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Damit der Urlaub nicht im Bett beginnt

Marod im Hotelzimmer? Wem das öfter passiert, der sollte sein Leben überdenken.

Krank © Bild: Thinkstock/iStock

Wie war der Urlaub? "Ich war krank. Immer das Gleiche: Kaum hab’ ich frei, schon lieg’ ich im Bett“, sagt die Kollegin nach dem Urlaub. Man nickt mitfühlend. Schon wieder Pech gehabt, die Arme. Aber dann sagt sie auch noch: "Solche Angestellte kann man sich als Chef nur wünschen: immer nur im Urlaub krank.“ Und dieser Satz ist ein bisschen verräterisch. Denn mittlerweile gibt es für dieses Phänomen sogar einen Namen. "Leisure Sickness“ oder Freizeit-Krankheit nennen es Mediziner und Psychologen, wenn bestimmte Menschen ausgerechnet immer im Urlaub krank werden.

Mindestens drei Prozent aller arbeitenden Menschen können ihren Urlaub deswegen nicht uneingeschränkt genießen. Und zwar quer durch alle Berufsgruppen und durch die Unternehmenshierarchie. "Vor allem sehr engagierte Menschen, die dem Unternehmen gegenüber sehr loyal sind, erkranken häufig im Urlaub oder am Wochenende“, sagt der Psychologe Norman Schmid. "Was diese Menschen gemeinsam haben, ist ein hoher innerer Perfektionismus und die Befürchtung, dass die Firma ohne sie zusammenbricht. Sie nehmen sich immer nur wenige Tage am Stück frei. Manche von ihnen gehen sogar am ersten Urlaubstag heimlich und ohne Anordnung in die Arbeit, um noch Liegengebliebenes wegzubekommen.“

Zuerst Stress - dann plötzliche Entlastung

Doch selbst, wenn man es nicht so weit treibt: Für viele Menschen baut sich in den letzten Tagen vor dem Urlaub enormer Stress auf. Nichts soll unerledigt bleiben oder an die Kollegen weitergereicht werden. Der Schreibtisch soll während der Abwesenheit frei von Papierbergen verstauben. Dann ist endlich der Urlaub da, doch statt der Erholung beginnt das Halskratzen. Warum das so ist, erklärt Gerhard Blasche, Erholungsforscher an der MedUni Wien: "Wenn der Stresspegel im Alltag immer hoch ist, kann plötzliche Entlastung zu körperlichen Reaktionen führen.“

»Im Urlaub habe ich Zeit zum Kranksein.«

Akuter Stress stimuliert das Immunsystem. Die Stresshormone Adrenalin und Cortisol werden ständig ausgeschüttet, der Körper ist auf Abwehr programmiert. Hat man dann frei, sinkt dieser Hormonpegel abrupt, und das Immunsystem arbeitet plötzlich nur mehr auf Sparflamme. So ist man für Infekte anfällig. Und insofern ist es nicht ganz falsch, wenn Urlaubskranke ächzen: "Im Urlaub habe ich Zeit zum Kranksein.“ Sie haben dann das Gefühl, dass sie sich nicht mehr zusammenreißen müssen. Dadurch kann sich aber auch ein Infekt leichter bemerkbar machen. Auch Kopfschmerzen quälen oft am Wochenende oder im Urlaub, wenn eigentlich Entspannung angesagt ist.

Die Urlaubskrankheit trifft auch Menschen, die sich vor allem über ihre Arbeit definieren und durch die ungewohnte Freizeit die Orientierung verlieren. "Sie kontrollieren ihr Leben über ihre Arbeit. Wenn sie dann frei haben, fehlt ein Stück Kontrolle, und sie haben Angst vor der Leere.“

Alarmsignale

Noch ein Krankmacher: Viele Menschen setzen sich wegen ihrer Urlaubsreise zu stark unter Druck. Vor dieser und in den ersten Urlaubstagen steigt der Blutdruck. "Der Ortswechsel, das fremde Bett, das andere Klima, das ungewohnte Essen erfordern eine Umstellung, und das kann krank machen“, sagt Blasche. "Wiederkehrende Krankheiten im Urlaub sind ein Alarmsignal“, sagt der Psychologe Schmid. "Wem das passiert, der sollte überlegen, was ihn unter Druck setzt, und sein Leben umstellen. Denn das weist auf einen ungesunden Lebensstil und eine sehr unausgewogene Work-Life-Balance hin.“

Banale Medizin gegen die Urlaubskrankheit

Alles ein bisschen lockerer nehmen und sich vom eigenen Perfektionismus verabschieden - klingt banal, ist aber eine Medizin gegen die Urlaubskrankheit. Man könnte sich zum Beispiel einmal fragen, ob wirklich alles vor dem Urlaub weggearbeitet werden muss, oder manche Dinge auch noch etwas warten können. Gutes Betriebsklima vorausgesetzt, kann man die Kollegen um Hilfe bitten, und ihnen dann vor ihrem Urlaub aus dem Stress helfen.Man sollte sich auch von der Vorstellung verabschieden, dass ständige Erreichbarkeit und Aufopferung für die Firma das Beste sind. Schmid sagt: "Nicht Menschen, die ständig arbeiten, sondern jene, die abschalten können, leisten bessere Arbeit.“

Das rät der Erholungsforscher

Erholungsforscher Blasche rät, den Übergang zwischen Arbeit und Urlaub fließend anzulegen. Wer am letzten Tag endlos in der Firma sitzt, nächtens seine Koffer packt und im Morgengrauen zum Flughafen hetzt, tut seinem Körper zu viel an. "Besser ist es, sich ein bis zwei Tage vor Abreise schon frei zu nehmen und die Dinge in Ruhe zu erledigen.“ Menschen, die ständig unter Hochdruck stehen, neigen dazu, auch von ihren Ferien Höchstleistungen zu verlangen. "Man sollte beim Urlaub nicht alles auf eine Karte setzen, ihn nicht mit Erwartungen überfrachten. Es ist besser, sich ein bisschen weniger vorzunehmen. Es muss nicht immer die weiteste und schwierigste Reise sein. Es reicht ein bisschen weniger. Vom Erholungsaspekt ist das das Beste.“ Um den Urlaub jetzt nicht gänzlich krank zu jammern: Es ist erwiesen, dass sich die Menschen in freien Phasen wohler fühlen und sich der Blutdruck in der richtigen Höhe einpendelt. Daher macht man ja auch gerne Urlaub. Im Vorjahr unternahmen laut Statistik Austria 5,5 Millionen erwachsene Österreicherinnen und Österreicher insgesamt 18,3 Millionen Urlaubsreisen. Dreieinhalb Tage dauert der durchschnittliche Inlandsurlaub, eine Woche die Auslandsreise.

So lang sollte ein Erholungsurlaub mindestens sein

Doch reicht das, um sich wirklich zu erholen? Tourismusforscher haben herausgefunden, dass sich die Laune der Reisenden erst nach zwei, drei Urlaubstagen spürbar bessert - um gegen Ende des Urlaubs wieder abzufallen. Schmid bestätigt daher, was viele Erholungssuchende ohnehin spüren: "Zwei Wochen Urlaub sind gut, drei Wochen wären besser.“

Allerdings hat sich bei Studien herausgestellt, dass der Erholungseffekt immer nur kurz ausfällt, egal wie lang der Urlaub war. Meistens ist die gute Laune schon nach einer Arbeitswoche wieder dahin. Weswegen mehrere kurze Urlaubshappen zwischendurch durchaus sinnvoll sind.

Vorbeugen

Auch die Gestaltung des Urlaubs beeinflusst die Erholung. Ein aktiver Urlaub hält laut Studien länger an als zwei Wochen lang am Strand herumzuliegen. Andererseits sollte man die Aktivität auch nicht übertreiben. Schmid: "Es sollte immer genug Zeit bleiben, um das Leben zu genießen.“ Dazu gehört auch, dass man sich zwischen den Urlauben um seine Lebensqualität kümmert. Chefs und Mitarbeiter sollten akzeptieren, dass man am Wochenende wirklich Pause macht und auch einmal nicht erreichbar ist. Umso besser werden die Motivation und die Leistungen unter der Woche sein.

Rettung der Urlaubstage

Zur Rettung der Urlaubstage im hartnäckigeren Krankheitsfall gilt es einige Dinge zu beachten. "Wer länger als drei Tage krank ist, sollte das umgehend dem Arbeitgeber melden“, sagt Irene Holzbauer von der Arbeiterkammer Wien. Denn nur dann kann man die Urlaubstage, die man unfreiwillig im Bett verbracht hat, wieder zurückbekommen. Ist man wieder gesund aus dem Urlaub zurück, muss man unaufgefordert die Krankenstandsbestätigung vorlegen. Schwierig wird diese Aufgabe allerdings für jene, die im Ausland erkranken. Denn dann braucht man nicht nur die Bestätigung des Arztes, sondern dazu auch noch eine behördliche Bestätigung, dass der Arzt auch wirklich ein Arzt ist. Hofbauer: "Dieses Schreiben muss man sich beim Bürgermeister oder am Bezirksamt des Urlaubsortes holen. Am besten man fragt in einem großen Hotel, wohin man sich wenden muss.“ Jedenfalls sollte man das sofort erledigen, denn nachträglich von zu Hause aus wird’s schwierig. Dieser Behördenlauf entfällt, wenn man in einem öffentlichen Krankenhaus oder in einer Ambulanz war.

Sollte man über das vereinbarte Urlaubsende hinaus krank sein, muss man sich unbedingt in der Firma melden. Und zwar per Mail oder Fax, um im Streitfall eine schriftliche Bestätigung parat zu haben. Das waren die schlechten Nachrichten. Die guten: Sie können schon jetzt etwas tun, damit Sie dieses Mal im Sommerurlaub fit bleiben. Bauen Sie in Ihren Alltag bewusst Erholungsphasen ein. Suchen Sie sich Hobbys, die abwechslungsreich sind, aber nicht schon wieder Höchstleistungen von Ihnen verlangen. Betreiben Sie leichten Ausdauersport, denn der baut die Stresshormone ab. Pflegen Sie Freundschaften und genießen Sie auch vermeintlich Unwichtiges, wie einen gemütlichen Kaffee.

Und planen Sie schon jetzt ihren nächsten Urlaub. Denn Forscher haben herausgefunden, dass schon die Beschäftigung mit einer Reise die Stimmung hebt. Und das ganz ohne unerwünschte Nebenwirkungen wie Kranksein im Urlaub.

Die wichtigsten Fakten zur Krankmeldung im Urlaub unter:
http://www.news.at/krankimurlaub

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