Paris von

Große Sorge vor
der Frankreich-Wahl

Arbeitslosigkeit, hohe Preise und sozialer Abstieg machen den Bürgen zu schaffen

Paris, Frankreich © Bild: iStockphoto.com

Die Stimmung in Frankreich ist schlecht. Dabei ist Paris schön wie eh und je, viele Gebäude sind saniert worden, sogar die Straßen erscheinen sauberer als früher. Die Infrastruktur wurde in den letzten Jahren ausgebaut, etwa durch die starke Erweiterung des Schnellbahnnetzes (RER) im Umland.

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Sogar der bis vor wenigen Jahren unübersehbare Schandfleck am Nordrand der Stadt, die monströse Plattenbauanlage "Cite des 4000" in La Courneuve - Symbol der gescheiterten Sozialpolitik des Landes und im Jahr 2005 Schauplatz des "Kärcher"-Sagers des damaligen Innenministers Nicolas Sarkozy - ist inzwischen zu bedeutenden Teilen dem Abriss zum Opfer gefallen. So weit, so gut.

Paris ist von Armut gezeichnet

Doch ein Spaziergang durch die Stadt in den Wochen vor den Präsidentschaftswahlen offenbart auch anderes: Fast an jeder Straßenecke trifft man auf Obdachlose, die offensichtlich auf den Gehsteigen leben und schlafen, selbst in "guten" Gegenden. "Immer mehr Menschen rutschen in das Prekariat", erklärt der Politologe Thomas Guenole, der an mehreren Pariser Universitäten lehrt. "Das bedeutet, dass sogar schon der Monatsanfang finanziell schwierig ist."

Dazu trägt wohl auch die Arbeitslosigkeit bei, die in Frankreich konstant bei zehn Prozent liegt - knapp über dem EU-Durchschnitt. "Die Arbeitslosigkeit ist das größte Problem", sagt Oualid, Concierge eines kleinen Hotels im Pariser Stadtzentrum. Darin würden ihm viele Experten zustimmen. Als weitere Schwierigkeit sieht er die Zugehörigkeit zur Eurozone: "Der starke Euro schadet unserer Wirtschaft."

»Die Arbeitslosigkeit ist das größte Problem«

Sein Kollege An beklagt vor allem die stark gestiegenen Preise: "Was früher 2000 Franc gekostet hat, kostet nun 2000 Euro." Der Wechselkurs lag bei der Euro-Einführung vor fünfzehn Jahren bei 1:6,5. Der aus Kambodscha stammende Mann um die Fünfzig befürwortet sogar einen Austritt aus der EU: "Die Briten haben es richtig gemacht."

Und für welchen neuen Präsidenten sollte man angesichts solcher Probleme stimmen? Oualid, der sich durchaus für Politik interessiert, verweigert sich der Wahl: "Ich gehe nicht wählen, ich war schon seit zehn Jahren nicht." Bezüglich der Umfragen ist der Mittdreißiger mit algerischem Vater und französischer Mutter skeptisch, vor allem, was eine Favoritenrolle des "neuen" Kandidaten Emmanuel Macron betrifft: "Ich kenne niemanden, der Macron wählt. Das war bei früheren Wahlen anders. Meine Bekannten wählen aber jetzt (den Linkskandidaten Jean-Luc) Melenchon, (die Rechtspopulistin Marine) Le Pen, (den Frexit-Befürworter Francois) Asselineau... Warum sollte denn jemand, den ich kenne, verheimlichen, dass er für Macron ist?"

Franzosen sind politikverdrossen

Auch die Ärztin Müfide, die aus der Türkei stammt und seit 17 Jahren in Frankreich lebt, steht zum "Favoriten" eher auf Distanz: "Macron, das wäre eine Katastrophe ... Man weiß ja gar nicht, wofür er steht, er nimmt sich von allem etwas heraus." Die Rechtspopulistin Le Pen will sie aber auch nicht: "Ich bin französische Staatsbürgerin - so lange, bis Le Pen kommt ..."

Die verbreitete Unzufriedenheit wird auch von den Forschern registriert. "Noch nie in den letzten Jahren war das Vertrauen in die Politik so gering wie heute", sagt der Politologe Bruno Cautres von der angesehenen Pariser Politikwissenschaftshochschule SciencesPo. Nur elf Prozent der Bevölkerung sagten, sie hätten Vertrauen. "Frankreich hat zwar in den vergangenen Jahren zwei Präsidenten mit völlig verschiedenen Stilen gesehen - den 'hyperaktiven' von Nicolas Sarkozy und den 'normalen' von Francois Hollande. Bei diesem hatten man allerdings auch den Eindruck, dass er die ganze Zeit die Ausrichtung seiner Politik sucht. Am Ende sind die gleichen Probleme geblieben."

»Noch nie in den letzten Jahren war das Vertrauen in die Politik so gering wie heute«

Dies zeigt sich auch im Verhältnis zur EU. "Hollandes Europa-Bilanz war gleich null", kritisiert der Journalist Christophe Barbier. "Dadurch hat man den Eindruck gewonnen, als sei Deutschland gleich Europa." Zwar sind die meisten Franzosen weiterhin mehrheitlich pro-europäisch, wie mehrere Experten betonen. Doch unter den heurigen Kandidaten sind besonders viele Europaskeptiker zu finden. "Von den elf Kandidaten sind acht klar europakritisch, und auch (der Sozialist Benoit) Hamon und (der Konservative Francois) Fillon waren früher eher skeptisch und haben etwa gegen den Vertrag von Lissabon votiert", erinnert Barbier. Nur Macron sei eindeutig proeuropäisch eingestellt, sind sich die Beobachter einig.

Aber kann allein durch die Wahl eines Präsidenten überhaupt die Lage des Landes zum Besseren verändert werden? Da ist "das Volk" nicht so überzeugt. Ein Zeitungsverkäufer auf dem Boulevard Saint-Germain sieht es gar apokalyptisch: "Egal, wer gewählt wird - es wird hier alles in die Luft fliegen."

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