Leben von

Festspielwürdiger Abschied

Das Konzertprojekt „Wehe den eiskalten Ungeheuern“ der Wiener Festwochen im Konzerthaus

Markus Hinterhäuser © Bild: Martin Vukovits

Der Titel war Programm: An zwei Abenden und in vier Konzerten mahnten Werke des 20. Jahrhunderts gegen das Vergessen der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte und der Gegenwart. Markus Hinterhäuser nahm von seiner Intendanz der Wiener Festwochen im Rahmen des Konzertprojekts „Wehe den eiskalten Ungeheuern“ am Klavier mit Gustav Mahlers nämlichem Lied „Abschied“. Matthias Goerne sang. Mit exzellenten Solisten, wie der russischen Geigerin Katja Kopatchinskaja und dem Pianisten Igor Levit, machten sie die Abende zum Ereignis.

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Der italienische Komponist Luigi Nono stand mit seinem Werk „Guai ai gelidi mostri“ („Wehe den eiskalten Ungeheuern“) Pate für die Konzertreihe. Der Philosoph und ehemalige Bürgermeister Venedigs verfasste den Text. Darin nennt er den „Staat, das kälteste aller Ungeheuer“. Das Klangforum Wien webte mit dem Dirigenten Bas Wiegers überwältigende Klangflächen. Nora Frenkel und Susanne Otto übernahmen den Gesang. Wie sich dieses Werk an die dämonischen Klänge des einleitenden „Concerto funebre des Münchners Karl Amadeus Hartmanns fügte, zeugt von einer feinsinnigen Programmierung. Violinvirtuosin Katja Kopatchinskaja brachte den Solopart neben dem begleitenden Klangforum zur eindrucksvollen Entfaltung. Das 1939 komponierte Werk schlug einen Bogen zur ersten Oper, die bei diesen Wiener Festwochen aufgeführt wurde: „Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg. Der polnische Komponist hatte den autobiographischen Roman von Zofia Posmysz vertont. Erzählt wird darin die Geschichte einer Überlebenden aus Auschwitz.

Exil und Abschied

Wie ein Faden zieht sich die Geschichte der Verfolgten durch das Programm der Festwochen und dessen Binnenprogramm. Arnold Schönbergs Vertonung von Lord Byrons „Ode to Napoleon“ mag auf den ersten Blick wie ein Fremdkörper gewirkt haben. Doch bald wird klar, weshalb das genau an dieser Stelle gespielt wird. Es geht um Nationalismus, Führerverehrung und dessen Ende im Exil. Schauspielerin Sunnyi Melles trug Byrons Text auf Englisch vor. Wie sich die zarte, aber dennoch feste Stimme gegen die harten Töne, die ihr das Klangforum entgegenschmetterte, durchsetzte, beeindruckte.

Der Übergang ins Exil war geschaffen. Hanns Eislers „Hollywooder Liederbuch“ mit Texten von Bertolt Brecht folgten in der atemberaubenden, eindringlichen Interpretation des Bariton Matthias Goerne. Markus Hinterhäuser begleitete. Einen Höhepunkt das Lied „Über den Selbstmord“, dessen heißen: „Denn angesichts des Elends werfen die Menschen in einem Augenblick ihr unerträgliches Leben fort.“ Und dieses „fort“ bringt Goerne mit einem Fortissimo zum Erschauern. Stark, erratisch hängt dieses Wort im Raum.

Gustav Mahlers Lied „Der Abschied“ aus dem Zyklus „Das Lied von der Erde“ schließt den ersten Konzertabend. Die selten gespielte Fassung für Klavier hat Markus Hinterhäuser gewählt und bereitete damit seinen Abschied von den Wiener Festwochen vor. Er übernimmt 2017 die Salzburger Festspiele, in Wien folgt ihm Tomas Zierhofer-Kin.

Der diffizile Klavierpart geht bei Mahler über die Liedbegleitung hinaus. Klavier und Gesangsstimme sind Partner, verschmelzen jedoch im besten Fall zu einer Einheit wie bei Goerne und Hinterhäuser. Sänger und Pianist musizieren nicht mehr nur, sie führen das Lied auf wie ein Theaterstück. Hinterhäuser lässt auf den Tasten jedes Orchester vergessen, er inszeniert das Werk, jedoch stets in Partnerschaft mit dem Sänger. Am Ende schließt Goerne den Kreis, wenn er das Lied mit einem leisen, sachten, aber denkwürdigen „ewig“ ausklingen lässt. Nach Ernst Kreneks Chorwerk „Lamentatione Jeremiae Prophetae“ folgte das zweiten Konzerttag, das der Schönberg-Chor aufführte, folgte die Komposition „Wer, wenn ich schriee, hörte mich“ von Georg Friedrich Haas. Der ersten Duineser Elegie von Rainer Maria Rilke legte Haas ein feingliedriges Werk mit diversen Ziselierungen zugrunde, das vom Klangforum unter Bas Wiegers.

Den fulminanten Schlusspunkt setzt der Pianist Igor Levit mit „The People United Will Never Be Defeated“ von Frederic Rzewski. Die vielfältigen Variationen über ein chilenisches Revolutionslied, die über eine Stunde währen sind vielen erst durch die Interpretation Levits bekannt worden. Der Pianist führt es immer wieder auf, und jede Interpretation wird zur besonderen Aufführungen. Grandios brachte diese Konzertreihe mit Interpretationen anderer Lieder, wie „Die Internationale“, das italienische Revolutionslied „Bandiera Rossa“ ein und führt damit zurück den Ungeheuern. Exzellent.

© www.gregor-hohenberg.com Igor Levit

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