"Fehlinterpretation" bei Jugendkriminalität?
Keine Rückschlüsse auf tatsächliche Delikte

Jugendanwalt: Keine Auskunft über Verurteilungen Forderung nach Straferziehungslagern "entbehrlich"

"Fehlinterpretation" bei Jugendkriminalität?
Keine Rückschlüsse auf tatsächliche Delikte

Die veröffentlichte, jährliche Kriminalstatistik des Innenministeriums hatte ein Anzeigenplus bei Jugendlichen ausgewiesen. Demnach wurden bei 14- bis unter 18-Jährigen 2007 15,3 Prozent mehr Anzeigen gemacht als ein Jahr zuvor. Im Vergleich zu 2001 waren es insgesamt mehr als 50 Prozent.

Diese Zahlen gäben aber keinerlei Auskunft über rechtskräftige Verurteilungen, so Schmid. Die Verwendung des Begriffs Kriminalität sei daher irreführend. "Zwischen Anzeigen und Verurteilungen durch unabhängige Gerichte ist genau zu unterscheiden", betonte der Jurist. Erst die Verurteilungsstatistik des Justizministeriums von 2007 gebe letztlich Auskunft über das Ausmaß der Kriminalität. Diese liege aber noch nicht vor.

Warnt vor "Irreführung"
Der Jugendanwalt warnte weiters vor etwaigen Folgen der "Irreführung durch Falschinterpretationen der Anzeigenstatistik": "Jugendliche, die in regelmäßigen Abständen hören, dass sie gewaltbereiter und gewalttätiger werden, laufen Gefahr, dies in ihr Verhalten zu integrieren und so Gewalttaten zu legitimieren", so Schmid. Studien bewiesen allerdings, dass nur sechs Prozent der Jugendlichen in Europa gewaltbereit sind. Die restlichen 94 Prozent, die "trotz düsterer Prophezeiungen und ständigem Wiederholen falscher Tatsachen" nicht gewaltbereit sind, solle man nicht vergessen.

Als "besonders entbehrlich" bezeichnete der Jurist Forderungen nach Straferziehungslagern, Abschiebungen und härteren Strafen. "In keinem einzigen demokratischen Land der Welt haben derartige Maßnahmen zu einer Reduzierung von Jugendkriminalität geführt", hieß es. Stattdessen seien "eine sachliche Diskussion und wohlüberlegte (politische) Maßnahmen" zur Reduktion der Jugendkriminalität in Österreich nötig.

SPÖ-ÖVP-Konflikt
Bereits hatte sich die Wiener Gemeinderätin Tanja Wehsely dagegen ausgesprochen, Jugendliche über ihre "vermeintliche Gewalttätigkeit" zu definieren. Gleichzeitig betonte sie in einer Aussendung, dass die Bundeshauptstadt heuer 29 Mio. Euro für Jugendarbeit aufwende. Das Angebot reiche dabei von Freizeitaktivitäten, über Beratungs- und Bildungsservice bis zur mobilen Jugendarbeit. Ines Anger-Koch, Familiensprecherin der Wiener ÖVP, warf der Stadt indes vor, sich in Eigenlob zu suhlen. Sie forderte eine stärkere Anbindung des "Lebensmittelpunkts" Schule an das Jugendwohlfahrtprogramm. Hier könnten mögliche Probleme durch Verhaltensauffälligkeiten erkannt werden, hieß es in einer Aussendung. (apa/red)