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Puppen im Kerker der Welt

Über Beethovens „Fidelio“ bei den Wiener Festwochen im Theater an der Wien

FIDELIO © Bild: APA/MONIKA RITTERSHAUS

Nach zwei Jahrhunderten mehr oder weniger glanzvoller Aufführungsgeschichte von Beethovens „Fidelio“ gelangten einige vorwiegend deutschsprachige Kritiker zu der Übereinkunft, das Werk sei „schwierig“. Das war vorher niemandem aufgefallen: Die nicht überragenden, aber auch sehr kurzen Prosa-Passagen brachte man mit möglichstem Anstand hinter sich und konzentrierte sich auf das apotheotische Musikwerk mit der zeitlos utopischen Ansage, dass Liebe und Solidarität stärker sein können als diktatorische Willkür.

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Seit einigen Jahren aber ist kein Halten mehr, was den Umgang mit Beethovens einziger Oper betrifft. Zweimal wurden gar die Dialoge gestrichen, doch die Folgen waren unerfreulich. Nun zeigen die Wiener Festwochen im Theater an der Wien den radikalsten und zugleich authentischesten „Fidelio“ seit Jahrzehnten. Der Regisseur und Bühnenbildner Achim Freyer, spät für einen säumigen russischen Regiekünstler eingesprungen, entwickelt das Werk ganz aus der Musik und dem kulturgeschichtlichen Kontext. Die Szene wird von einem bühnenhohen schwarzen Käfig aus Stangen und Rohren eingenommen. Hier findet das surreale Kasperltheater namens Welt statt. Ganz oben haust der Teufel in der Gestalt des Gefängnisgouverneurs Pizarro. Ganz unten ragt der aufgespannte, gemarterte Oberkörper des gefangenen Florestan aus dem Bühnenboden. In der Mitte kämpfen die übrigen handelnden Personen um ihr persönliches Glück. Alle sind zur Unkenntlichkeit maskiert, die Szene zwischen Marzelline und Jacquino kommt tatsächlich aus der Buffo-Tradition. Aber wenn die vom Leben und der Gesellschaft Entstellten in Augenblicken der Wahrheit die Vermummung ablegen, sind das große, von der Musik befeuerte und die Musik verstärkende Schlüsselmomente.

Dass der Humanitätssalbaderei des zum Finale die Verhältnisse ordnenden Ministers nicht zu trauen ist, haben schon viele Regisseure bemerkt. Freyer konstruiert einen mit amerikanisch-sowjetischen Requisiten behängten Popanz: Die Zeit des beiderseits für sich reklamierten Fortschritts hat begonnen, die ersten Flugzeuge steigen auf. Bis ihrer zwei in die Twin Towers donnern und das Dunkel wieder über die Welt zusammenschlägt, wie es heute zu erleben ist. Freyer thematisiert hier auch die Ideale der Spätaufklärung, die selbst im reaktionären Österreich des 19. Jahrhunderts nie ganz aufgegeben wurden, aber über mindestens 150 Jahre nur kurze Lichtblicke zeitigten.

Das Zentrum des Gelingens dieser umfassend interessanten und animierenden Aufführung ist das Orchester „Musiciens du Louvre“ unter seinem Chef Marc Minkowski. Der Maestro legt schnelle, zu Beginn des Schlussbildes zu rasender Erregung gesteigerte Tempi vor. Andererseits wurde der Strom der Gefangenen aus den unterirdischen Kerkern selten aus so tiefem Dunkel entwickelt. Dass sich die beiden glänzenden Naturhornisten über die schon für ein gebräuchliches Instrument unspielbare Begleitung zur Leonoren-Arie wagen, wäre schon als Faktum den Maria-Theresien-Orden wert. Bewundernswert auch der Schönberg-Chor, der neben vokaler auch gestalterische Meisterschaft mobilisieren kann.

Die Besetzung ist von schwankender Qualität. Christiane Libor ist ein vokales Schlachtross von Leonore, emotional, mit prächtigen Spitzentönen. Nur Experimente im Piano sollte sie sich besser versagen. Jewgeni Nikitins Pizarro wirkt bei aller Stimmgewalt ein wenig angestrengt, Franz Hawlatas Rocco hat schon bessere Zeiten gesehen, Julien Behr ist ein geschmeidiger Jacquino. Die besten Leistungen erbringen Georg Nigl als interessant timbrierter Minister, Ileana Tonca als Marzelline und an erster Stelle Michael König, der einen vokal sensationellen Florestan vorlegt. Ausnahmslos bewundernswert sind auch die hier sehr geforderten Gestalter der stummen Rollen.

Die akklamierte Produktion zeigt etwas Grundsätzliches: dass man mit Musiksinn, historischer Bildung und ästhetischer Kompetenz sehr weit gehen kann und doch nie zu weit gehen wird.

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