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Feindbild Wien: "Schee is nimma"

Warum Wien nach wie vor polarisiert

Cover - Feindbild Wien: "Schee is nimma" © Bild: Matt Onserve / vienna365.com

Hohe Zuwanderung, viele Arbeitslose, große Furcht vor Kriminalität: Wien polarisiert. Lässt es sich in der Bundeshauptstadt noch gut leben? Oder wollen jetzt alle wegziehen? Eine Spurensuche

Manchmal, wenn man durch die Wiener Straßen geht, ist man sich nicht sicher. Man schaut nach rechts, nach links. Es wirkt alles ruhig -aber täuscht der Eindruck? Wien ist in Verruf geraten. Es soll Menschen geben, die die Stadt verlassen wollen, weil sie sich "in der eigenen Gasse fremd fühlen", wie es Sebastian Kurz im Wahlkampf formuliert hat. Viele Frauen geben an, sich zu fürchten, wenn sie nachts unterwegs sind. Mit der U6 fahre man am besten gar nicht mehr, heißt es. Dazu kommt ein angebliches politisches Versagen: Wien fördert Islamkindergärten, hat hohe Schulden und die meisten Arbeitslosen. Und das sind nur ein paar der Vorwürfe an die Bundeshauptstadt, die derzeit kursieren. Handelt es sich dabei um eine politische Intrige, oder ist wirklich etwas dran? Wie schlecht lebt es sich im Jahr 2017 in Wien? Und war früher alles besser?

Rücksichtslose Menschen

Alles vielleicht nicht, aber einiges, findet Sonja Kaiser. Die Projektmanagerin und Mutter eines vierjährigen Sohnes möchte unbedingt raus aus der Stadt. Derzeit lebt sie mit ihrer Familie in Floridsdorf. Ein einst grüner, fast ländlicher Bezirk, in dem seit einigen Jahren "alles so hässlich zugebaut wird", findet Kaiser: "Durch dieses Bauen ist es auch wahnsinnig laut geworden. Natürlich auch durch den starken Verkehr. Die Leute sind roher und rücksichtsloser geworden, finde ich." Vorbei seien auch die Zeiten, in denen man um 500 bis 600 Euro pro Monat eine nette Familienwohnung mit Garten bekommen habe.

»Von der Intensität und Dynamik des Bevölkerungswachstums her sind wir wieder in der Gründerzeit«

Wien hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten tatsächlich verändert, bestätigt Stadtforscher Peter Payer: "Wien war durch die Abgelegenheit und Randlage lange Zeit konserviert." Die Bevölkerung schrumpfte, die Stadt stagnierte. Durch den Fall des Eisernen Vorhangs änderte sich das. Wien wanderte plötzlich in die Mitte Europas. Mit spürbaren, aber oft nicht benennbaren Folgen. "Real ist weniger Platz zur Verfügung als früher", sagt Payer. "Es ist enger in der Straßenbahn, es sind mehr Leute in der U-Bahn, es sind mehr Leute auf der Straße." Das bestätigt Daniel Amann, Sprecher der Wiener Linien, deren Fahrgastzahlen seit 1995 um ein Drittel angestiegen sind: "Wir befördern derzeit 2,6 Millionen Menschen am Tag." Stadtforscher Payer spricht von einem Boom, wie er um 1900 zu beobachten war: "Von der Intensität und Dynamik des Bevölkerungswachstums her sind wir wieder in dieser Gründerzeit." Immerhin leben derzeit 1,87 Millionen Menschen in Wien. Ab 2026 wird die Bundeshauptstadt - wie gegen Ende der Monarchie - wieder eine Zwei-Millionen-Metropole sein.

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Vielen fühlen sich überfordert von diesem starken Wachstum. Und es bietet politischen Parteien die Möglichkeit, sich mit dem Bedienen von Ängsten zu profilieren. Im Nationalratswahlkampf hat das Thema Zuwanderung eine große Rolle gespielt. Nicht nur die FPÖ, auch die ÖVP versuchte, mit Kritik an den "Wiener Zuständen" zu punkten. Geschickt verknüpfte Parteichef Kurz dabei berechtigte Kritik mit diffusen Ängsten und Vorurteilen.

Keine kluge Politik

Dass das Thema Wien im Wahlkampf eine Rolle gespielt habe, sei "kaum zu überhören und zu übersehen" gewesen, sagt Zeithistoriker Oliver Rathkolb. Er spricht jedoch von einer "absurden, rein strategischen" Auseinandersetzung: "Es ist keine kluge Politik und symbolisch-rhetorisch schon so etwas wie eine Rückkehr in die 30er-Jahre." Dies sei "eine junge Politikergeneration, die null aus der Geschichte gelernt" habe: "Wer eine Art Zentrum-Peripherie-Konflikt herbeiredet und herbeischreibt, zerreißt die innere Kohärenz des Landes, das ja sowieso aufgrund seiner Kleinheit auf europäischer Ebene und international extrem fragil unterwegs ist, trotz seiner ökonomischen Stärke."

»Der schönste Ort von Wien? Der Bahnhof. Von dort kann man wieder heimfahren.«

Dennoch genießt Wien außerhalb seiner Landesgrenzen einen recht zweifelhaften Ruf bei den Restösterreichern. Fast niemand möchte ein "Weana" sein. "Natürlich ,überwinden' sich viele und ziehen für einen Job oder eine Ausbildung hierher", sagt der Kärntner Florian (Name geändert): "Gleichzeitig würden sie sich aber niemals als Wiener bezeichnen, sondern bleiben auf ewig Steirer, Kärntner oder Tiroler. Und wenn sie können, behalten sie sich auch die Autokennzeichen von daheim." Manche verbindet eine regelrechte Hassliebe mit der Bundeshauptstadt, wie ein Ausspruch von Alexander Götz aus 1979 beweist. Der schönste Ort von Wien sei für ihn der Südbahnhof (heute Hauptbahnhof), so der damalige FPÖ-Chef und Grazer Bürgermeister: "Von dort kann man wieder heimfahren." Aber auch heute können sich viele gar nicht vorstellen, auch nur einen Tag in Wien zu leben -oder zu Besuch zu kommen. Es gibt ältere Mitbürger aus den Bundesländern, die ihre Enkelinnen nach wie vor davor warnen, mit ihren Babys nach Wien zu fahren, "weil dort Kinder gestohlen" werden könnten.

Historiker Rathkolb: "In der Bevölkerung gibt es immer den klassischen Identitätskonflikt, aber den würde ich nicht überschätzen. Es ist momentan eher politisches Kalkül, an dieser Schraube zu drehen." Immerhin naht die nächste Landtagswahl: "Aufgrund der Stärke der FPÖ in Wien und aufgrund der nach den Wahlen stärkeren ÖVP besteht der Masterplan bei Kurz, Wien möglichst bald auch in Richtung Schwarz-Blau zu führen." Der Chef der Volkspartei stehe in dieser Frage auch unter dem Einfluss von Wiens ÖVP-Obmann Gernot Blümel.

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Wiens SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl verstand es in den vergangenen Jahren jedenfalls geschickt, die Bedenken gegen einen blauen Bürgermeister politisch zu nutzen. 2015 brachte ihm das ein überraschend starkes Wahlergebnis. Die Querelen rund um seine Nachfolge zeigen aber, dass sich die romantische Idee vom roten Wien abgenützt hat. Stadtforscher Payer spricht von einer "Stadterzählung", die in der Zwischenkriegszeit begründet und nach 1945 fortgeführt wurde, nun aber vor einem Wendepunkt steht: "Die alten Strukturen müssen aufgebrochen werden. Sie passen nicht mehr wegen der Dynamik, die wir heute spüren, der Zuwanderung und ihren sozialen Komponenten. Das reicht von den politischen Machtverhältnissen bis zu Verwaltungsstrukturen."

Viele Arbeitslose

Immerhin ist es ja nicht so, dass es an Wien nicht einiges zu kritisieren gebe. So hat Wien mit 12,2 Prozent die höchste Arbeitslosigkeit aller Städte und Bundesländer, wie die Chefin des Wiener Arbeitsmarktservice, Petra Draxl, bestätigt. Gleichzeitig ist auch der Beschäftigungsstand ein besonders hoher, da neben Burgenländern, Niederösterreichern und Oststeirern auch Pendler aus dem nahen Ausland nach Wien zur Arbeit fahren. Unter den Wiener Arbeitslosen sind mit 50 Prozent besonders viele Geringqualifizierte zu finden. Zum Vergleich: In Restösterreich sind es nur 40 Prozent. Die Hälfte der Jobsuchenden hat zudem Migrationshintergrund.

Die meisten Studierenden von ganz Europa

Diese demografische Entwicklung passe jedoch nicht mit der Wiener Wirtschaft zusammen, sagt Wifo-Regionalexperte Peter Huber. Diese habe sich nämlich zum Dienstleistungssektor (85 Prozent aller Erwerbstätigen sind dort tätig) entwickelt und biete vor allem Jobs für Hochqualifizierte. "Die sehr stabilen Industriearbeitsplätze, mit denen man auch als Angelernter Karriere machen kann, gibt es nur noch am Land", so Huber. Dafür habe Wien die meisten Studierenden von ganz Europa.

»Wien ist generell anders als andere Bundesländer, was seine Struktur und Entwicklung betrifft«

"Wien ist generell anders als andere Bundesländer, was seine Struktur und Entwicklung betrifft", sagt Huber. Dies zeige sich auch bei der Höhe der Schulden. Hier findet sich Wien zwar nur auf Platz drei hinter Kärnten und Niederösterreich. Genau einschätzen ließen sich die tatsächlichen Belastungen aber gar nicht, sagt der Wifo-Forscher: "Es gibt wenig Informationen zu den Schulden, wir wissen gar nicht genau, wie das Wiener Budget im Detail aussieht."

Eine der sichersten Großstädte der Welt

Ein anderes Thema, das viele Menschen beschäftigt, ist die Sicherheit. Tatsächlich ist Wien aber heute nicht gefährlicher als vor zehn Jahren, im Gegenteil. Während die Zahl der Bevölkerung um zirka zehn Prozent angestiegen ist, haben sich die Anzeigen im selben Zeitraum um 10,2 Prozent reduziert. Wien ist damit eine der sichersten Großstädte der Welt.

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»Wien ist eine liebens- und lebenswerte Stadt. Die Lebensqualität ist hoch geblieben«

Und trotzdem fühlen sich viele unsicher. Dafür sind auch Medienberichte verantwortlich. "Wir haben in einem Teil der Medien ein sehr starkes Framing des Themas 'Geflüchtete Menschen und Kriminalität'", analysiert Kommunikationswissenschaftler Fritz Hausjell: "Das hat phasenweise auch dazu geführt, dass jeglicher Fall von sexuellem Übergriff groß ausgespielt worden ist, vor allem in den Onlinemedien." Umgekehrt gebe es aber "wenige Bemühungen, der Frage systematisch nachzugehen".

"Symbolischer Konflikt"

Wien hat deswegen nicht nur bei den hier Lebenden, sondern auch bei Auswärtigen einen schlechten Ruf. "Ich würde mich in dieser Stadt zu Tode fürchten", sagt Manuela (Name geändert), die in einem ländlichen Gebiet in der Hochsteiermark wohnt. Zu oft habe sie schon von Vergewaltigungen, Überfällen und Schießereien in der Hauptstadt gehört. Dass die gleichen Dinge nur wenige Kilometer von ihrem Einfamilienhaus entfernt ebenfalls passierten, sieht sie nicht. "Das Thema Angst spielt in Wien weniger eine Rolle als in den Bundesländern, und das ist ein wirklich paradoxes Phänomen", erklärt Rathkolb: "Also genau dort, wo die Hauptlast im Bereich Migration und Flüchtlinge liegt, ist die Angstspirale deutlich geringer." Das von der ÖVP und FPÖ offenbar angedachte Heimatministerium würde diesen "symbolischen Konflikt" freilich noch größer machen.

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»Es ist nicht mehr so, wie es früher war. Mir gefällt es hier nicht mehr so gut«

Tatsächlich, sagt Kriminalsoziologe Norbert Leonhardmair vom Vienna Center for Social Security, habe es Fälle von sexualisierter Gewalt durch Asylwerber gegeben, "das soll man nicht schönreden. Aber es herrscht eine verzerrte Wahrnehmung. Der überwiegende Teil der Sexualdelikte passiert innerhalb der Familie und in gewissen Institutionsformen."

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Eigentlich gehe es aber um etwas ganz anderes: "Viele Unsicherheiten werden mit Kriminalität in Zusammenhang gebracht. Die Menschen machen sich Sorgen, ob sie ihren Job im kommenden Jahr noch haben und ob sie die Miete weiterhin zahlen können." Dies seien aber "sehr komplizierte Probleme, mit denen man schwer umgehen kann". Also werden sie "gebündelt und auf Diebesbanden, Asylwerber oder Kriminalität im Allgemeinen projiziert". Die Politik spiele dieses Spiel mit. "Oft können sie nicht aus. Sie müssen so tun, als wären ein paar Hundert Polizisten mehr auf der Straße die Lösung des Problems." Denn die eigentlichen Probleme -Jobverlust aufgrund von Globalisierung zum Beispiel - sind nicht so leicht zu lösen.

Idyllischer Markt

Das zeigt auch ein Lokalaugenschein in Wien-Meidling, dem Heimatbezirk von ÖVP-Obmann Kurz. Es ist ein traditioneller Arbeiterbezirk mit 44,6 Prozent Ausländeranteil. Fühlt man sich hier "in der eigenen Gasse fremd"?

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Wenn es einen stört, dass auf der Straße viele verschiedene Sprachen gesprochen werden, dann ja. Ansonsten ist es an diesem sonnigen Novembernachmittag friedlich, fast idyllisch in der Meidlinger Hauptstraße. Die Punschstände haben geöffnet, die Weihnachtsbeleuchtung hängt. Das Hauptproblem sind aber nicht die Neo- Wiener, das zeigt sich in den Gesprächen mit Passanten, sondern dass die Menschen sich von der Politik im Stich gelassen fühlen. Die Pensionen sind niedrig, die Lebenserhaltungskosten steigen aber.

»Schee is nimma«

Mehrfach fällt der Name Bruno Kreisky (Anm.: SPÖ-Bundeskanzler von 1970 bis 1983). Damals, sagt eine ältere Dame, die seit 1954 im gleichen Meidlinger Gemeindebau wohnt, habe auch sie noch vom Sozialstaat profitiert. Jetzt würden nur noch andere profitieren. Sie hat am 15. Oktober Kurz gewählt. Eine andere Pensionistin findet, dass sich Wien "sehr geändert" hat: "Jeden Tag liest man in der Zeitung fünf, sechs Seiten über Mord, Raub und Vergewaltigungen. Ich würde sofort wegziehen, aber ich kann es mir nicht leisten." Ein Herr will weg aus Meidling, weil es ihm zu laut und zu teuer geworden ist. Schon seit 20 Jahren wählt er die FPÖ. Die SPÖ habe die Arbeiter wie ihn verraten, meint er. Und wie gefällt es ihm heute in Wien? "Schee is nimma."

Viel Kultur

Wenn Kritik an Wien laut wird, verweisen die Wiener Stadtpolitiker gerne auf die Mercer-Studie. Wien sei, wird darin Jahr für Jahr erhoben und publiziert, die Stadt mit der höchsten Lebensqualität weltweit. Allerdings ist die Umfrage umstritten. Sie bewertet Kriterien, die aus der Sicht von Mitarbeitern, die von internationalen Unternehmen ins Ausland entsandt werden, relevant sind. Zum Beispiel Sicherheit, öffentlicher Verkehr, Gesundheitssystem und Wasserversorgung.

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In der "Quality of Life in European Cities"-Studie der EU-Kommission, für die Einheimische befragt wurden, kommt Wien u. a. hinter Zürich, Oslo und Vilnius auf Platz acht. Dabei zeigt sich, dass die meisten Wiener mit dem öffentlichen Verkehr und dem Kulturangebot sehr zufrieden sind, aber auch, dass nur 45 Prozent der Wiener glauben, dass es leicht ist, hier einen Job zu finden. Auch was die tatsächliche Verfügbarkeit von leistbarem Wohnraum betrifft, landet Wien im Mittelfeld

Letztlich, auch das zeigt sich in der Diskussion um die Studien gut, geht es darum, wo genau man in Wien wohnt. Als gut bezahlter Mitarbeiter eines internationalen Konzerns in der Innenstadt? Oder als normaler Mensch am weniger schicken Stadtrand?

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Sie habe vor Kurzem beruflich im achten Bezirk zu tun gehabt, erzählt die Floridsdorferin Sonja Kaiser. "Da habe ich mir gedacht, es kann auch schön sein in Wien." Doch die Vielzahl an Boutiquen, Bioläden und gepflegten Gründerzeithäusern dort habe mit dem Leben in den Außenbezirken, die die Hauptlast der Bevölkerungszunahme tragen, nicht viel zu tun.

Und doch scheint das Leben in der Stadt nicht nur von Mühsal geprägt zu sein. Zumindest sind das die Erfahrungen der stadteigenen Beschwerdestelle. Von dort aus hat man in diesem Februar die App Sag's Wien in Umlauf gebracht, mit deren Hilfe die Bewohner ihre Sorgen mit modernen Mitteln an die richtige Stelle melden können. Das Angebot kommt an, erzählt Horst Lassnig, Pressesprecher von Sofortmaßnahmen und Stadtservice Wien: "Wir hatten 22.000 Downloads und bereits 15.000 bearbeitete Fälle." Die Art der Meldungen zeigt aber auch genau, was die Wienerinnen und Wiener wirklich stört. So werden zu einem großen Teil (37 Prozent) Verunreinigungen aller Art gemeldet -gefolgt von öffentlicher Beleuchtung, kaputten Verkehrsschildern und Straßenschäden. Auch in der Rubrik "Wünsch dir was" findet sich vor allem der Ruf nach mehr Grünflächen. Angst vor dem Nachbarn oder vor Bettlerbanden kommen in diesem Zusammenhang -und auch bei den persönlichen Terminen des Stadtservice in den einzelnen Bezirken -hingegen so gut wie gar nicht vor.

Interne Spannungen

Wien wird auch weiterhin unter internen Spannungen ächzen. Dazu kommt, dass es -eine Folge der allgemeinen Verunsicherung der vergangenen Jahre - als politischer Spielball wiederentdeckt wurde. Was die Zukunft betrifft, ist vieles unklar. Etwa welche Maßnahmen die neue Bundesregierung setzen wird, wer in der SPÖ künftig das Sagen hat und wie sich die globale Sicherheitslage entwickelt. Davon wird abhängen, ob der im Wahlkampf erfolgreich erprobte Kampf um Wien weitergehen wird.

»Man muss abwarten, was bei den Koalitionsverhandlungen zwischen ÖVP und FPÖ herauskommt«

"Momentan habe ich das Gefühl nicht", sagt Historiker Rathkolb. "Man muss abwarten, was bei den Koalitionsverhandlungen zwischen ÖVP und FPÖ herauskommt." Danach gebe es zwei Möglichkeiten: "Die eine ist eine Art Rückkehr in die 30er-Jahre, wo man Wien durch den Finanzausgleich massiv unter Druck gesetzt hat. Aber es gibt auch die Möglichkeit, dass wieder politische Vernunft einkehrt und gemeinsam die Herausforderungen der Zukunft bewältigt werden. Wien bleibt, ob einem das gefällt oder nicht, auch das ökonomische Zentrum dieser Republik."

Auch Stadtforscher Payer will abwarten: "Ich wäre noch ein bisschen vorsichtig damit, dass sich Wien jetzt wirklich zu einem politischen Feindbild herauskristallisiert," sagte er. Nachsatz: "Wenngleich alle Hinweise in diese Richtung deuten."