-, Halbprofi-Status. Das ging einfach nicht mehr und es war ein Symptom, dass die Lage der Länder im Osten problematisch war."
(apa/red)