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Helfen? - "Gefällt mir!"

Auf Facebook & Co. wird viel Mitgefühl gezeigt. Doch die Medaille hat zwei Seiten.

Flüchtlinge am Wiener Westbahnhof © Bild: APA/Herbert Pfarrhofer

Freiwillige Österreicher verteilen Essen, Decken und Trost an Flüchtlinge. Twitter und Facebook quellen über vor Engagement und Mitgefühl. Doch das ist nur ein Teil der Realität.

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Während Tausende Flüchtlinge Österreich durchqueren und Hunderte Berufstätige, Ärzte und Pensionisten in ihrer Freizeit übersetzen, Spenden schlichten und Essenspakete verteilen, applaudiert die ganze Welt der österreichischen Hilfsbereitschaft: Die "New York Times" berichtete darüber, das "Wall Street Journal", die "Bangkok Post" und die "Hindustan Times". Dass der symbolische Fokus in der Flüchtlingsdebatte derzeit auf Syrern liegt, von denen die wenigsten in Österreich bleiben werden, wird in der kollektiven Empathie des Moments zur Nebensache. "Ich habe das Gefühl, dass Gesten der Menschlichkeit sich gegen Xenophobie durchsetzen", schrieb Melissa Fleming, die Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks auf Twitter.

»Der Faktor Selbstdarstellung ist nicht zu vernachlässigen.«

Es sind große Worte und große Gefühle, die in diesen Tagen auf Twitter und Facebook geteilt werden. Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien, sagt: "Es ist beeindruckend, wie über soziale Medien solche Orte der Menschlichkeit entstehen können." Nach Online-Aufrufen werden die Sachspendenlager innerhalb kürzester Zeit gefüllt. Über ein Kalender-Tool organisieren die Freiwilligen ihren Einsatz. Für die Social-Media-Expertin Sabine Hoffmann erfüllen Facebook und Twitter noch eine weitere Funktion: "Der Faktor Selbstdarstellung ist nicht zu vernachlässigen. Ein Posting, das zeigt: 'Schaut her, ich helfe auch mit!', ist ein Garant für Social-Media-Präsenz."

News-Kolumnist Harald Katzmair warnt hingegen davor, die Bedeutung von sozialen Netzwerken für das ehrenamtliche Engagement zu überschätzen. "Der Grund, dass die spontane Hilfe so gut funktioniert hat, war die Professionalität von starken zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der Caritas und dem Roten Kreuz", sagt der Soziologe und Netzwerkforscher. "Dort konnten die Freiwilligen andocken."

Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Österreich
© APA/Roland Schlager

Auf eine Tücke von Social Media macht Katzmair aufmerksam: "Die sozialen Medien neigen zu Blasenbildung. Wir glauben, dass die ganze Welt berührt ist, und merken dabei nicht, dass es eigentlich nur uns berührt." Facebook zeigt einem verstärkt Postings von Leuten, deren Meinung man schon einmal geteilt hat.

Während die einen ihre bewegenden Begegnungen am Westbahnhof dokumentierten, äußerten andere eine gegenteilige Ansicht: "Das wird für Österreich nicht gut enden!", schrieb die Floridsdorferin Sonja P. auf Facebook. "Wir werden überschwemmt und keiner macht was. Meine armen Kinder!" Und Harry S., der selbst am Westbahnhof vorbeischaute, stellte die provokanten Fragen: "Warum schaut es am Bahnhof aus wie in einem Saustall? Warum werfen viele die Verpackungen von geschenkten Lebensmitteln auf Gleise und Bahnsteig? Wo ist die Wertschätzung für alles, was in Österreich getan wird???" Sein Beitrag wurde bis Redaktionsschluss über 20.000-mal geteilt.

»Die Brandbeschleunigung von Social Media funktioniert in beide Richtungen.«

Genauso schnell, wie sich die Bilder von Flüchtlingsfamilien am Westbahnhof in der einen Social-Media-Blase verbreiteten, machte in einer anderen ein Foto von einem angeblichen IS-Kämpfer, der nun als Flüchtling in Europa lebt, die Runde. Der Zusammenhang wurde widerlegt, doch die Botschaft war draußen. "Die Brandbeschleunigung von Social Media funktioniert in beide Richtungen", sagt Katzmair. Auch Klaus Schwertner räumt ein, dass soziale Medien auch unangenehm sein können. Ein Bild von gespendeten Brotkisten, die, um sie vor einem Regenguss zu schützen, kurzfristig vor Mülltonnen zwischengelagert wurden, sorgte auf Facebook für Empörung. "Trotzdem", sagt Schwertner, "die Vorteile überwiegen. Heute werden wir nicht mehr gefragt, ob man helfen kann, sondern wie."

Was wird bleiben, wenn der Ausnahmezustand einmal vorbei ist? "Die Gewissheit, dass wir als Bürger öffentlichkeitswirksam aktiv werden können, ohne auf die Politik warten zu müssen", sagt Sabine Hoffmann. Sie glaubt, dass die Hilfsbereitschaft nicht abreißen wird: "Erst durch Social Media wird das Thema konkret: Menschen transportieren es nahe und emotional, mit eigenem Namen und persönlichen Motiven."

Kinder spielen in der "Kids Corner" am Wiener Westbahnhof am Freitag, 11. September 2015
© APA/ROLAND SCHLAGER

Harald Katzmair ist skeptischer: "Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass die ganze Gesellschaft von der Hilfswelle erfasst ist." Aber unter jenen, die selbst aktiv wurden, hält er das Engagement für nachhaltig: "Für die Helfer selbst wurde aus einem jahrelangen Gefühl der Ohnmacht die heilsame Erfahrung des Handelns." Deshalb wird weiter geholfen. Und weiter darüber gepostet.