Frauen schneiden schlechter ab: Medizin-
Aufnahmeverfahren soll geändert werden

Minister Hahn: "Kritikpunkte von ziemlicher Schwere" Umgestaltung des Eignungstests vorerst nur in Graz

Frauen schneiden schlechter ab: Medizin-
Aufnahmeverfahren soll geändert werden © Bild: APA/Gindl

Die unterschiedlichen Ergebnisse von Männern und Frauen bei den Aufnahmetests für das Medizinstudium sind zu einem guten Teil durch unterschiedliche Sozialisation bedingt, die in der Schule durch uneinheitliche Notengebung weitergeführt wird. Zu diesem Ergebnis kommt die Bildungspsychologin Christiane Spiel (Uni Wien) in einer Analyse der Auswahlverfahren. So erbrachten Frauen bei gleichen Schulnoten deutlich schlechtere Testleistungen als Männer. Spiel empfiehlt eine Überarbeitung und Ergänzung der Tests, die derzeit etwa keine kommunikativen und sozialkognitiven Kompetenzen abfragen.

Für die Zulassung zum Medizin-Studium wird seit 2006 in Wien und Innsbruck der in der Schweiz entwickelte Eignungstest für das Medizin-Studium (EMS) eingesetzt, der innerhalb von ca. sechs Stunden Studien-Fähigkeiten wie medizinisch-naturwissenschaftliches Grundverständnis, räumliches Vorstellungsvermögen, Umgang mit Zahlen etc. abfragt. In Graz müssen sich die Studienwerber dagegen einem dreistündigen Wissenstest stellen. Bei beiden Tests haben Frauen zuletzt schlechter abgeschnitten als Männer.

Spiel macht dafür etwa die "Bildungssozialisation" verantwortlich: Österreichische Frauen haben in den Auswahlverfahren insgesamt schlechtere Ergebnisse erzielt, erhielten aber davor auch in Mathe und naturwissenschaftlichen Fächern bessere Schulnoten als die Männer. In Wien und Innsbruck erzielten etwa weibliche Kandidaten mit Einser in den naturwissenschaftlichen Fächern um rund fünf Punkte weniger als männliche Kandidaten mit der gleichen Note.

Bewertungsgrundlagen für Schulnoten vereinheitlichen
Bei jüngeren Kindern gebe es noch keinen Unterschied bezüglich Interesse, Motivation und Leistung im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Ab dem Jugendalter allerdings nehmen die Unterschiede zu Ungunsten der Mädchen zu. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Schule, so Spiel: Mädchen würden etwa für Fleiß und Anpassung mehr gelobt als Burschen, die Knaben dagegen in Mathe und Naturwissenschaften mehr gefordert. Außerdem würde den Mädchen häufiger vermittelt, dass Mathematik für sie nicht berufsrelevant sei.

Spiel folgert unter anderem, dass "die Bewertungsgrundlagen für Schulnoten für Mädchen und Knaben offensichtlich nicht ident sind". Sie empfiehlt daher "kriterielle Bewertungsstandards" sowie eventuell eine zusätzliche Bewertung von Bildungszielen wie Sozialkompetenz und Arbeitshaltung. Änderungen müsse es auch bei der Aus- und Fortbildung der Kindergartenpädagogen und Lehrer geben, Eltern müssten ebenfalls entsprechend sensibilisiert werden.

Aber auch die Grundphilosophie bei den Tests für das Medizin-Studium müsse man überdenken, meinte Spiel. Das derzeitige Modell sei schon "sehr deterministisch", so Spiel. Abgefragt würden komplexe Fähigkeiten, die sich über Jahre herausgebildet hätten nach dem Motto "Kannst du es oder kannst du es nicht". Sie schlägt daher ein "Paket von Verfahren" vor, die auch Ergänzungen zu reinen "Tests" beinhalten. Weitere Vorschläge Spiels: Eine Reduktion der Ratewahrscheinlichkeiten durch mehrere richtige Antworten und eine Reduktion der Aufgaben pro Untertest.

Naturwissenschaftliches Denken weiter ausschlaggebend
Nicht mit allen Punkten anfreunden konnten sich damit der Vizerektor für Lehre der Medizin-Uni Wien, Rudolf Mallinger, und EMS-Entwickler Klaus-Dieter Hänsgen. Bei aller Förderung der Soft Skills, die auch im Medizin-Studium geschehe, dürfe man nicht vergessen, dass "der Erfolg der Medizin auf Naturwissenschaften basiert", so Mallinger. Deshalb müsse naturwissenschaftliches Denken auch im Zentrum der Medizinausbildung stehen - und daher sei es legitim, dieses in den Mittelpunkt des Auswahlverfahrens zu stellen. Eine Änderung des EMS für heuer sei nicht mehr möglich, im nächsten Jahr könnte es aber etwaige Ergänzungen geben.

Hänsgen trat dagegen auf die Bremse: Sinnvollerweise dauere es zwei bis drei Jahre, bis eventuelle Änderungen eingearbeitet werden könnten. Er warnte auch davor, einfach nach Kompetenzen zu suchen, "wo Frauen besser sind und das dann in den Test aufzunehmen".

Änderungen beim Test gibt es dagegen in Graz, so Vizerektor Gilbert Reibnegger. Die Testanteile der Physik- und Chemie-Aufgaben, wo Frauen besonders schlecht abgeschnitten haben, würden nun zugunsten der Biologie zurückgefahren.

Hahn, Schmied und ÖH fordern Umgestaltung
"Kritikpunkte von ziemlicher Schwere", über die man "nicht einfach drüberwischen kann", sieht Wissenschaftsminister Johannes Hahn in der Analyse der Medizin-Aufnahmetests durch die Bildungspsychologin Christiane Spiel. Die Bildungspolitik müsse sich damit nun auseinandersetzen, so Hahn. Unterrichtsministerin Claudia Schmied geht "vollkommen d' accord, dass es zu einer größeren Outputsteuerung kommen muss", hieß es aus dem Ministerium. So würden etwa künftig die Bildungsstandards für eine größere Transparenz bei der Notengebung kommen.

Eine "grundsätzliche Abkehr" vom Eignungstest für das Medizinstudium (EMS) bzw. eine Adaption der Testverfahren an den Medizin-Unis sowie eine "grundlegende Reform des Schulsystems" regt die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) an, um "Diskriminierungen von Frauen" bei den Medizin-Aufnahmetests entgegenzuwirken. Die Analyse der Tests durch die Bildungspsychologin Christiane Spiel habe "erneut die dramatische Geschlechterschieflage in der österreichischen Bildungslandschaft bewiesen", hieß es von Seiten der ÖH. Am liebsten wäre es der ÖH aber, wenn die Zugangsbeschränkungen an den Unis überhaupt fallen und der freie und offene Hochschulzugang wiederhergestellt würde.

(apa/red)