Faymann lässt sich als roter Retter feiern:
Trotz historischer Niederlage Siegestaumel

Große Zurückhaltung wegen Konsens-Kampagne Vom ewigen Lächler zur neuen SP-Führungsfigur

Faymann lässt sich als roter Retter feiern:
Trotz historischer Niederlage Siegestaumel © Bild: APA/Helmut Fohringer

Die SPÖ hat mit Werner Faymann ihr historisch schlechtestes Ergebnis eingefahren, und trotzdem wird keiner auf Werner Faymann böse sein. Der neue SPÖ-Chef ist wohl maßgeblich verantwortlich dafür, dass es sich trotz ganz schlechter Ausgangslage doch wieder für Platz eins ausging.

Faymann fuhr seiner Persönlichkeit entsprechend eine Konsens-Kampagne. "Genug gestritten" wurde plakatiert und tatsächlich hielt sich der SPÖ-Vorsitzende mit Angriffen auf die politischen Gegner mehr zurück, als das normal in Wahlkämpfen üblich ist, sogar zu sehr, wie manche Parteifreunde meinten.

Ewiger Umschmeichler
Immerhin, Faymann, der ewige Umschmeichler und Lächler, schaffte es, die Reihen in der SPÖ wieder zu schließen. Nach der Versöhnung mit der Gewerkschaft wurde zwei Monate gemeinsam gelaufen, und auch wenn man das Wegbrechen der Arbeiterschaft nicht verhindern konnte, reichte es für den Liebling der "Kronen Zeitung" immerhin noch für den psychologisch wichtigen Platz eins - und das nach der Ära Gusenbauer, die die SPÖ in den Umfragen Richtung 20 Prozent hatte rutschen lassen.

Dass Faymann nun plötzlich Kanzlerkandidat Nummer eins ist, ist irgendwie logisch und auch wieder nicht. Denn eigentlich wurde der 48-Jährige ewig als Wiener Bürgermeister-Reserve gehandelt. Nun verdankte es Faymann der roten Regierungsbeteiligung im Bund und vor allem der schwachen Performance seines alten Freundes Alfred Gusenbauer, dass er nun auf anderer Ebene als gedacht zu höheren Ehren kommen könnte.

Vom Minister zum Kanzler
Als Faymann in seiner Funktion als Infrastrukturminister ins Kabinett Gusenbauer eintrat, war von Anfang an klar, dass ihm eine Schlüsselrolle zukommen würde. Nicht nur, dass er über langjährige Regierungserfahrung auf Kommunalebene verfügte, die starke Wiener Landespartei hinter sich wusste und ein langjähriger Weggefährte Gusenbauers war, galt Faymann schon immer als Liebling des Boulevards. Mit "Krone"-Chefredakteur Hans Dichand war er sogar auf Urlaub, mit "Österreich"-Herausgeber Wolfgang Fellner ist er seit Jahrzehnten freundschaftlich verbunden.

Diese Connections und ein cleveres sachorientiertes Auftreten ließen den Regierungskoordinator rasch eine komfortable Position in der dauerstreitenden Koalition einnehmen. Vom Großteil der leserstarken Medien gehätschelt, konnte sich der zuweilen als Teflon-Politiker verspottete Faymann sogar hohe Manager-Abfertigungen bei ÖBB und Asfinag leisten, ohne in ein Popularitätstief zu fallen. Als Gusenbauer zu wackeln begann, war er die einzig logische Alternative.

Dass dem so war, hängt auch damit zusammen, dass Faymann einer jener Politiker ist, die selten irgendwo anecken. In der Partei schildert man ihn als Typ, der jedem im persönlichen Gespräch das umschmeichelnde Gefühl gibt, ernst genommen zu werden. Bei den Wählern ging er es mit dem gleichen Rezept an, keiner entkam einem Händeschütteln und Strahlen Faymanns. Ungewohnt und auch ein wenig irritierend war für ihn der mediale Gegenwind nach dem EU-Schwenk der SPÖ, vorgebracht just in einem Brief an die "Krone".

Dabei ist der SPÖ-Chef einer, der auch hart sein kann. Feinde meinen, er ginge lächelnd über politische Leichen, wenn es um seine Karriere gehe. Echte Belege dafür gibt es allerdings nicht. Bekannt ist, dass der SPÖ-Vorsitzende auch fordernd sein kann. Von seinen Mitarbeitern verlangt er Perfektion, auch er selbst gilt als extrem fleißig.

Home-Storys gegen schlechtes Image
Um dem Image eines aalglatten Politikers entgegenzuwirken, wurde in den vergangenen Monaten immer mehr über den privaten Faymann bekannt. Er liest seiner kleinen Tochter gerne Märchen vor, seine Leidenschaften sind das Wandern am Dachstein und der Lido in Venedig, in der Jugend war er großer Sportler und gewohnt wird in einem kleinen Haus am Stadtrand im 23. Wiener Gemeindebezirk. Auch Faymanns Frau, die Wiener Gemeinderätin Martina Ludwig, wurde häufiger aufgeboten, um die positiven Eigenschaften des Gemahls wie etwa dessen Kochkünste der Öffentlichkeit kundzutun. Society-Termine meidet das Paar im Gegensatz zu den Gusenbauers.

Die Basis dafür, dass der Vater von zwei Töchtern (eine aus erster Ehe) jemals so weit kommen konnte, hat der ehrgeizige Wiener, geboren am 4. Mai 1960 in eher bürgerlichem Elternhaus, schon vor Jahrzehnten gelegt. Mit der Politik macht er sich als Schulsprecher ein wenig vertraut. Als Funktionär der Sozialistischen Jugend schlug er im Stil Martin Luthers fast schon rebellisch sieben Thesen zur Jugendpolitik an die Tür des Rathauses. Später war der ehemalige Jus-Student, der von 1981-1987 die Wiener SJ anführte, dann schon zahmer unterwegs. Mit gerade einmal 28 wurde er Geschäftsführer der Wiener Mietervereinigung, eine echte Machtbastion in der Bundeshauptstadt.

Ab 1985 saß Faymann für die SPÖ im Gemeinderat bzw. Landtag, ab 1994 war er amtsführender Stadtrat für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung. In seinen Jahren in der Stadtregierung wurde ihm mehr als einmal nachgesagt, Ambitionen auf die Nachfolge von Michael Häupl als Wiener Bürgermeister zu hegen. So soll der Stadtchef auch ganz froh gewesen sein, Faymann in die Bundespolitik los gebracht zu haben. Dort wird er nun wohl auch bleiben - möglicherweise als Kanzler, dafür muss er aber wohl die ÖVP erfolgreich umschmeicheln. Denn eine Koalition mit FPÖ und BZÖ hat Faymann so kategorisch ausgeschlossen, dass hier ein Umfaller sein Image wohl nachhaltig zerstören würde.
(apa/red)