Leben von

Heiner Müllers fliegender Zirkus

Das Schauspielhaus gastiert mit dem Revolutionsstück "Der Auftrag" bei den Wiener Festwochen im Theater an der Wien

Leben - Heiner Müllers fliegender Zirkus © Bild: Katrin Ribbe

Der Clou der Aufführung ist die Stimme des Autors. Heiner Müller hat ein Jahr nach dessen Fertigstellung eines seiner wichtigsten Stücke, „Der Auftrag“ auf Tonband aufgenommen. Den Regisseuren Tom Kühnel und Jürgen Kuttner dient sie als Tonspur. Corinna Harfouch hat als Weiß-Clown ein starkes Solo.

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Der Untertitel „Erinnerung an eine Revolution“ ist für Tom Kühnel und Jürgen Kuttner Programm. Heiner Müller erzählt die Geschichte von drei Abgesandten der Französischen Revolution, die in Jamaika einen Sklavenaufstand initiieren sollen. Während sie in der Karibik an ihrer Mission scheitern – zwei von ihnen kommen zu Tode, einer wird Sklavenhalter –, übernimmt Napoleon die Macht in Frankreich. Die Revolution verkommt zur Erinnerung. Die schwarze Bühne (Jo Schramm und Anna Sörensen) wird links und rechts vom Bausch eines roten Vorhangs flankiert. In Goldlettern prangen darüber die Schlagwörter der französischen Revolution: „Liberté – Egalité – Fraternité“. Die Darsteller der Figuren Debuisson, Galloudec und Sasportas agieren rasant, präzise in Clown-Kostümen und bewegen den Mund zu Heiner Müllers Stimme, die vom Tonband eine Aufnahme aus dem Jahr 1980 eingespielt wird. Die Formation, „Die Tentakel von Delphi“, spielt die Begleitmusik, nimmt aber nichts von der Ausdruckskraft, die von Müllers Stimme vom Band ausgeht. Wie der Autor seinen Text monoton, neutral, vorträgt, während das Geschehen wie in Zirkus-Nummern abgespielt wird, lässt erschauern. Szenenwechsel. Zeit für den Rückblick in die Geschichte. Danton und Robespierre den Boxring. Das zeigen Puppenspieler, die per Live-Kamera übertragen werden. Der Zirkus war einmal. Jetzt ist Kino. Es geht um die jüngste Vergangenheit und die Gegenwart. Karl Marx, Rosa Luxemburg, Stalin und Che Guevara treten auf, bewegen ihre Münder, während Heiner Müller vom Band weiterliest.

Starkes Solo für Harfouch

Als Einsprengsel, gleichsam als Einspielung der Gegenwart, hat Müller einen surrealen Text über einen Mann in einem Aufzug geschrieben, der zu seinem Chef will, aber nie in dessen Büro ankommt, sondern auf einer Landstraße in Peru. Den spricht Corinna Harfouch. Wenn sie den auf der schwarzen Bühne als Weiß-Clown mit beklemmender Zurückhaltung rezitiert, wird das Visionäre Müllers begreifbar. Wie die Regie mit Versatzstücken aus „Von Winde verweht“, „Rocky“ und „Monty Pythons Flying Circus“ um Verdeutlichung ringt, mutet wie eine Seminararbeit engagierter Germanisten an, die sich am Theater versuchen. Das heißt aber nicht, dass sie nicht gefällt.

© Katrin Ribbe

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