Franz Welser-Möst: Der Maestro über Krise, Salzburg und Verdi-Pläne an der Staatsoper

"Verzichte in den USA auf 20 Prozent meines Gehalts" NEWS: Welser-Möst erreichte er die Weltspitze

Sitz 16 in der 2. Reihe Parterre Mitte links des Großen Festspielhauses in Salzburg ist ein besonderer Platz: der letzte von 4.366 verfügbaren für die beiden Konzerte der Wiener Philharmoniker, die Franz Welser-Möst, 48, im kommenden Festspielsommer dirigiert. Das Orchester hat da einen Zyklus von elf Konzerten, u. a. mit Harnoncourt, Muti und Shootingstar Dudamel. Doch auch Elitefestivals können nicht über die Krise hinweggeigen.

Franz Welser-Möst: Der Maestro über Krise, Salzburg und Verdi-Pläne an der Staatsoper © Bild: Martin Vukovits/NEWS

Es gibt für sehr viele Konzerte und sämtliche Opern Karten zuhauf. Nur eben für die beiden Auftritte des designierten Generalmusikdirektors der Wiener Staatsoper nicht.

Mit Inspiration, Integrität und taktischer Brillanz hat sich der österreichische Maestro an der Spitze seiner Generation positioniert. Sein Chefvertrag mit dem weltrenommierten Cleveland Orchestra wurde bis 2018 verlängert. An der Wiener Staatsoper, als deren Musikdirektor er im Herbst 2010 antritt, schließt er am 2. Mai Wagners „Ring“ mit der „Rheingold“-Premiere. Im April tritt er wieder in den elitären Kreis der philharmonischen Abonnementdirigenten. Und bei den Salzburger Osterfestspielen leitete er soeben die Berliner.

Was er beim finanziell wankenden Osterfestival erlebt hat, alarmiert ihn: „Die Leute überlegen wieder, wofür sie Geld ausgeben. Wenn bei den Osterfestspielen 530 Euro für eine Karte verlangt werden, halte ich das für existenzbedrohend, zumal auch noch das schwachsinnige Antikorruptionsgesetz die Sponsoren vertreibt.“ Dabei sind das noch Marginalien im Vergleich zu Amerika, wo Kunst praktisch von Sponsoren lebt. „Die Situation ist lebensgefährlich, auch für die großen Institutionen“, verweist er auf die in Bedrängnis geratenen Weltklasseklangkörper in Philadelphia und Boston, wo man schon Tourneen absagt.

Das Cleveland Orchestra hingegen wird seine herbstlichen Auftritte in Europa, die eine Residenz im Musikverein einschließen, „nach derzeitigem Stand“ wahrnehmen. „Im Gegensatz zu anderen haben wir vorauszudenken versucht. Ich habe schon Anfang Jänner freiwillig auf 20 Prozent meines Gehalts verzichtet. Mein Lebensstil ändert sich dadurch nicht. Ich bin kein Anhänger der Kultur des ewigen Mehr und Mehr. Ich brauche das nicht fürs Ego.“ Auch der Orchesterintendant hat auf 15 Prozent verzichtet, und so kann man nicht nur überzeugender in die Kollektivvertragsverhandlungen mit dem Orchester gehen, sondern auch den Sponsoren Zeichen setzen. Die halten derzeit noch relativ geschlossen, und das hat mit der Kleinstadtsituation des Nests am Eriesee zu tun: Vor längerem schon hat man sich von Firmensponsoren verabschiedet, weil viele Unternehmen weggezogen sind.

Nun hat die Stadt nur noch ihre Klinik und ihr Orchester, beide Bestes vom Besten. Und betuchte Private, „die jetzt vielleicht auch 100 Millionen Dollar verloren haben, aber immer noch reich sind“ und ihre Stadt nicht verkommen lassen wollen. Während andere Orchester mit populären „Mashed potato“-Programmen auf Menschenfang gehen, „machen wir keine Kompromisse mit der Qualität“. So umfasst das Saisonschlusskonzert ausnahmslos Musik des 21. Jahrhunderts.

Die Bezugsverhandlungen der Staatsoper mit den Philharmonikern sind nicht seine Sache, sondern die des Direktors Dominique Meyer. „Man wird sehen, wie die Krise die Staatsoper trifft. Dann müssen vom Direktor die Konsequenzen gezogen werden. Ich hoffe nicht, dass es zu Kürzungen kommt. Aber die österreichische Mentalität, dass überall gespart werden muss, nur nicht bei einem selbst, funktioniert nicht. Wir leben nicht in einer Blase. Wir brauchen auch zahlendes Publikum. Und wenn das Publikum kein Geld hat, dann spielen wir vor leeren Häusern und sind irgendwann bankrott. Man muss wie in Cleveland Maßnahmen setzen. Eine ist, dass die Gehälter nicht ewig mehr werden können.“

Für die Suche nach einem Salzburger Intendanten wünscht er sich „die Rückkehr zum Grundsätzlichen. Ein Musikfachmann muss her. Das muss kein Operndirektor sein. Ich kenne genügend Operndirektoren, die von Musik nichts verstehen.“ Welser-Möst – er selbst könnte maximal beratend zur Verfügung stehen – verweist auf seine triumphale Premiere von Dvoráks „Rusalka“ bei den vorjährigen Festspielen: Er verantwortete die Besetzung bis zur letzten Nebenrolle selbst und verzichtete auf Mainstream-Stars. „Das ist ja heute der fatale Fehler. Nur die Netrebko einsetzen, damit das Haus voll ist, genügt nicht.“

An der Staatsoper wird er sich nach der ersten Saison im Amt (wir haben in allen Details berichtet) auch Verdi zuwenden: Im zweiten Jahr gibt es unter seiner Stabführung einen neuen italienischen „Don Carlo“, im Verdi- (und Wagner-)Jahr 2013 einen neuen „Rigoletto“. Dass man mit Andrea Breth im Kontakt steht, lässt hoffen. Und zu gewinnen, so sagt er, ist die Partie über das Repertoire, in dem er umfangreich tätig sein wird.

Mit Empörung kommentiert er die Auflösungsdebatte um das ORF-eigene Orchester. „Das ist ein toller Klangkörper und in hohem Maß Teil des Kulturauftrags. Den Mut zu neuen Strukturen muss man immer haben. Aber auflösen und entlassen hat nichts mit neuen Strukturen zu tun.“
Überhaupt: „Im ganzen Land wären Veränderungen nötig. Die Regierung müsste geschlossen auftreten, jeder müsste das Seine beitragen. Das müsste Schlag auf Schlag gehen wie seinerzeit, als unter Kreisky das Land verändert wurde. Aber es bringt nichts, mit populistischen Argumenten erst auf die Lehrer und dann auf den ORF einzudreschen.“ Doch die Zeiten Kreiskys und die Zeiten, da man auf Künstler gehört hat, sind leider schon lange vorbei. Heinz Sichrovsky

Mehr zum Gespräch mit Franz Welser-Möst finden Sie in NEWS 15/2009!