"Fehler" - Israel übernahm Verantwortung für Tod von Helfern

von "Fehler" - Israel übernahm Verantwortung für Tod von Helfern © Bild: APA/APA/AFP/-

UNO-Mitarbeiter inspizieren angegriffenes Fahrzeug

Der israelische Generalstabschef Herzi Halevi hat den Tod von Mitarbeitern der US-Hilfsorganisation World Central Kitchen (WCK) im Gazastreifen durch einen israelischen Luftschlag einen "schweren Fehler" genannt und sein Bedauern ausgedrückt. "Der Angriff wurde nicht in der Absicht durchgeführt, den WCK-Helfern zu schaden", sagte er in der Nacht auf Mittwoch. Laut der Zeitung "Haaretz" handelten die beteiligten Soldaten eigenmächtig und gegen Anweisungen und Regeln.

"Es war ein Fehler, der auf eine falsche Identifizierung folgte - in der Nacht in einem Krieg unter sehr komplexen Bedingungen. Das hätte nicht passieren dürfen", sagte Halevi in einer Videostellungnahme. "Dieser Vorfall war ein schwerer Fehler", sagte er. Das habe eine vorläufige Untersuchung ergeben. Nähere Einzelheiten nannte er nicht.

Ein unabhängiges Gremium werde den Vorfall gründlich untersuchen und "in den nächsten Tagen abschließen", fuhr der israelische Generalstabschef weiter fort. Die Armee werde aus den Schlussfolgerungen lernen "und sie sofort umsetzen", sagte Halevi. Die Armee nehme "aus tiefstem Herzen" Anteil an der Trauer der Angehörigen und der Hilfsorganisation.

Wie "Haaretz" unter Berufung auf Militärkreise berichtete, hätten an dem Vorfall beteiligte Kommandanten und Streitkräfte gegen Anweisungen und Regeln gehandelt. Koordinierungsprobleme zwischen der Armee und der Hilfsorganisation World Central Kitchen seien dagegen nicht der Grund für den tödlichen Angriff gewesen. Ein israelischer Armeesprecher sagte auf Anfrage, man prüfe die Berichte.

World Central Kitchen hatte am Vortag den Tod von sieben Mitarbeitern im Gazastreifen bestätigt. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sprach in einer Videobotschaft von einem "tragischen Fall eines unabsichtlichen Treffers unserer Streitkräfte gegen Unschuldige im Gazastreifen". Man prüfe den Vorfall und werde alles tun, damit sich Derartiges nicht wiederhole.

Der Tod der ausländischen Helfer im Gazastreifen bei dem israelischen Luftangriff stellt Medienberichten zufolge die weitere Versorgung der Palästinenser in dem Kriegsgebiet infrage. "Jeder fühlt sich jetzt bedroht", zitierte die "New York Times" am Dienstag (Ortszeit) Michael Capponi, Gründer der Hilfsorganisation Global Empowerment Mission. Es müsse der internationalen Gemeinschaft von Nichtregierungsorganisationen "garantiert werden, dass wir bei unserer Arbeit, die so wichtig ist, sicher sind", forderte Capponi.

Israel riskiere, am Ende ohne Partner für die Bereitstellung und Lieferung humanitärer Hilfe in den Gazastreifen dazustehen, zitierte die "Times of Israel" einen Beamten der US-Regierung. Tess Ingram, Sprecherin des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF), sagte der Zeitung "New York Times", sie hoffe, dass der Tod der Mitarbeiter von WCK im Gazastreifen "die Welt dazu bringen wird, zu erkennen, dass das, was hier passiert, nicht in Ordnung ist". "Die Nachricht von dem Angriff ist entsetzlich - ein wahr gewordener Albtraum für uns", sagte Soraya Ali, Sprecherin der Organisation Save the Children, der US-Zeitung.

Auch die US-Regierung hatte empört auf den Tod der Helfer von World Central Kitchen reagiert und von Israel eindringlich Aufklärung gefordert. "Mehr als 200 Mitarbeiter von Hilfsorganisationen wurden in diesem Konflikt getötet, der damit zu einem der schlimmsten Konflikte für Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in der jüngeren Geschichte zählt", sagte der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrates, John Kirby, am Dienstag.

US-Präsident Joe Biden machte dem Verbündeten Israel anschließend schwere Vorhaltungen. "Das ist kein Einzelfall", beklagte Biden am Dienstagabend (Ortszeit) in einer schriftlichen Stellungnahme. "Dieser Konflikt ist einer der schlimmsten in jüngerer Zeit, was die Zahl der getöteten Mitarbeiter von Hilfsorganisationen angeht." Der Demokrat kritisierte wörtlich: "Israel hat nicht genug getan, um die Helfer zu schützen, die versuchen, die Zivilbevölkerung mit dringend benötigter Hilfe zu versorgen."

Der Vorfall löste auch Spannungen zwischen Polen und Israel aus. Ministerpräsident Donald Tusk kritisierte am Mittwoch den israelischen Premier Netanyahu und Israels Botschafter in Warschau, Jakov Livne. "Heute stellen Sie diese Solidarität auf eine harte Probe. Der tragische Angriff auf Ehrenamtliche und Ihre (Netanyahus) Reaktion darauf lösen verständlicherweise Wut aus", schrieb Tusk auf X. Netanyahu hatte den Angriff, bei dem auch ein polnischer WCK-Mitarbeiter starb, mit den Worten kommentiert: "So etwas passiert im Krieg."

Der australische Premierminister Anthony Albanese brachte Netanyahu in einem Telefongespräch persönlich "Australiens Wut und Besorgnis" über den Tod der sieben Helfer zum Ausdruck. Dies sagte Albanese auf einer Pressekonferenz. Unter den getöteten zivilen Helfern war eine australische junge Frau.

In komplexen Konfliktgebieten wie dem Gazastreifen teilten die Vereinten Nationen und andere Hilfsorganisationen den Kriegsparteien freiwillig die Koordinaten ihrer Büros, Lagerhäuser und anderer Einrichtungen mit, um zu vermeiden, dass sie versehentlich getroffen werden, schrieb das "Wall Street Journal". Einsätze im nördlichen Gazastreifen, der als besonders risikoreich gilt, müssten von der für die Koordinierung von Hilfe zuständigen israelischen Militärbehörde COGAT genehmigt werden. Die meisten Anträge würden abgelehnt. Dennoch seien bereits mehrfach Hilfskonvois in Gaza angegriffen worden, hieß es. Es sei nicht klar, warum der sogenannte "Deconfliction"-Mechanismus wiederholt versagt habe, um die Sicherheit der Helfer zu gewährleisten, schrieb die US-Zeitung weiter.

Die von der Terrororganisation Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde im Gazastreifen gab indes eine neue Opferbilanz bekannt. Wie es am Mittwoch hieß, wurden seit Kriegsbeginn 32.975 Palästinenser getötet. Zudem gebe es 75.577 Verletzte.