Floyd Landis gewinnt Tour de France 2006: Amerikaner schlägt Pereiro um 57 Sekunden

Norweger Hushovd holt sich letzte Etappe in Paris Achter Top-Ten-Platz für Eisel zum Abschluss

Floyd Landis hat am Sonntag die Tour de France als dritter US-Amerikaner auf Platz eins der Gesamtwertung beendet. Nach Greg LeMond (1986, 1989, 1990), der nach lebensgefährlichen Verletzungen von einem Jagdunfall seine Toursiege Nummer zwei und drei feierte, und dem ehemaligen Krebspatienten Lance Armstrong (1999-2005) trug sich Landis in die Siegerliste ein, der in wenigen Wochen ein künstliches Hüftgelenk bekommt. Ihrer Top-Favoriten beraubt, verlief die 93. Auflage enorm spannend und bekam den Beinamen "verrückte Tour".

Bernhard Eisel belegte in dem von Thor Hushovd gewonnenen Massensprint des 20. und letzten Abschnitts von Sceaux-Antony nach Paris den siebenten Rang, Peter Wrolich landete an der zehnten Stelle. Hushovd, der schon den Prolog für sich entscheiden hatte, setzte sich vor dem dreifachen Etappensieger Robbie McEwen (AUS) durch.

Nach Prolog und 20 Etappen, insgesamt 3.657 Kilometern, hatte Phonak-Profi Landis 57 Sekunden Vorsprung auf seinen spanischen Ex-Teamkollegen Oscar Pereiro und 1:29 Minuten auf den Deutschen Andreas Klöden. Anders als in den vergangenen Jahren war es diesmal möglich, trotz eines schwarzen Tages in Paris auf dem Podest ganz oben zu stehen und die Siegesprämie von 450.000 Euro für die Team-Kassa einzufahren.

Zehn Führungswechsel, sieben Fahrer im Gelben Trikot
Mit zehn Führungswechseln und sieben verschiedenen Fahrern im Gelben Trikot bot die Tour viel Abwechslung. Nachdem am Tag vor dem Beginn die Top-Favoriten Ivan Basso und Jan Ullrich wegen abgeblicher Verwicklung in den spanischen Dopingskandal ebenso wie Francisco Mancebo von ihren Teams zurückgezogen worden waren und Alexander Winokurow keine Mannschaft mehr zur Verfügung hatte, wurde Landis der ihm zugedachten Rolle gerecht.

Fuhr er anfangs eher zurückhaltend, so machte der 30-Jährige auf der letzten Bergetappe aus der Not eine Tugend, kletterte auf Alles oder Nichts. Im Stile eines großen Champions reduzierte er den am Vortag durch einen Hunger-Ast eingehandelten Rückstand auf ein Minimum und kletterte solo zurück in die Position des Top-Favoriten.

Ob Landis so wie seine Landsmänner zum Mehrfach-Gewinner avanciert, steht in den Sternen. Ein Toursieger mit künstlichem Hüftgelenk wäre jedenfalls eine weitere "verrückte" Geschichte.

Top-3-Platz für Österreicher außer Recihweite
Für die Österreicher verlief die 93. Auflage zweispältig. Ein Top-3-Platz, wie ihn 2005 Georg Totschnig (1.), Peter Wrolich (2.) und Bernhard Eisel (3.) geschafft hatten, war diesmal außer Reichweite. Sprinter Eisel platzierte sich achtmal unter den ersten Zehn, er erhoffte Platz an der Sonne blieb dem 25-jährigen Steirer aber versagt. Ein vierter Rang war das Maximum für den Steirer.

Georg Totschnig, der sich nach optimaler Vorbereitung eine Top-5-Platzierung in der Gesamtwertung zum Ziel gesetzt hatte, musste in den Alpen vor einer Bronchitis kapitulieren. Nachdem er schon in den Pyrenäen den Anschluss an die Besten verloren hatte, fuhr der Etappensieger des Vorjahres frustriert mit den Sprintern über die Pässe.

Vor dem letzten Abschnitt nach Morzine war wenigstens der Grund der Schwäche klar: Tagelang wollte der Gerolsteiner-Profi die Signale wie kratzender Hals und Atemprobleme nicht wahrhaben, die Diagnose brachte Gewissheit.

Totschnig "maßlos enttäuscht"
"Ich bin maßlos enttäuscht. Mein Traum ist geplatzt", schrieb Totschnig auf seiner Homepage (www.totschnig.cc). "Aber wenn man nicht hundertprozentig fit ist, hat man bei der Tour keine Chance." Der Tiroler musste Antibiotika nehmen, wollte aber in seiner vielleicht letzten Tour dennoch unbedingt nach Paris.

Daheim im Zillertal wird der dreifache Vater in nächster Zeit gemeinsam mit Gattin Michaela über seine Zukunft entscheiden. Die lange Abwesenheit von zu Hause fällt Totschnig immer schwerer, anderseits gibt es neben Gerolsteiner zumindest zwei Interessenten, die dem heuer unter Wert geschlagenen Kletter-Spezialisten einen Vertrag angeboten haben.

Totschnigs Helfer und Zimmerkollege Peter Wrolich erkrankte schon nach einer Woche an Bronchitis, erhielt ein Einzelzimmer, wollte aber unbedingt nach Paris. "Eigentlich ist es nicht vernünftig, sich so durchzukämpfen, aber bei der Tour gibt man nicht so schnell auf", meinte der Kärntner nach seiner dritten Teilnahme, der er mit zwei Top-Ten-Rang beendete.

20. Etappe von Antony nach Paris, 152 km:
1. Thor Hushovd (NOR/Credit Agricole) 3:56:52 Stunden
2. Robbie McEwen (AUS/Davitamon)
3. Stuart O'Grady (AUS/Team CSC)
4. Erik Zabel (GER/Milram)
5. Luca Paolini (ITA/Liquigas)
6. Samuel Dumoulin (FRA/AG2R)
7. Bernhard Eisel (AUT/Francaise des Jeux)
8. Anthony Geslin (FRA/Bouygues Telecom)
9. Alessandro Ballan (ITA/Lampre)
10. Peter Wrolich (AUT/Gerolsteiner) alle gleiche Zeit
Weiter:
22. Oscar Pereiro (ESP/Caisse d'Epargne) +0:06 Minuten
40. Georg Totschnig (AUT/Gerolsteiner) 0:08
69. Floyd Landis (USA/Phonak) gleiche Zeit

(apa/red)