Frauenmorde in Mexiko nun Europa-Thema:
Seit 1993 393 Frauen in einer Stadt getötet

Juarez gilt als "Welthauptstadt der Frauenmorde" Polizei verschwieg Vergewaltigung & Mord über Jahre

Die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juarez verdankt ihre Bedeutung der Nähe zu den USA. An sechs Grenzübergängen stauen sich täglich Zehntausende Menschen, Autos, Lastwagen und Züge. 300 internationale Konzerne haben sogenannte Maquila- Fabriken aufgebaut, Montagebetriebe, die den US-Markt mit ihren Produkten beliefern. Dass die Grenzstadt international Berühmtheit erlangte, verdankt sie jedoch einer erschreckenden Entwicklung. Zwischen 1993 und 2007 wurden hier 393 Frauen ermordet. "Welthauptstadt der Frauenmorde" ist deshalb das Image, das der Stadt weltweit anhängt.

Darüber redet Bürgermeister Hector Murgia Lardizabal vor ausländischen Besuchern gar nicht gern. Dass sich das europäische Parlament in diesen Tagen mit den Frauenmorden in Mexiko befasst, möchte er am liebsten ignorieren. Er gerät lieber ins Schwärmen, wenn er über "unser geliebtes Juarez" spricht. Die Industrie, der Grenzverkehr, die vielen Steuereinnahmen, die internationalen Investitionen, das unbegrenzte Wachstum. Jedes Jahr wächst die Stadt um 60.000 Einwohner.

Morde wurden erst 2004 publik
Seit im Jahr 2004 die Häufung der Morde an Frauen in Ciudad Juarez publik wurde, ist in der Millionenstadt vieles anders geworden. Die neue Regierung des Staates Chihuahua unter dem Gouverneur Jose Reyes Baeza Terrazas begann mit der Aufklärung der brutalen Taten. Die meisten Täter liefen frei herum. Es gab in ganz Chihuahua kein einziges Polizeilabor, keine moderne Gerichtsmedizin. Auch heute noch sind 126 Fälle nicht aufgeklärt.

Frauenmord als Wochenend-Beschäftigung
Lange hatte die Straflosigkeit dazu geführt, dass die Morde im Laufe der Zeit zunahmen, meist im familiären Umfeld, im Zusammenhang mit Drogenkriminalität und Jugendbanden. "Der Mann glaubt, er könne über seine Frau verfügen, wie über Eigentum", erklärt Justizministerin Patricia González. "Es ist die schlimmste Art des Mordens in Mexiko". Und sie erklärt: "Es ist unvorstellbarer Hass und Missachtung gegenüber der Frau." Viele junge Frauen und Mädchen, meist aus Zuwandererfamilien aus dem Süden wurden Opfer dieser Gewalt. Die meisten von ihnen wurden in der Nähe von Maquila-Betrieben gefunden, auf Müllplätzen und in der Wüste. Vergewaltigt, stranguliert, verstümmelt. Ein Täter sagte aus, er und seine Kumpane hätten unter Suchtgifteinfluss an den Wochenenden Frauen entführt, vergewaltigt und ermordet.

Jetzt arbeitet Polizei professioneller
Die Verzweiflung der Familienangehörigen ist unvorstellbar. Vor allem, wenn sie, die Armen und "Morenos" (Dunkelhäutigen) aus dem Süden, das Gefühl haben, von den Behörden nicht gehört zu werden. Bis 2004 war so gut wie keine einzige Tat aufgeklärt. Oder es wurden Unschuldige eingesperrt, durch Folter zu einem Geständnis gezwungen. Mütter, die ihre verschwundenen Töchter suchten, wurden mit der Behauptung abgefertigt, die Tochter habe sich sicherlich illegal in die USA abgesetzt. "Wir haben vor allem mit der Bekämpfung der Straflosigkeit begonnen, indem wir die Polizeiarbeit professionalisiert haben", sagt Gonzalez. (APA/red)