Finanzkrise beschert uns magere Zeiten:
Abschwung kostet Österreicher 1.230 Euro

FORMAT: Die Mittelklasse muss die Zeche zahlen PLUS: 20 Tipps, wie die Krise stilvoll zu meistern ist

Finanzkrise beschert uns magere Zeiten:
Abschwung kostet Österreicher 1.230 Euro

Fiona Swarovski hat ein Gespür für Trends. „Wir leben zurzeit in einer Weltwirtschaftskrise, und es ist viel ernster, als wir alle denken“, sagte sie bereits Mitte September. Und schon damals war die Society-Lady nicht um Lösungsvorschläge verlegen: „Wenn man Platz auf der Terrasse hat, sollte man dort Salat und Tomaten wachsen lassen.“ Mittlerweile ist die Krise von den Banken zu den Unternehmen übergeschwappt. Der Währungsfonds hat seine Wachstumsprognosen erneut deutlich nach unten revidiert; Österreichs Wirtschaft wird laut Wifo 2009 nur noch um 0,9 Prozent wachsen.

IHS-Chef Bernhard Felderer kann angesichts der nicht so üblen Konjunkturdaten zwar die Panik nicht verstehen, weiß aber: „Wir schließen in Europa bei jeder Krise schlechter ab als die USA“ – und die stecken bereits in der Rezession. Nun gehen auch in Österreich die ersten Jobs verloren, und die in Aktien angelegten Erparnisse und Pensionsfonds schmelzen wie Schnee in der Sonne. Die Mittelklasse beginnt, ihren Lebensstil zu überdenken: Recession Lifestyle ist angesagt. Protzen wird anrüchig, sparen ist wieder cool.

Was uns die Krise kostet
Wie viel die Finanzkrise jeden österreichischen Steuerzahler kosten wird, ist noch kaum abzusehen. Einen Anhaltspunkt bietet Österreichs kolportierter Beitrag zum gescheiterten EU-Rettungsfonds: Der wäre bei zehn Milliarden Euro gelegen – fünfmal so viel wie die Lohnsteuerentlastung, die für 2010 geplant war. Genauere Zahlen liefert ein Blick nach Schweden: Dort crashten die Banken schon in den 1990er-Jahren, der Staat musste als Retter einspringen – mit Garantien und Kapital.

Doch das blau-gelbe Rettungsmodell hatte seinen Preis: Rund zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts kostete allein die Rettungsaktion. Dazu kam, dass in den folgenden drei Jahren die Wirtschaft um fünf Prozent schrumpfte. Die Staatsschulden verdoppelten sich binnen vier Jahren, was die schwedische Währung unter Druck brachte. Um das Defizit auszugleichen, wurde vor allem im Sozialsystem gekürzt. Legt man die Erfahrungen, die Schweden machte, auf Österreich um, heißt das, dass man als direkte Kosten bei einer Bankenkrise wohl mit rund 5,4 Milliarden Euro rechnen muss: so viel wie knapp 50 Abfangjäger, zwei Steuerreformen, wie sie für 2010 geplant wären, oder ein Koralmtunnel – oder 1.230 Euro für jeden Erwerbstätigen. Zu diesen direkten Kosten kommen schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt, weniger Sozialleistungen, höhere Staatsschulden – und Verluste an der Börse, bei Betriebspensionen und privater Pensionsvorsorge.

Vorsicht beim Einkauf
Selbst vergeistigte Feuilletonleser und hartgesottene Chronik-Fans blättern daher derzeit morgens als Erstes besorgt den Wirtschaftsteil durch und überdenken größere Anschaffungen besonders genau. „Bei vielen schlechten Nachrichten stellt sich im Kopf etwas um, und die Leute gehen lieber auf Nummer sicher und reduzieren den Konsum“, sagt Michael Oberweger vom Wiener Consultingunternehmen RegioPlan. Die Wirtschaftsforscher von Wifo und IHS prognostizieren zwar derzeit für Österreich noch keinen Rückgang im Konsum. Doch ein Blick auf Länder, die die Krise schon getroffen hat – wie Irland, Großbritannien oder Spanien –, zeigt: Es wird weniger eingekauft und mehr gespart.

Das Motto lautet derzeit: „Jetzt bin ich endlich vernünftig“, erklärt Peter Zellmann, Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung. „Die Lebensstile verändern sich nicht so schnell, wie das die derzeitige Panik vermuten lässt. Allerdings werden Ausgaben, bei denen man sich nicht ganz sicher ist, eher auf die lange Bank geschoben. Für den Einzelnen ist das gar keine so große Einbuße, weil er sich ohnehin längst einschränken wollte.“ Und so verzichtet der eine auf die Jahreskarte vom Fitnesscenter, die er ohnehin nicht ganz ausnützte, der andere auf den Opernbesuch, der ihm ohnehin ein bisschen lästig war. „Dadurch gibt es nicht nur einen speziellen Bereich, wo gespart wird“, sagt Zellmann: „Es trifft alle.“

Rezessions-Diät
Am stärksten gespart wird zunächst beim täglichen Einkauf – bei Lebensmitteln, die durch die Inflation ohnehin schwerer leistbar geworden sind. In den Supermärkten, berichten Händler, werde wieder häufiger zu Toastschinken als zu Beinschinken, zu Margarine als zu Butter gegriffen. In den USA, wo die Krise schon angekommen ist, wird sogar schon mehr Tierfutter in Dosen verkauft – ein Zeichen dafür, dass es für den menschlichen Konsum verwendet wird. „Es ist noch nicht so weit, dass die Masse Hundefutter in ihr Essen mischt“, sagt Burt Flickinger, US-Handels-Consultant, „aber wir bewegen uns mit Sicherheit in diese Richtung.“ Man muss aber nicht leiden, um zu sparen: Genussvoll durch die Krise kommt man etwa mit Eigenmarken, die derzeit starke Zuwächse verzeichnen. FORMAT-Gastrokritiker Herbert Hacker etwa empfiehlt uneingeschränkt die Biolinie der Hofer-Discounter und kann in Supermärkten sehr gute Weine finden: „Das Paradebeispiel ist derzeit die ‚Flat Lake‘-Weinline von Leo Hillinger, die bei Hofer erhältlich ist.“

Bei Einladungen erlebt das gemütliche Zusammensitzen zuhause ein Revival (Einladungen in teure Restaurants könnten Sie wie einen Hedgefondsmanager wirken lassen, und die sind derzeit nicht sehr angesehen). Wie das selbst gekochte Menü auch für die Geldbörse bekömmlich wird, zeigt das derzeit auf Amazon meistverkaufte Kochbuch: „Cooking for Victory“ wurde für die bittere Armut der 1940er geschrieben und verkauft sich derzeit besser als Jamie Oliver. Die österreichische Variante findet man in „Haubenküche zum Beisl-Preis“: Spitzenköche haben darin zugunsten des Wiener Obdachlosenvereins Neunerhaus Spitzenmenüs für fünf Euro zusammengestellt.

Billigprodukte als Statussymbole
„Die Zahl der Leute, die sich vor allem über ihren Konsum definieren, geht zurück“, sagt Stefan Höffinger, Managing Director von Arthur D. Little Austria. Smart zu sein sei viel wichtiger als mit Geld um sich zu werfen. Und so mancher stellt dieser Monate mit Freude fest, dass Augenfaltencremen um 14,90 Euro den gleichen Effekt haben wie die um 45 Euro, oder erklärt im Bekanntenkreis die Vorzüge von Billigzigaretten. „Die Preissensibilität ist gestiegen“, sagt Höffinger. In Spanien, wo die Wirtschaftskrise schon im Frühjahr startete, geben in einer Umfrage der Tages- zeitung „El País“ 66 Prozent an, wegen der Krise weniger und billiger einzukaufen. Im Frühsommer, als die Krise richtig eingeschlagen hatte, machte gar das „umgekehrte Einkaufen“ Furore: Anstatt sich mit Sommerkleidern einzudecken, brachten die Spanier plötzlich massenhaft vor Wochen gekaufte Kleidung zurück – gegen Bares. Mehrere große Textilketten mussten darauf- hin ihre Praxis, Kleider zurückzunehmen, überdenken – und tauschen nur mehr um. Auch in Österreich erwartet der Textilhandel nach Rekordzuwächsen im vergangenen Jahr nun einen Rückgang. Erstes sichtbares Zeichen: das Ende der Modekette Schöps. Irmie Schüch-Schamburek, Trend- und Style-Expertin, empfiehlt als Maßnahme gegen die Flaute „personalized styling“: „Man kann Billigteile vom Diskonter oder ausrangierte Stücke aus den Tiefen des Kleiderschranks vom Schneider aufmotzen lassen – oder selber neu gestalten.“

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