FORMAT über die Profiteure des Öl-Rekords:
Shell glaubt nicht mehr an sinkende Preise

Konzern-Mamagement rechnet langfristig mit Engpass Öl-Riese am Weg zu unkonventionelleren Ressourcen

FORMAT über die Profiteure des Öl-Rekords:
Shell glaubt nicht mehr an sinkende Preise © Bild: FORMAT/Shell

Ans Ziel zu gelangen ist oft mit Mühen verbunden. Etwa für den Pulk internationaler Journalisten, die im Londoner Hotel Hilton über die Distanz von wenigen Metern eine Vielzahl von Türstehern passieren mussten, bis sie das Strategietreffen des Energiemultis Shell erreicht hatten.

Oder für den Konzern selbst, der mit immer ausgefeilterer Technik arbeiten muss, um an die verbliebenen Ölreserven des Planeten zu gelangen. Und letztlich für jeden Autofahrer, der immer tiefer in die Tasche greifen muss, um von A nach B zu gelangen.

Raketenhafter Preisanstieg
Entwarnung für Letztere hatte Shell-Chef Jeroen van der Veer jedenfalls keine parat. "Niemand weiß heute, wo der Ölpreis in einer Woche steht - aufgrund der großen Unsicherheiten an den Märkten müssen wir aber mit starken Ausschlägen rechnen", kommentierte van der Veer die zukünftige Wertentwicklung des schwarzen Energieträgers. Was die genauen Gründe für den raketenhaften Preisanstieg betrifft, tappt der Shell-Boss offenbar ebenso im Dunkeln wie das Gros der Marktbeobachter. Die Versorgung mit Öl und Gas sei derzeit schließlich gesichert und dadurch der aktuelle Preis schwer verständlich. Offenbar rechneten Investoren langfristig - vor allem durch das Wirtschaftswachstum Asiens - mit Kapazitätsengpässen.

Nachfrage steigt rapide
Auf mittlere bis lange Sicht rechnet auch das Shell-Management mit Engpässen in der Versorgung und damit steigenden Preisen. Das liegt vor allem an dem von den Vereinten Nationen prognostizierten Bevölkerungswachstum von sechs auf über neun Milliarden Menschen bis zum Jahr 2050. Aktuelle Prognosen von Shell reichen nicht ganz so weit: "Bis 2025 wird die Energienachfrage um 50 Prozent steigen", so van der Veer, "und 80 Prozent werden mit kohlenstoffbasierten Energieträgern, also Gas, Öl und Kohle, gedeckt werden." Nachfragesteigerungen, kombiniert mit hohen Preisen, was könnte es für einen Ölmulti Schöneres geben?

Massive Investitionen
Grund genug jedenfalls, ein milliardenschweres Investitionsprogramm in Gang zu setzen. Im vergangenen Jahr hat der Konzern 1,2 Milliarden Euro in Technologie investiert und damit rund doppelt so viel wie die übrigen globalen Energieriesen. Mit diesem Geld will Shell sein Produktionsportfolio in den nächsten Jahren stark verändern - hin zu unkonventionelleren Ressourcen. Noch stammen über 60 Prozent des gesamten Energiemix aus konventionellen Öl- und Gasquellen und jeweils rund zehn Prozent aus Bohrungen am Meeresboden und aus der Verflüssigung von Erdgas (LNG). Bereits ab 2013 wird der Anteil leicht erreichbarer Quellen nur mehr 30 Prozent betragen, der LNG-Anteil aus Regionen ohne Pipelines ebenso viel. Meeresbohrungen sollen dann immerhin schon ein Fünftel zur Gesamtproduktion beitragen.

Dazu baut der Konzern gerade an der Bohrplattform Perdido, die im Golf von Mexiko das schwarze Gold aus einer Tiefe von knapp drei Kilometern saugen soll. Massiv ausgeweitet werden soll auch die Produktion von GTL, einer Art Diesel, der aus Erdgas gewonnen wird (siehe Kasten). Noch spielt dieser Treibstoff im Produktmix des Konzerns keine Rolle, in fünf Jahren soll er zehn Prozent beitragen.

Wenig Grünes
Auch wenn sich der Shell-Vorstand gerne grün gibt ("Erneuerbare Energie wird langfristig eine Rolle spielen"), an den aktuellen Investitionen ist davon wenig zu sehen. Ausnahme: Biokraftstoffe der zweiten Generation, die nicht aus Essbarem, sondern aus Abfällen gewonnen werden. Große Hoffnungen setzt der Konzern auch auf Kraftstoffe, die aus Algen gewonnen werden.

Noch aber boomen die konventionellen Energien, und mit ihnen ihr Preis. Das mache sich auch in seinem Alltag bemerkbar, so Shell-Chef van der Veer: "Am Wochenende nehme ich lieber das Fahrrad."

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