Fronten im Iran verhärten sich: Brutale Auseinandersetzungen auf Straßen Teherans

Wasserwerfer und Tränengas: Zahlreiche Verletzte Moussavi zeigt sich bereit, zum "Märtyrer zu werden"<br>Obama ruft zum Ende der staatlichen Gewalt auf

Fronten im Iran verhärten sich: Brutale Auseinandersetzungen auf Straßen Teherans © Bild: Reuters

Eine Woche nach Beginn der Massenproteste haben sich die Fronten im Iran weiter verhärtet. Trotz Verbots und eindringlicher Warnungen protestierten wieder Anhänger von Oppositionsführer Mir-Hossein Moussavi gegen die Wiederwahl von Präsident Mahmoud Ahmadinejad. Verschärft wurde die Lage durch Meldungen, wonach sich ein Selbstmordattentäter am Nordeingang des Schreins von Revolutionsführer Imam Ruhollah Khomeini in die Luft gesprengt habe.

Augenzeugen berichteten von massiven Auseinandersetzungen von Oppositionsanhängern mit Sicherheitskräften und Gefolgsleuten Ahmadinejads in Teheran. Nach unbestätigten Berichten gab es mehrere Verletzte. Die Polizei ging mit Tränengas, Wasserwerfern und Schlagstöcken gegen Kundgebungsteilnehmer vor und soll in die Luft geschossen haben, um die Demonstranten auseinanderzutreiben. Die Berichterstattung in- und ausländischer Medien war erneut massiv behindert, ein klares Bild der Vorgänge kaum zu erhalten.

Dutzende Schwerverletzte
Polizei und regierungstreue Milizen hätten 50 bis 60 Demonstranten so schwer verletzt, dass sie in das Imam-Khomeini-Krankenhaus gebracht werden mussten, sagten Augenzeugen. Mehrere blutende Demonstranten seien von Mitstreitern weggetragen worden. Einige der Protestierenden hätten daraufhin Motorräder der Milizen in Brand gesteckt.

Moussavi bereit für Märtyrertod
Moussavi sagte nach Angaben seiner Anhänger bei einem Treffen im Westen Teherans, er werde seinen Kampf fortsetzen. Er sei "bereit, dafür zum Märtyrer" zu werden. "Wenn sie mich verhaften, dann sollten alle streiken und die Arbeit niederlegen." Zugleich bekräftigte er seine Forderung, die Präsidentschaftswahl für ungültig zu erklären und die Abstimmung zu wiederholen.

Brief an Wächterrat
In einem Brief an den mächtigen Wächterrat schrieb Moussavi, die Verfälschung des Wahlergebnisses sei Monate im Voraus geplant gewesen. Vor allem kritisierte er die Unterbrechung von Kommunikationsnetzen wie Internet und SMS am Wahltag und sprach von einem "empörenden Schritt". Mit seiner neuerlichen Kritik setzte er sich demonstrativ über Religionsführer Ayatollah Ali Khamenei hinweg, der als höchste Autorität im Iran am Freitag das Wahlergebnis bestätigt und vor weiteren Demonstrationen gewarnt hatte.

Wirbel um Selbstmordattentäter
Für eine weitere Zuspitzung sorgten Berichte staatlicher Medien, wonach sich ein Selbstmordattentäter vor dem Mausoleum von Imam Khomeini im Süden Teherans in die Luft gesprengt hat. Dabei soll der Attentäter letzten Meldungen zufolge drei Menschen verletzt haben. Zuvor war von zwei Toten und acht Verletzten die Rede gewesen. Eine unabhängige Bestätigung dafür gab es zunächst nicht. Ob ein Zusammenhang mit den Massenprotesten besteht, war unklar. Das Mausoleum des islamischen Revolutionsführers Khomeini gilt vielen Iranern als Heiligtum.

Deutlich weniger Demonstranten
In Erwartung neuer Proteste waren in ganz Teheran starke Spezialeinheiten der Polizei aufgezogen. Sicherheitskräfte versuchten, Demonstranten am Vordringen in die Innenstadt zu hindern. Dort gelang es der Polizei nach Angaben von Beobachtern, mehrere hundert Demonstranten zu zerstreuen, die vor Tränengas und Wasserwerfern in Seitenstraßen flüchteten. Die Polizei soll dabei auch mehrfach Warnschüsse abgeben haben. Offenbar habe die Taktik der Polizei zunächst gewirkt, meinten Beobachter. Es seien deutlich weniger Demonstranten unterwegs gewesen als in den vergangenen Tagen.

Nach Angaben von Augenzeugen kam es auch zu Zusammenstößen zwischen den Anhängern Moussavis und denen Ahmadinejads. Auch die "Basij"-Milizen, die den Präsidenten unterstützen, waren im Einsatz. Ihre Gegner hätten eines der Gebäude der Miliz angezündet, hieß es.

Khamenei schließt Wahlfälschung aus
Der oberste Führer des Landes, Ayatollah Khamenei, hatte zuvor Wahlfälschung in großem Stil ausgeschlossen. Gleichzeitig hatte er die Opposition aufgeordert, Einwände auf dem Rechtsweg vorzubringen, und mit Konsequenzen gedroht, sollten die "illegalen" Demonstrationen weitergehen.

Wächterrat will neu auszählen
Der Wächterrat erklärte sich dazu bereit, stichprobenartig zehn Prozent der Stimmen neu auszuzählen. Die beiden Zweit- und Drittplatzierten bei der Wahl, Moussavi und Mehdi Karroubi, kamen allerdings der Einladung des Wächterrats zur Sitzung am Samstag nicht nach. Damit wollten sie nach Einschätzung von Beobachtern ihre Forderung nach Wiederholung der gesamten Wahl bekräftigen.

Obama fordert Ende der Gewalt
US-Präsident Barack Obama hat den Iran aufgefordert, jede Form der Gewalt gegen die Bevölkerung zu unterlassen. "Die iranische Regierung muss wissen, dass die Welt zuschaut", erklärte Obama. Die Versammlungs- und Meinungsfreiheit müssten respektiert werden. "Die USA stehen allen bei, die von diesen Rechten gebrauch machen wollen." Der Iran und die USA sind seit der Islamischen Revolution 1979 verfeindet.

Nachspiel für Fußballer
Ihr politischer Protest hat möglicherweise auch ein Nachspiel für sechs iranische Fußball-Nationalspieler, darunter der Frankfurter Bundesliga-Profi Mehdi Mahdavikia und der frühere Bayern-Spieler Ali Karimi. Die sechs waren am Mittwoch beim WM-Qualifikationsspiel in Südkorea mit grünen Armbändern aufgelaufen und hatten damit ihre Solidarität mit der Protestbewegung demonstriert. Wie in Teheran bekanntwurde, hat das Parlament des Landes nun vom Fußballverband eine detaillierte Erklärung der Zwischenfälle gefordert und mit Sanktionen gedroht. Die Regeln des Weltverbandes FIFA verbieten politische Meinungsäußerungen auf dem Platz.

Demonstrationen in Europa
Europaweit demonstrierten erneut tausende Exiliraner gegen die Wiederwahl Ahmadinejads, etwa in Hamburg, Frankfurt/Main und Stuttgart. In der Nähe von Paris protestierten sogar zehntausende Exil-Iraner gegen die Führung in Teheran. Nach Angaben von Vertretern des Nationalen Iranischen Widerstandsrats (NWRI) trafen sich rund 90.000 Menschen in Villepinte zu einer Kundgebung. Die iranischen Präsidentschaftswahlen am 12. Juni seien nur ein illegales Werkzeug gewesen, um die schlimme Herrschaft im Iran zu stärken, hieß es.

(apa/red)