Fast 95 Mrd. Euro frisches Geld für Banken: EZB reagierte nun auf US-Hypothekenkrise

Nervosität: Zahlreiche Börsen in Turbulenzen

Fast 95 Mrd. Euro frisches Geld für Banken: EZB reagierte nun auf US-Hypothekenkrise

Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten infolge der US-Immobilienkrise hat die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals seit sechs Jahren wieder massiv am Geldmarkt eingegriffen. Die Notenbank pumpte frisches Geld in die Märkte und stellte den Banken zusätzliche 94,8 Mrd. Euro zur Verfügung. Zuletzt hatten die Währungshüter nach den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001 zu diesem Mittel gegriffen. "Die EZB stellt fest, dass es Spannungen im Euro-Geldmarkt gibt, obwohl die Versorgung mit Liquidität normal ist", teilte die Notenbank mit. Nach Ansicht von Beobachtern will die EZB damit die Marktteilnehmer beruhigen.

Am weltgrößten Aktienmarkt in New York kam es zum Handelsauftakt angesichts der groß angelegten EZB-Liquiditätsspritze zu massiven Kursverlusten, die im Tagesverlauf zwischenzeitlich eingedämmt wurden. Auch der Deutsche Aktienindex (DAX) gab im Handelsverlauf deutlich nach. Im sehr nervösen Handel sackte der Leitindex DAX zeitweise bis auf rund 7.426 Punkte ab, bevor er mit minus 2,00 Prozent auf 7.453,59 Punkte aus dem Handel ging. In London, Paris und anderen europäischen Börsen gerieten Finanztitel ebenfalls erheblich unter Druck.

Auch die amerikanische Notenbank reagierte: Sie pumpte ihrerseits insgesamt 24 Mrd. Dollar (17,5 Mrd. Euro) Reserven ins System, um einem scharfen Anstieg der US-Tagesgeldzinsen zu begegnen und um der starken Kreditnachfrage der US-Banken nachzukommen.

Wall-Street-Beobachter sahen in der großen EZB-Hilfsaktion für den Geldmarkt einen klaren Hinweis darauf, dass sich die Krise im Markt für amerikanische Hypothekenkredite für Hauskäufer mit schlechtem Kredit-Rating auch negativ auf andere Kreditmarkt-Bereiche und auf amerikanische sowie europäische Banken und Finanzdienstleister auszuwirken beginnt.

Für Unruhe an den Märkten hatte die Nachricht gesorgt, dass die französische Großbank BNP Paribas vorübergehend wegen der Krise an den US-Märkten drei Fonds geschlossen hatte. Die Investmentbank Goldman Sachs berichtete von "Gerüchten über Liquiditätsprobleme mehrerer europäischen Banken". Die EZB wollte dies nicht kommentieren und teilte lediglich mit: "Die EZB steht bereit, um geordnete Bedingungen auf dem Euro-Geldmarkt zu gewährleisten." Nach Ansicht von Ökonomen wollen die Währungshüter mit dem zusätzlichen Geld den Banken unter die Arme greifen, um Störungen an den Finanzmärkten zu verhindern.

Auf dem Geldmarkt leihen sich Banken bei der EZB, aber auch gegenseitig Geld aus. Experten gehen davon aus, dass die Nervosität an den Märkten dazu geführt hat, dass die Banken nicht mehr im üblichen Umfang bereit sind, sich gegenseitig Geld zu leihen. In diese Bresche springe nun die Notenbank, hieß es aus EZB-Kreisen.

Die Stimmung an den US-Börsen und Finanzmärkten wurde als sehr nervös beschrieben. Der Dow-Jones-Index fiel in den ersten Minuten des Handels um mehr als 200 Punkte. In der ersten halbe Stunde wies er ein Minus von 1,31 Prozent auf, bis zum frühen Nachmittag lag der Dow noch um 0,92 Prozent niedriger bei 13.532,67 Punkten.

Nach den Terroranschlägen in den USA 2001 hatte die EZB am 12. und 13. September 2001 an zwei Tagen in Form solcher "Schnelltender" frisches Geld in den Markt gepumpt und damit ihre Handlungsfähigkeit unterstrichen. Zuvor war es am Geldmarkt zu Panikreaktionen gekommen. Nach der damaligen EZB-Aktion hatten sich die Märkte beruhigt.

Die aktuelle EZB-Maßnahme kam überraschend, weil sich EZB- Präsident Jean-Claude Trichet zuletzt gelassen angesichts der Turbulenzen auf dem US-Markt für zweitklassige Hypothekendarlehen (Subprime) gezeigt hatte. "Das ist ein schrittweiser Prozess der Normalisierung bei der Einschätzung der Risiken", sagte Trichet vor einer Woche und stellte eine Zinserhöhung für Anfang September von voraussichtlich 4,0 auf 4,25 Prozent in Aussicht. Sollten die Probleme an den Finanzmärkten sich verschärfen, könnte die Zinserhöhung nach Expertenmeinung aufgeschoben werden.

"Die EZB hat ein Signal an die Märkte gesendet und versucht, die Marktteilnehmer zu beruhigen", sagte der Chefvolkswirt der DekaBank, Ulrich Kater. "Die grundsätzliche Problematik der US-Hypothekenkrise kann die EZB aber nicht abfedern." Wenngleich die konkreten Ansteckungseffekte auf den Euroraum derzeit nicht abzuschätzen seien, sei jedoch klar, dass die US-Hypothekenkrise bereits übergegriffen habe.

(apa)