"Die meisten Pferde
wären schon im Semmerl"

Unnötige Tierquälerei oder unbedenkliche Tradition?

Sollen Fiaker verboten werden? Ein Frage, die heftige Emotionen auslöst. Sowohl auf Seiten der Tierschützer als auch auf Seiten der Kutschenfahrer. Und das, obwohl alle eigentlich nur das Beste für die Pferde wollen.

von Fiaker - "Die meisten Pferde
wären schon im Semmerl" © Bild: AFP

"Sollten Fiaker in Wien verboten werden?" Eine Frage, die wir auch unseren Usern auf Facebook stellten. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten.

180.000 haben die Umfrage gesehen, fast 3.000 daran teilgenommen. 2.250 User stimmten für "Ja, das ist Tierquälerei", lediglich 157 für "Nein, das ist gute, alte Tradition". Auch die Kommentare reichten von "Fiaker gehören einfach zu Wien" bis zu "Pferde haben nichts im Verkehr und Lärm zu suchen. Tradition ist nicht immer was Gutes ...".

368 Kutschenpferde gibt es in Wien. Eine mit Jahresbeginn in Kraft getretene Gesetzesnovelle soll ihnen das Leben erleichtern. So dürfen sie ab einer Temperatur von 35 Grad Celsius nicht mehr arbeiten. 18 Tage im Monat darf ein Gespann ausfahren. Und das nur noch zwischen 11.00 und 22.00 Uhr. Zwei Ruhetage pro Woche muss der Fahrer den Pferden gönnen. Außerdem hat er dafür zu sorgen, dass die Tiere in ihrer Freizeit ordentlich Auslauf bekommen. Diese Gesetzesnovelle lässt aber weder Fahrer noch Tierschützer zufrieden zurück, wie die News-Redakteurin Susanne Zobl in ihrer Kolumne bereits feststellte.

»Pferde haben in der Stadt nichts verloren«

Tierschutzorganisationen wie der Verein gegen Tierfabriken (VGT) kritisieren nach wie vor die Bedingungen, unter denen Fiakerpferde eingesetzt werden, und fordern ein striktes Verbot. In einer Aussendung spricht der VGT von Tierquälerei: "Pferde sind Fluchttiere und müssen dabei mitten in der Stadt unter Lärm und Abgasen auf hartem Asphalt täglich ihre Runden fahren. Die Unterbringung in den Stallungen bedeutet meist reine Boxenhaltung ohne jeglichen Auslauf, oft unter fürchterlichen Bedingungen."

Auch dass die Tiere erst ab 35 Grad hitzefrei bekommen, geht ihnen nicht weit genug. Die Belastung sei ab 30 Grad bereits sehr hoch. In der freien Natur könnten sich die Tiere in einen kühleren, schattigeren Bereich zurückziehen, das sei in der Stadt nicht möglich. "Pferde haben in der Stadt einfach nichts verloren", so der VGT.

Aufgeheizte Stimmung am Stephansplatz

Ein Lokalaugenschein am Stephansplatz zeigt: Auch die Fiaker sind unzufrieden. Die Stimmung ist aufgeheizt. Auf die Frage, wie sie denn zu der Gesetznovelle stehen würden, folgt erst einmal langes Schweigen. Dann Augenrollen und Stöhnen. "Jetzt sag halt ehrlich wie du’s findest", fordert ein Kutschenfahrer seinen Kollegen auf. "Pferde sind Steppentiere. Die Hitze macht ihnen nichts aus", antwortet dieser – wahrscheinlich nicht zum ersten Mal. Dass erst am Vormittag ausgefahren werden darf, sei das wahre Problem. Er würde sich zwei zusätzliche Stunden in der Früh wünschen. Dann wäre es auch in Ordnung, wegen der Hitze früher aufzuhören.

Vorwürfe dementiert

Die Vorwürfe vom VGT dementiert er. Weder würde das Laufen am Asphalt den Gelenken schaden noch seien die Pferde nicht gut untergebracht. "Ich habe einem Tierschützer sogar meine Visitenkarte gegeben. Ihn eingeladen, uns im Stall besuchen zu kommen und sich zu überzeugen, dass es den Pferden gut bei uns geht. Das wollte er nicht", erklärt er. Und weiter: "Ich finde es ja gut, dass sie auf die Tiere schauen, aber sie müssen schon auch neutral bleiben und keine Lügen verbreiten." Dass Pferde beispielsweise in Kellern gehalten werden, sei reine Propaganda, die vom Rathaus "von ganz oben" komme, erklärt ein anderer. Dieser hat aus Frust mittlerweile seine eigene Partei gegründet.

»Für mich sind die Pferde, die ich fahre, meine Familie«

Die Bedingungen seien mehr als in Ordnung, meint ein Kutschenfahrer. Von den zwölf Pferden im Stall sind gerade einmal vier im Einsatz. Das heißt, jedes Pferd muss nur noch jeden dritten Tag arbeiten. Da das Kapital eines Unternehmens die Tiere sind, sei es nur in seinem Sinne, dass es diesen gut geht. "Für mich sind die Pferde, die ich fahre, meine Familie. Ich verbringe mehr Zeit mit ihnen als mit meiner Frau und meinen Kindern", erklärt er, während er mit seiner Hand über das schwarze Fell des Pferdes streift. Ein ehemaliger Traber. Als es beim Rennen nicht mehr punkten konnte, rettete es der Fiaker vor dem Fleischhacker. "80 Prozent der Pferde hier wären schon in der Semmel", sagt er.

Scheuklappen ablegen

Die Frage, ob es sich bei Fiakern um Tradition oder Tierquälerei handelt, ist offenbar noch nicht geklärt. Kutscher wie auch für die Tierschützer sollten jedoch ihre "Scheuklappen" ablegen und beginnen, der jeweils anderen Partei zuhören. So schlägt der VGT beispielsweise als Kompromisslösung die Auslagerung des Fiakerbetriebs in Parkanlagen wie Schönbrunn oder Prater vor. Das käme ihrer natürlichen Umgebung zumindest näher als der Stephansplatz.